Erwin Steinhauer: „Politiker haben ständig Ausreden parat. Das steigert das Ohnmachts-gefühl“.

© Gerhard Deutsch

Interview
09/21/2013

„Es bringt mich zum Ausrasten“

Warum Erwin Steinhauer über die Politik wütend ist und Faymann einen Korb gab.

von Daniela Kittner

Der Schauspieler und Kabarettist Erwin Steinhauer dreht gerade den fünften Simon Polt-Krimi. Im Interview mit dem KURIER am Drehort im Weinviertel rechnet Steinhauer mit der Politik und dem Wahlkampf ab.

KURIER: Herr Steinhauer, wie finden Sie als politisch interessierter Intellektueller den Wahlkampf?

Erwin Steinhauer: Mich bringt absolut zum Ausrasten, dass ich als Wähler zum Talkshow-Konsumenten degradiert werde. Das ist entsetzlich. Da sitzen sich keine Politiker in einer Auseinandersetzung über Inhalte gegenüber, sondern ich muss eine Inszenierung mit Claqueuren anschauen, die jeden vertrottelten Satz beklatschen. Es geht nicht um Inhalte, das sind lauter trainierte Hampelmänner. Da sagt man dann: Na, der ist aber heute gut rübergekommen. Oder: Ah, heute hat er sich aber ein bisschen zurück gehalten. Oder: Na, der war aber angriffig heute. Das ist alles inszeniert. Es beleidigt mich. Ich finde, dass es einen Monat vor der Wahl überhaupt Politiker-Verbot im Fernsehen geben müsste. Das ist eine Beeinflussung, eine bloße Stimmungsdemokratie. Dann geht einer in die Wahlzelle und sagt: Ah, der war eh sympathisch, da mache ich das Kreuzerl hin.

Wie sollen sich die Leute eine Meinung bilden, wenn Politiker nicht ins Fernsehen dürfen?

Über Inhalte. Lesen. Das wär’ doch auch für die Allgemeinbildung gut. Das Fernsehen soll weiter den amerikanischen Schund machen, den sie sonst auch machen.

Man hat den Eindruck, dass der Verdruss über die Politik, der vor 20 Jahren unter den sogenannten Modernisierungsverlierern grassierte und diese in die Arme Jörg Haiders trieb, heute auch die gesellschaftlichen Eliten erfasst hat – Künstler und Intellektuelle wie Sie, aber auch Wirtschaftseliten. Was ist da passiert? Sind die Politiker so schlecht?

Ich glaube schon, dass die Besetzung der Protagonisten katastrophal ist. Dann spielt eine große Rolle, dass die Politiker sich ständig ausreden. Auf die EU, auf die Merkel, auf den Regierungspartner. Man braucht sich nur die ÖVP anzuschauen: Sie ist seit 26 Jahren an der Macht, aber vor jeder Wahl zeigt sie mit dem Finger auf den Mitbewerber und sagt: Wegen dir ist nichts weitergegangen. Und es ändert sich nichts. Was muss eigentlich in Österreich passieren, dass es keine große Koalition mehr gibt? Durch die ständigen Ausreden der Politiker wird das Ohnmachtsgefühl größer und das Desinteresse an der Politik steigt.

Die ÖVP hat immerhin einmal eine andere Koalition gewagt...

Für Schwarz-Blau zahlt die Bevölkerung heute noch. Dann tritt der Spindelegger hin und sagt, mit alldem habe ich nichts zu tun. Der Strache tritt hin und sagt, ich habe damit auch nichts zu tun. Da werden einfach Namen ausgewechselt – und man fühlt sich verarscht.

Wie ist Ihr Verhältnis zur SPÖ? Sie haben in dem Stück „Freundschaft“ den Hedonismus der jungen Generation in der SPÖ kritisiert. Aber der ist seit Faymann weg. Sind Sie versöhnt?

Versöhnt wäre ich, wenn die politischen Ergebnisse mich beruhigen. Wenn zum Beispiel die Schere von Arm und Reich nicht mehr auseinandergeht so wie jetzt, dass in der Krise die Reichen reicher und die Armen ärmer werden. Eine Sozialdemokratie muss dafür sorgen, dass es mehr Menschen besser geht. Okay, Faymann hat das eine oder andere durchgebracht, aber das ist immer noch weit weg von der Sozialdemokratie, wie sich sie mir vorstelle.

Aber Sie unterstützen jetzt den SPÖ-Kandidaten Sepp Stranig wegen seiner Leistungen für das Integrationshaus?

Ich war angefragt für das Personenkomitee von Werner Faymann, aber das ist nicht so meine Richtung. Ich finde es grundsätzlich merkwürdig, wenn sich Schauspieler dafür hergeben. Ich habe das ein einziges Mal gemacht. Man kann nicht auf der einen Seite kritisieren, und auf der anderen im Wahlkampf mitmachen. Ich bin für den Herrn Stranig, ja, aber das ist auf einer anderen Ebene. Hier geht es um eine Zeichen in der Asylpolitik.

Wann haben Sie das letzte Mal SPÖ gewählt?

1983. Dann ging Sinowatz mit dem Herrn Steger von der FPÖ zusammen. Auf dem Weg ins Burgtheater habe ich damals beim Portier in der Löwelstraße mein Parteibuch abgegeben. Nach sechs Jahren habe ich vom Poldi Gratz einen Brief bekommen, ob ich mir das nicht noch einmal überlegen will.

Die SPÖ greift aber jetzt die Verteilungsgerechtigkeit sehr stark als Thema auf.

Das tut sie, es nützt aber den Leuten nichts, wenn sie sie nicht durchsetzt. Mich regt auch auf, dass in der Bildungspolitik nichts weitergeht. Da sitzt der Herr Spindelegger neben dem Herrn Neugebauer, und unter dem Herrn Neugebauer steht: Zukunft. Das ist ein klarer Missbrauch dieses Wortes.

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