Erwin Pröll: "In einer Gesinnungsge­mein­schaft nie öffentlich streiten"

Landeshauptmann Erwin Pröll, in seinem Büro, Blick…
Foto: KURIER/Gerhard Deutsch Erwin Pröll

Im Kernland der ÖVP tritt heute Erwin Pröll als Parteiobmann ab, seine Partei verabschiedet sich damit auch offiziell von ihm..

25 Jahre lang hat er die Geschicke Niederösterreichs geleitet. Erwin Pröll gehörte in dieser Zeit auch zu den großen Playern in der Bundespolitik. Doch mit 70 ist Schluss, befand er. Beim zweitägigen Parteitag in St. Pölten übergibt er an seine Nachfolgerin Johanna Mikl-Leitner. Im KURIER-Interview blickte Pröll auf seine Zeit zurück. Zukünftig will er nur noch als Ratgeber hinter den Kulissen zur Verfügung stehen.

KURIER: Sie übergeben heute den Parteivorsitz der ÖVP-NÖ an Johanna Mikl-Leitner. Im Blick zurück, was hat Sie in den 25 Jahren wirklich gefreut?

Erwin Pröll: Das waren jene drei Wahlabende, wo es gelungen ist, die absolute Mehrheit zu erreichen. Dabei ist sichtbar geworden, dass Zusammenhalt und Teamarbeit fruchten und eine konsequente Arbeit, die auf dem seriösen Kontakt mit der Bevölkerung fußt, eine exzellente Grundlage für den Erfolg ist.

Und bedrückt?

Das waren die Hochwasserkatastrophen. Da habe ich gemerkt habe, dass es Situationen gibt, wo der Einzelne rasch an seine Grenzen stoßt.

Gibt es so etwas wie Dankbarkeit in der Politik?

Wenn es in den letzten Wochen ein Aha-Erlebnis für mich gegeben hat, dann ist es das Faktum, dass der Grundsatz, in der Politik gibt es keine Dankbarkeit, ad absurdum geführt wurde. Seit meiner Bekanntgabe, nicht mehr zu kandidieren, habe ich Hunderte Briefe bekommen.

Was wurde geschrieben?

Viele haben gesagt, schade, weil sie vielleicht keinen anderen Landeshauptmann als mich erlebt haben. Viele haben Verständnis für meinen Schritt gezeigt und es war große Dankbarkeit darunter.

Zurück zu ihren Wahlerfolgen. An welchen erinnern Sie sich besonders gerne zurück.

Das war die erste Absolute (2003). Die ist in einer Phase gelungen, als die FPÖ gegen die Osterweiterung aufgetreten ist und ich mir im Klaren war, die Strategie muss eine Ehrliche bleiben. Mein Grundsatz hat gelautet, die Osterweiterung kommt, ob es uns passt oder nicht. Wir müssen einfach daraus das Beste machen.

Nach Ihrem letzten Wahlerfolg 2013 haben Sie auch gestrahlt.

Weil Stronach unglaublich untergriffig agiert hat. Da hat sich gezeigt, dass die Menschen mehr Vertrauen zu denen haben, die in schwierigen Situationen bei ihnen sind, im Vergleich zu denen, die versuchen mit Geld politisches Vertrauen zu erkaufen.

Gab es etwas, was Sie heute anders machen würden?

Im Blick zurück ist man immer gescheiter. Das eine oder andere Mal habe ich in den Anfangsjahren Entscheidungen zu rasch getroffen, im Hinblick auf das Mitnehmen der Bevölkerung. Damals ist mir immer alles zu langsam gegangen.

Zuletzt war das Tempo nicht mehr ganz so hoch.

Weil man mit zunehmenden Alter immer erfahrener und gelassener wird.

Gelassenheit als Erfolgsrezept?

Das Wichtigste in der Politik ist, gelassen zu bleiben.

Was soll von Ihrer Zeit bleiben?

Ich hoffe, dass viele Infrastrukturentscheidungen weit in die Zukunft hinein reichen. Da meine ich die Verkehrs-, Wissenschafts- und Kultur-Infrastruktur.

Die Botschaft an ihre Partei?

Auch wenn es manchmal noch so hart ist, in einer politischen Gesinnungsgemeinschaft darf man nie den Streit öffentlich aufkommen lassen. Und dass das wertvollste politische Kapital, das man hat, der Kontakt zu den Menschen und deren Vertrauen ist.

Sie haben auch auf die politische Karte "Landesbewusstsein" gesetzt. Warum?Wer an sich selber nicht glaubt, der kann andere nicht motivieren.

Nennen Sie ein Beispiel, was sich in Ihrer Zeit hier deutlich verändert hat.

Vor 30 Jahren war es unmöglich, in Niederösterreich ein Studium zu absolvieren. Jeder musste nach Wien, Linz oder Graz gehen. Heute ist das kein Thema mehr. Diese und die vielen anderen neuen Möglichkeiten im Land haben natürlich das Selbstbewusstsein gestärkt.

Sie sind stolzer Niederösterreicher. Sind Sie damit auf die Welt gekommen?

Nein. Die Anfangsphase dieses Gefühls geht auf meine Studentenzeit in Wien zurück, wo ich das eine oder andere Mal bitter zur Kenntnis nehmen musste, wie abfällig man über Niederösterreich geredet hat. Schon damals habe ich mir gedacht, das kann doch nicht sein, dass das Land um Wien schlechter qualifiziert als die Bundeshauptstadt ist.

Welcher Politiker außerhalb der ÖVP hat Sie fasziniert?

Das war Bruno Kreisky. Ich hatte das Glück, ihn in meiner Anfangszeit in der Landesregierung erleben zu können.

Und Respekt?

Den hatte ich vor Vranitzky, der in den Gesprächen immer sehr geradlinig war. Ich muss auch Faymann nennen, obwohl wir in einigen Phasen sehr stark differiert haben. Ich habe auch mit Bundeskanzler Kern eine vertrauensvolle Gesprächsbasis.

Abseits der SPÖ?

Phasenweise gab es mit Strache eine gute Basis.

Sie konnten mit den meisten SPÖ-Chefs in Niederösterreich.

Da gab es nur eine Unterbrechung in der Legislaturperiode mit Josef Leitner (2008– 2013), der es auf einen harten Konfrontationskurs angelegt hatte, doch der ist vom Wähler abgestraft worden.

War das Geheimnis Ihres Erfolges die Macht der absoluten Mehrheit oder Ihre farblosen Gegner?

Weder noch. Wenn es etwas war, war es der unkomplizierte Zugang zu den Menschen.

Hat es Ihnen die politische Konkurrenz zu leicht gemacht?

So leicht kann es nicht gewesen sein. Gegen mich sind gestandene Bundespolitiker wie Karl Schlögl oder Ewald Stadler angetreten.

Kritik an Ihrer Politik hat es gegeben. Da waren die Angriffe auf den damaligen Finanzlandesrat Sobotka wegen der Veranlagung der Wohnbaugelder. Warum waren Sie sich so sicher, dass das Ihnen nicht schadet?

Weil ich gewusst habe, dass Sobotka ein verantwortungsbewusster Politiker im Umgang mit Geld ist und diese Konstruktion in einer Zeit zustande gekommen ist, wo die Grundvoraussetzung eine ganz andere war.

Zuletzt mussten Sie wegen Ihrer Stiftung Kritik einstecken.

Wir haben den Niederösterreichern gesagt, wie die Konstruktion aussieht. Und die gemeinnützige Tätigkeit ist in der Stiftungsurkunde klar festgeschrieben.

Zeitungskommentatoren haben Sie als Landesfürsten oder als Putin von St. Pölten bezeichnet. Hat Sie das gestört?

Jemand, der sich wiederholt dem Wähler gestellt hat, als Fürsten zu bezeichnen, das richtet sich von selbst. Diejenigen, die diese Bezeichnungen gewählt haben, habe ich auch nie bei den Menschen in Niederösterreich gesehen.

Die Politik beherrscht fast Ihr ganzes Leben. Ab April begeben Sie sich in die Rolle des Zusehers?

Des Zusehers und Zuhörers.

Was heißt das?

Ich werde weiter ein sehr aktiver Beobachter der Bundes- wie Landespolitik sein. Wenn jemanden meine Einschätzung interessiert, dann werde ich diese zur Verfügung stellen. Allerdings nicht öffentlich.

Vielleicht kann man Ihnen zur Tagespolitik noch Kommentare entlocken. Wie schlägt sich der neue Bundespräsident?

Die Zeit, das endgültig zu beurteilen, ist zu kurz. Die Angelobung ist aber für viele sehr positiv gewesen.

Zuletzt wurde über Neuwahlen auf Bundesebene spekuliert.

Dies öffentlich zu kommentieren, ist nicht mehr meine Aufgabe.

Niederösterreich wählt in einem Jahr. Wird man Erwin Pröll im Wahlkampf sehen?

Ich werde kein aktiver Wahlkämpfer sein. Das ist für einen ehemaligen Landeshauptmann nicht opportun.

Wie ist das neue ÖVP-Team?

Das ist ausgezeichnet. Hanni Mikl-Leitner hat alle Fähigkeiten, ein optimales Wahlergebnis nach Hause zu bringen.

Ein optimales Wahlergebnis ist in der heutigen Zeit?

Klare Verhältnisse auch in Zukunft für Niederösterreich.

Grundsatzfragen zum ländlichen Raum haben Sie immer interessiert. Wird sich durch die Digitalisierung der Welt, das Zusammenleben in den Dörfern verändern?

Die Verbindung des Dorfs mit der Welt bringt enorme Standortvorteile. Natürlich birgt die Globalisierung auch unglaubliche Gefahren. Da ist der Missbrauch, die Denunziation oder Verführung. Und was der Welt durch die neuen technischen Möglichkeiten zunehmend abhanden kommt, ist der zwischenmenschliche Kontakt.

Wie sollte die Politik darauf reagieren?

Man muss mehr Oasen des menschlichen Zusammenkommens schaffen, also Orte, wo Menschen einfach Mensch sein können.

In der Politik heißt es, sag niemals nie. Können Sie eine Rückkehr in das aktive politische Leben für sich ausschließen?

Ja. So sehr ich mit Leib und Seele Politiker war und der Terminkalender mir 37 Jahre lang mein Leben vorgegeben hat, kommt für mich jetzt die Zeit, wo ich selbstbestimmt sein möchte.

(kurier) Erstellt am
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