Politik | Inland
09.06.2015

Die wahre Geschichte eines Bildes

Der FPÖ-Chef behauptet, dieses Foto sei gestellt. Der Vorwurf der Inszenierung ist aber unhaltbar.

Für FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl war "die Aktion nicht gegen Kinder gerichtet, sondern gegen unhaltbare Zustände im Asylwesen... so gesehen sind die Kinder Leidtragende..." (so seine Quasi-Entschuldigung im KURIER-Sonntag-Interview). Für FPÖ-Chef Heinz Christian Strache ist das Foto von KURIER-Fotograf Jürg Christandl, das am Vormittag des 3. Juni entstand und auf sozialen Medien wie Twitter tausende Mal geteilt wurde, gestellt. "Organisiert", wie er am Sonntag Abend in der ORF-Sendung "Im Zentrum" behauptete. Ein Vorwurf, der schwer wiegt, aber unhaltbar ist, wie ein Blick auf die Fakten zeigt.

Rückblick

Mittwoch Vormittag vergangener Woche. Dritter Wiener Gemeindebezirk. Landstraße. Etwa 20 FPÖ-Funktionäre sowie Sympathisanten protestieren vor der ehemaligen Zollwachschule, die rund 300 Asylwerbern als Unterkunft dient. Den "Nein zum Asylantenheim"-FPÖ-Plakaten stehen rund 100 Gegen-Demonstranten mit "Asylsuchende herzlich willkommen" gegenüber. Mitten drin: Medienvertreter, Fotografen.

KURIER-Fotograf Jürg Christandl sieht zwei erwachsene Flüchtlinge und ein Kind auf den Hauseingang des Asylwerberquartiers zugehen, sich den Weg vorbei an den Demonstranten bahnen "und hält drauf, drückt ab", wie es im Fotografen-Jargon heißt. "Das war eine Angelegenheit von vier Sekunden. Ich habe daran keine Inszenierung erkennen können, und ich war schon überhaupt kein Teil einer Inszenierung", sagt Christandl. Augenzeugen wie die Fotografen Martin Juen und Georg Hochmuth sowie SOS-Mitmensch-Sprecher Alexander Pollak bestätigen dessen Aussagen.

"Sie haben ihm erklärt, dass darauf geschrieben steht: ,Willkommen! Schön, dass du da bist!’ Damit er sich nicht fürchtet"

Jungfamilie

Falter-Redakteurin Nina Horaczek ließ das Foto nicht los. Sie machte sich auf die Suche nach den vermeintlich Inszenierten und fand sie (Die ganze Geschichte im aktuellen Falter). Mittlerweile in Traiskirchen. Den kleinen vierjährigen Mahmoud, der mit seinen Eltern am 13. Jänner aus seiner Heimat Syrien floh, um am 3. Juni mit Plakaten in Wien willkommen geheißen zu werden. Plakate, die er gar nicht verstehen kann. "Sie haben ihm erklärt, dass darauf geschrieben steht: ,Willkommen! Schön, dass du da bist!’ Damit er sich nicht fürchtet", weiß Horaczek aus Gesprächen mit den Eltern. Eltern, die alles verloren haben.

Ziad (28) und Maram (27). Ein ganz normales Paar, das einst in einem Vorort von Damaskus in einem Haus lebte, arbeitete, heiratete, einen Sohn bekam – bis der Bürgerkrieg kam. Flucht und Unterschlupf bei Verwandten statt Ausharren und Bangen unter Bombardement.

Flucht

Mahmouds Familie hat eine Monate lange Reise über den Libanon, die Türkei und Griechenland hinter sich. Die Flucht von Ziad, Maram und Mahmoud gelingt auch mit Hilfe von Schleppern zu Wasser und zu Land ehe sie am Mittwoch beim Asylwerberquartier in Wien-Erdberg vorerst endet. Denn von dort geht es – wie es das Gesetz vorschreibt – zum Erstaufnahmezentrum nach Traiskirchen. Dort lebt die junge Familie nun mit mehr als 1000 Menschen.

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