Politik | Inland
10.08.2017

Muslime in Österreich: Retro-Einstellung zu Frauen

Politikwissenschaftler Peter Filzmaier hat mehr als 1000 Musliminnen in Österreich befragt. Sebastian Kurz fordert massive Begrenzung der Zuwanderung.

Die Donau-Universität Krems hat unter der Leitung von Professor Peter Filzmaier eine Studie über muslimische Gruppen in Österreich durchgeführt. 1.129 Muslime wurden in zwei Wellen befragt. Es handelt sich um Flüchtlinge aus Ländern wie Syrien, Afghanistan, Tschetschenien und Somalia sowie muslimische Zuwanderer bosnischer und türkischer Herkunft und in Österreich geborene Muslime. Sie wurden zu ihrem Religionsverständnis, Gesellschaft, Politik, Familie und Antisemitismus befragt.

Filzmaier betonte, dass es sich um keine repräsentative Studie handelt, da es ja keine Muslime-Datenbank in Österreich gebe. Dennoch könne man Tendenzen herauslesen. Nach einem sogenannten Schneeballsystem - Personen werben weitere Interview-Partner an - wurden von Dezember 2016 bis Mai 2017 die Befragungen im Auftrag des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) durchgeführt.

Muslimische Gruppen unterscheiden sich

Derzeit leben rund 700.000 Muslime mit überwiegend türkischem und bosnischem Migrationshintergrund in Österreich. In den letzten Jahren hat auch die Zahl der Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, zumeist Muslime, stark zugenommen. Die Studie zeigt, dass sich die unterschiedlichen muslimischen Gruppen in ihren Einstellungen und ihrer Religiosität zum Teil unterscheiden, betont Studienautor Professor Filzmaier: "Vor allem Befragte aus Somalia bezeichnen sich selbst als sehr gläubig, auch bei Personen aus Tschetschenien ist dieser Anteil überdurchschnittlich hoch. Während sich Befragte türkischer Herkunft und aus Syrien etwas häufiger als sehr gläubig deklarieren, sagt rund die Hälfte der Personen aus dem Iran und Personen bosnischer Herkunft von sich, nicht oder eher nicht gläubig zu sein."

Kein Handschlag mit Frauen

Zur Rolle des Islams in der Gesellschaft befragt, wünschen sich sieben von zehn der befragten Flüchtlinge sehr oder eher, dass der Islam in ihrer eigenen Familie eine starke Rolle einnehme. Dass der Islam auch in der Gesellschaft eine starke Rolle spielen soll, dieser Aussage stimmt ein Viertel der befragten Flüchtlinge sehr, weitere 20 Prozent eher zu. Fast zwei Drittel der Flüchtlinge sowie rund die Hälfte der befragten Menschen türkischer Herkunft sprechen sich sehr oder eher dafür aus, dass religiöse Regeln im Alltag auf jeden Fall Platz einnehmen sollen. Auch zeigen mehr als die Hälfte der Flüchtlinge sowie über 40% der Türkeistämmigen sehr oder eher Verständnis dafür, wenn Männer Frauen nicht die Hand reichen.

Ein Viertel der Flüchtlinge will islamische Rechtsvorschriften

Mehr als drei Viertel aller Befragten bosnischer Herkunft sowie zwei Drittel der Befragten türkischer Herkunft und mehr als die Hälfte der Flüchtlinge finden österreichische Gesetze und Vorschriften für gläubige Muslim/innen angemessen. Zugleich ist ein Viertel der Flüchtlinge der Meinung, dass islamische Rechtsvorschriften berücksichtigt werden sollen. Insbesondere Befragte aus Tschetschenien und Afghanistan sind häufiger dieser Meinung. Insgesamt wird die Aussage, dass man bereit sein muss, für den Glauben zu sterben, klar abgelehnt (58% auf gar keinen Fall). Differenziert nach Herkunftsländern zeigt sich, dass sich unter den befragten Somaliern, aber auch unter Syrern und Menschen türkischer Herkunft eine höhere Zustimmung zu der Aussage findet. In allen Gruppen wird sie aber klar mehrheitlich abgelehnt.

Ein Drittel der Flüchtlinge befürwortet gewaltsame Verteidigung der Familienehre

Jeweils mehr als 8 von 10 Flüchtlingen und Personen türkischer Herkunft beurteilen die Ehre der eigenen Familie als sehr oder eher wichtig, besonders groß ist die Bedeutung der Familienehre für Befragte aus Somalia und Tschetschenien. Befragte bosnischer Herkunft messen dem Thema am wenigsten Bedeutung zu. Die gewaltsame Verteidigung der Familienehre wird von mehr als einem Drittel der Flüchtlinge befürwortet – unter ihnen besonders von Somaliern und Tschetschenen – unter Befragten türkischer Herkunft von knapp jedem Dritten. Für das Thema Ehrenmord äußern weniger als 10 Prozent der befragten Flüchtlinge und Personen türkischer Herkunft Verständnis. Unter Personen bosnischer Herkunft lehnen praktisch alle Ehrenmord ab.

Für 4 von 10 Befragten türkischer Herkunft sollen Frauen als Jungfrauen in die Ehe gehen

40% der Befragten türkischer Herkunft sowie ein Drittel der Flüchtlinge wollen, dass Frauen auf jeden Fall als Jungfrauen in die Ehe gehen. Unter Menschen bosnischer Herkunft stimmt nur ungefähr jeder Zehnte dieser Aussage zu. Für knapp zwei Drittel der Flüchtlinge ist es sehr oder eher wichtig, dass ihr Partner bzw. ihre Partnerin ebenfalls muslimischen Glauben hat, besonders wichtig ist dies für Somalier und Tschetschenen; auch mehr als die Hälfte der Befragten türkischer Herkunft stimmen hier zu. Der gemeinsame Turn- und Schwimmunterricht von Mädchen und Burschen wird von jedem Fünften der befragten Flüchtlinge stark abgelehnt.

Witze über den Islam verbieten

Eine Gleichberechtigung aller Religionen wird quer durch alle Gruppen mit mehr als 80% befürwortet. Knapp 60 Prozent der Flüchtlinge und Befragten türkischer Herkunft finden jedoch, dass es verboten sein soll, sich öffentlich über den Islam lustig zu machen, weitere rund 20% stimmen dieser Aussage eher zu. Gut 60% der Befragten bosnischer Herkunft sowie der Flüchtlinge meinen, dass sich der Islam an die Traditionen und die Kultur in Europa anzupassen hat, von den Personen mit türkischem Migrationshintergrund meint das knapp die Hälfte.

Israel teilweise als Feind der Muslime wahrgenommen

Knapp die Hälfte jener, die sich als sehr gläubig einschätzen, stimmen der Aussage zu, dass Israel der Feind aller Muslime sei. Besonders hoch ist die Zustimmung unter Somaliern sowie unter Syrern. Insgesamt stimmt ein gutes Drittel der Flüchtlinge und Personen türkischer Herkunft dieser Aussage zu, eine Mehrheit dieser Gruppe lehnt sie gleichzeitig ab. Der Aussage, dass Juden zu viel Macht auf der Welt hätten, stimmen gut ein Drittel der befragten Syrer und ein Viertel der Befragten türkischer Herkunft klar zu, ein weiteres Drittel stimmt dem eher zu.

Gefühlte Benachteiligung bei Menschen türkischer und afghanischer Herkunft am höchsten

Zwei Drittel der Flüchtlinge sowie drei Viertel der Befragten mit bosnischem Migrationshintergrund sehen für sich in Österreich keinen Nachteil aufgrund ihres Glaubens. Knapp die Hälfte der Befragten türkischer und afghanischer Herkunft hat das Gefühl, manchmal schlechter behandelt zu werden, unter sehr Gläubigen dieser Gruppen sagen dies rund 40%.

Filzmaier sieht Nachholbedarf

Sozialwissenschafter Filzmaier, der die Studie zu den Wertehaltungen der Muslimen erstellt hat, sieht beim Thema Nachholbedarf. Aufgrund geringer Ressourcen und Schwierigkeiten bei der Erfassung der Bevölkerungsgruppe habe es bis vor kurzem nur wenige Anstrengungen gegeben. Einen Zusammenhang mit dem Wahlkampf sieht er in seinem Auftrag nicht.

Erst in den vergangenen Jahren nehmen Forschungsaktivitäten in Österreich zum Thema Islam "erfreulicherweise" zu, meint auch Filzmaier. Er hofft dabei auf ein "Einpendeln auf gutem Niveau". Vor allem Zeitreihen in der Forschung wären für den Sozialwissenschafter vernünftig, um die Entwicklung über die Jahre hinweg verfolgen zu können.

Filzmaier: Kein politischer Auftrag

Dass der Studien-Auftrag für den ÖIF - er ist ein Partner des Außen- und Integrationsministeriums - politische Absichten verfolgen könnte, stellte Filzmaier in Abrede. Denn nur die Präsentation sei im bereits laufenden Wahlkampf erfolgt, in Wahrheit arbeite man schon seit vergangenem Jahr daran.

Kurz für massive Begrenzung der Zuwanderung

Integrationsminister Sebastian Kurz sieht sich durch die Studienergebnisse in seinen politischen Plänen „bestätigt“. Kurz will Migration massiv reduzieren, insbesondere von bildungsfernen Menschen aus anderen Kulturkreisen. Eine Reform der Sozialsysteme, damit Menschen nicht in der Mindestsicherung verharren, somit am Rande der Gesellschaft stehen und dadurch Parallelgesellschaften gefördert werden. Sprach- und Wertevermittlung im Bildungssystem anstatt Parallelstrukturen wie Islam-Kindergärten. Kurz: „Insbesondere Islamkindergärten zeigen, dass durch ethnische, religiöse und sprachliche Abschottung Integrationsprobleme in die folgenden Generationen weiter getragen werden.“

Die ganze Studie zum Download