Glücklich auf dem Adventmarkt am Wiener Karlsplatz: Boris, der Serbe, Eli, die Perserin, und Gimli, ihr kleiner Rauhaardackel

© KURIER/Gilbert Novy

Flüchtlinge
12/26/2014

Der lange Weg nach Österreich

Das unterschiedliche Schicksal von vier Menschen, und wie es sie bis nach Österreich verschlagen hat.

von Bernhard Gaul, Ida Metzger

Krieg, Gewalt, ein ohnmächtiger Staat, und die Angst um das eigene Leib und Leben: Nur die wenigsten können sich hierzulande vorstellen, was es heißen muss, sein bisheriges Leben hinter sich lassen zu müssen, zu fliehen, und gezwungen zu sein, eine neue Existenz in einem fremden Land aufbauen zu müssen. Noch nie in der Geschichte unseres Kontinents gab es eine so lange Periode des Friedens in Zentraleuropa.

Der KURIER hat vier Menschen besucht, deren Leben und Familien einst verwurzelt waren in Syrien, im Iran, in Serbien und in Gambia. Und die nun versuchen, sich in alten oder neuen Berufen ein selbstständiges Leben aufzubauen. Für drei von ihnen bildete das Flüchtlingslager Traiskirchen den Startpunkt für ihr Leben in Österreich.

Gerettet in Traiskirchen, heute ein Liebespaar

Als Eli vor sechs Jahren nach einer langen und gefährlichen Reise aus dem Iran in Traiskirchen ankam, war sie so geschwächt und verletzt, dass sie ein Polizist ins Lager tragen musste. "Ich hatte sehr viel Glück", sagt das junge Mädchen heute, "es ist alles gut ausgegangen. Wäre ich in Teheran geblieben, wäre ich längst tot."

Eli floh vor einem gewalttätigen Ehemann und vor einem Staat, der sich weigerte, sie vor einem gewaltsamen Tod zu beschützen. Die Mutter hatte damals Schlepper organisiert, in einem Lkw wurde sie sieben Tage versteckt und bis nach Europa gebracht. Sie fürchtete, nach Deutschland zu kommen, und war dann glücklich, in Österreich angekommen zu sein.

Seit sie in Österreich Asyl bekommen hat – das ging aufgrund der Beweislage verhältnismäßig schnell – arbeitete sie hinter der Schank, als Reinigungskraft, als Abwäscherin, als Küchengehilfin und als Köchin. Dann wurde ihr ein Praktikumsplatz als Sozialbetreuerin für Behindertenarbeit von der Caritas angeboten. "Da war mir schnell klar, dass ich das machen will", erzählt die junge Frau. "Und heute liebe ich meinen Job."

Flucht mit fünf Jahren

Im Flüchtlingslager Traiskirchen begann auch für Boris das Leben in Österreich. "Viel weiß ich nicht mehr, das ist alles fast dreißig Jahre her. Ich kann mich in Traiskirchen an viele Menschen erinnern und an die große, grüne Wiese am Vorplatz, und dass es sehr lustig war", erzählt er mit einem schönen Wiener Akzent. "Du warst doch noch ein kleines Kind, da ist immer alles lustig", unterbricht Eli seine Erzählung. "Ja, ich war fünf. Meine Eltern mussten damals aus Serbien fliehen. Das habe ich alles erst später begriffen", sagt Boris ruhig.

Dass die beiden heute ein Liebespaar sind, ist ein reiner Zufall. Ihr gemeinsames Schicksal als Flüchtlinge in Traiskirchen hatten sie erst später bemerkt. "Eli ist eine tolle Fotografin", erzählt Boris stolz. "Bevor ich Boris kannte, habe ich nur in Schwarz-Weiß fotografiert", schmunzelt Eli. Heute macht sie farbenprächtige Aufnahmen und beide genießen ihr Leben: "Wir dürfen hier leben, wir haben hier alle Freiheiten, das ist nicht selbstverständlich. Und wir sind gleichberechtigt, der Mann hat hier keinen höheren Stellenwert wie im Iran."

Auch den Weihnachtsabend werden sie gemeinsam verbringen. "Ich liebe das Fest und den Christbaum. Überhaupt ist jetzt alles so schön geschmückt, alles lebt, alles leuchtet", sagt sie. Bisher habe sie zu Weihnachten immer gearbeitet, es machte ihr ja nichts aus. "Aber diesmal nicht, da hab’ ich mir freigenommen."

Ich träume von einer Rückkehr

Als Musiker war es Orwa Saleh (30) gewohnt zu reisen, oft wochenlang im Ausland zu sein. Doch Damaskus war immer seine Heimat. Hier lebte er mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn, unterrichtete Musik an der internationalen Schule.

Nie hätte es sich Orwa Saleh gedacht, einmal aus seiner Heimat Syrien flüchten zu müssen. Jahrelang lebten alle Religionen in Syrien friedlich Haus an Haus, Tür an Tür. Er selbst ist mit einer Griechin verheiratet.

Vor zwei Jahren entging er nur knapp den Tod. "Ich fuhr mit dem Auto durch Damaskus. Auf der Rückbank saß im Kindersitz mein zweijähriger Sohn, als plötzlich eine Bombe in der Nähe detonierte. Im ersten Moment war ich wie paralysiert. Überall war Rauch. Die Menschen schrien hysterisch. Was sollte ich tun? Sofort auf den Rücksitz zu meinen weinenden Sohn klettern, sofort mit dem Auto umdrehen? In dieser Situation ist man vollkommen hilflos", erzählt der Musiker.

Letzten Flug erwischt

Orwa Saleh schaffte es, durch das Chaos unverletzt in seine Wohnung zu kommen. Aber er wusste auch – in Syrien gab es keine Zukunft mehr. Die Lebensmittel wurden immer teurer. "Die Kosten explodierten und fraßen unsere Ersparnisse auf."

Sechs Wochen nach dem Erlebnis stieg Saleh mit seiner Familie ins Flugzeug. "Wir hatten Glück, mussten zwar stundenlang warten. Aber dann stiegen wir in das letzte Flugzeug bevor alle Fluglinien ihre Flüge nach Damaskus strichen", erzählt der Künstler. Als Orwa Saleh einen letzten Blick vom Flieger auf seine Heimatstadt wagte, erkannte er sie nicht wieder. "Man sah nur mehr Rauchwolken von den Explosionen."

Von Syrien nach Linz

Die erste Station auf der Flucht war Athen. "Da meine Frau Griechin ist, hatten wir kein Problem mit der Aufenthaltsbewilligung." Seit vielen Jahren hat der syrische Musiker einen guten Freund in Linz. Mit 2000 Euro in der Tasche, einem leichten Instrument und den wichtigsten Kleidungsstücken im Gepäck kam die Familie in Linz an. "Mein Freund bot uns an, dass wir anfangs bei ihm wohnen können." Das war vor knapp zwei Jahren.

Mittlerweile verdient Orwa Saleh wieder Geld mit Konzertauftritten. Der Sohn ist mittlerweile vier Jahre alt und besucht in Linz den Kindergarten. An die Erlebnisse in Damaskus kann er sich nicht mehr erinnern. "Er spricht auch schon gut Deutsch." Salehs Wunsch an die Zukunft: "Irgendwann möchte ich mich wieder zu Hause fühlen können."

Ohne Pass floh ich aus Gambia

Vor zehn Jahren begann seine Flucht. Seit eineinhalb Jahren ist er stolzer Besitzer der Rot-Weiß-Rot-Karte. David Jarju (31) hat eine Odyssee hinter sich – und steht fast vor seinem Happy End. Aber dazu erst später.

Der Flüchtling stammt aus Gambia, das gerade einmal 1,7 Millionen Einwohner hat. Das schützt den afrikanischen Zwergenstaat aber nicht davor, von einem der übelsten Diktatoren Afrikas regiert zu werden. Im Alter von 29 Jahren putschte sich Präsident Yahya Jammeh an die Macht, zuletzt ließ er sich 2011 in einer unfreien Wahl im Amt bestätigen.

Traum von Demokratie

Der junge David träumte von Demokratie für sein Land und schloss sich der People’s Progressive Party (kurz PPP genannt) an. Doch 2004 startete der skrupellose Jammeh eine Säuberungswelle gegen die Mitglieder der PPP. "Ich flüchtete über Nacht ohne Pass, über die Grenze in den Senegal. Dann ließ ich mich nach Italien schleppen. Eigentlich wollte ich wegen der Sprache nach England, doch ich blieb in Österreich stecken. "

Die ersten Wochen verbrachte David in Traiskirchen. Im Flüchtlingslager lebte er in Angst – vor der Abschiebung und der Gewalt im Lager. "Ich fühlte mich wie in einem Gefängnis. Es schliefen 15 Menschen in einem Saal und ich traute mich kein Auge zu zumachen. Ich war der einzige Afrikaner unter den Tschetschenen und Pakistani."

Durch Zufall hörte er von einem Verein in Wien, der Flüchtlingen hilft. Es war das Haus von Ute Bock. Hier absolvierte David seine ersten Deutschstunden. Vor knapp eineinhalb Jahren bekam David die Rot-Weiß-Rot-Karte. "Ich fühlte mich frei, weil der Druck weg war. Schön war auch, als ich ein Konto mit Bankomat-Karte bekam und Geld abheben durfte", erzählt er. Doch seit Kurzem ist David arbeitslos. Er hofft auf eine Ausbildung zum Kindergartenpädagogen. "Aber in einem halben Jahr brauche ich einen Job, damit die Rot-Weiß-Rot-Karte verlängert wird." Das wäre dann wirklich ein Happy End und endlich der Start in ein neues Leben.

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