Politik | Inland 01.06.2014

"Im Anzug wurde die Hypo versenkt"

Bildnummer: 59172198 aktenkoffer alt arm attitude beruf blau blazer blick business coper doppelt fall finden formal gestalten … © Bild: wusuowei/Fotolia

Erwin Rasinger (ÖVP) und Julian Schmid (Grüne) diskutieren über den Dresscode im Parlament.

Für so viel Diskussion hatte eine Rede von ÖVP-Gesundheitssprecher Erwin Rasinger im Parlament selten noch gesorgt. Im KURIER sinnierte der Nationalratsabgeordnete über Taferlaktionen und das Outfit so mancher Mandatare. "Der Grüne Julian Schmid sitzt mit Trainingsanzug und Turnschuhen im Plenum. Ich habe anfangs gedacht, das sei ein fehlgeleiteter Parlamentsmitarbeiter."

Der jüngste Abgeordnete musste gar nicht zur Selbstverteidigung ausrücken, da sprangen gleich mehrere ein. Nationalratspräsidentin Barbara Prammer erteilte Rasingers Kritik ebenso eine Abfuhr, wie VP-Klubobmann Reinhard Lopatka. Der KURIER ließ Rasinger und Schmid diskutieren:

KURIER: Herr Rasinger, haben Sie sich mit Ihrer Kritik ein Eigentor geschossen? Von Barbara Prammer bis Lopatka gab es eine Abfuhr ...

Erwin Rasinger
Erwin Rasinger © Bild: KURIER/Jürg Christandl
Erwin Rasinger: Ich bin nicht der Elmayer des Parlaments. Aber wir müssen uns schon selbstkritisch fragen, warum Bürger einfach den TV-Apparat abschalten, wenn sie uns Politiker im Parlament sehen. Mir ist die Kleidung des Herrn Schmid egal. Aber er muss selbst wissen, ob das für einen Mandatar passend ist.

Julian Schmid: Die meisten im Parlament tragen ohnehin Anzüge. Ich selbst trage Anzug nicht gerne, und ich will auch im Parlament so bleiben, wie ich bin. Wichtiger ist mir die Frage: Worum geht es in der Politik? Mir ist der Charakter des Politikers – wofür kämpft er, und wofür er steht – wichtiger als sein Outfit.

Rasinger: Ich will Ihnen auch keinen Nadelstreifanzug verordnen. Aber Sie müssen akzeptieren, dass viele Bürger etwas anderes unter dem Hohen Haus verstehen, als mit Zwischenrufen aufzufallen und Taferl-Orgien zu veranstalten. Bei uns sollte die Brillanz der Rede und der Argumente wichtig sein, deswegen heißt es Parlament. Das war schon unter Cicero so.

Schmid: Mehr Würde im Parlament schafft man nicht durch einen Dresscode. Ich stamme aus Kärnten, und die Hypo-Milliarden sind von Männern im feinsten Anzug versenkt worden. Um das Milliardenloch wieder zu stopfen, spart jetzt die Regierung bei den Zukunftsthemen wie Bildung, Unis, Umwelt- und Klimaschutz. Auf diese Fragen muss die Politik Antworten finden. Ein Anzug mehr im Parlament ist da nicht die Antwort.

Hat Julian Schmid nicht recht – sollten Inhalte nicht wichtiger sein?

Julian Schmidt diskutierte via Telefonkonferenz mit Erwin Rasinger.
Julian Schmidt © Bild: KURIER/Franz Gruber
Rasinger:Natürlich sind die Inhalte wichtig. Aber ich bin seit 20 Jahren im Parlament, und der Imageverlust des Parlaments ist unübersehbar. Auch die beiden Ex-Nationalratspräsidenten Andreas Khol und Heinz Fischer sind dieser Meinung.

Schmid: Aber das Image ist doch nicht wegen weniger Anzüge schlechter geworden. Da ist viel anderes schief gelaufen. Ich sage nur Stichwort Korruption.

Kann man für die letzten 20 Jahre wirklich Julian Schmid verantwortlich machen – er sitzt erst seit sechs Monaten im Hohen Haus?

Rasinger: Wir müssen an vielen Schrauben drehen. Aber: Ohne weißen Arztmantel könnte ich nicht ordinieren.

Fordern Sie eine Netiquette?

Rasinger: Natürlich. Ich finde die Entwicklung negativ.

Schmid: Ich finde, statt Anzug brauchen wir eine neue Kultur im Hohen Haus. Bei manchen Reden habe ich das Gefühl, dass ich Selbstgespräche führe, weil die Ränge leer sind. Es wäre schön, wenn der Klubzwang abgeschafft wird und die Regierung den Hypo-U-Ausschuss zulässt. Das wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung für ein besseres Image.

Erstellt am 01.06.2014