Politik | Inland
09.05.2016

"Ich habe mich wirklich geschämt"

Die Schriftstellerin und ehemalige Burgtheaterschauspielerin über die politische Situation.

KURIER: Norbert Hofer hat mehrfach angekündigt, er würde als Bundespräsident sämtliche verfassungsrechtliche Möglichkeiten ausschöpfen. Die Zweite Republik – war’s das?

Erika Pluhar: Die Frage beantworte ich gleich einmal mit: "Nein!" Das darf es nicht gewesen sein! Mein Lebensmotto lautet "Trotzdem", es gilt auch jetzt. Selbst wenn die Zeichen dagegen sprechen: Ich hoffe trotzdem, dass die Bevölkerung genug Vernunft hat. Ich will diese Zuversicht nicht verlieren.

Wie empfinden Sie die Situation?

Ich hatte eine wunderbare Geschichte-Lehrerin. Sie hat uns bereits in den 1950er-Jahren über Holocaust und Nationalsozialismus aufgeklärt. Ich bin daher seit meiner Jugend Antifaschistin. Und daher kann ich auch nicht anders, als mich gegen Blau zu wenden. Das war schon zu Zeiten Jörg Haiders so. Jetzt hat sich die Situation unglaublich zugespitzt – nicht nur in Österreich. Der Rechtsruck ist in ganz Europa bemerkbar. Die Flüchtlingsströme haben verängstigt und verunsichert. Und die Angst ist stets ein teuflischer Ansatzpunkt für rechtsradikales Gedankengut. Daher wäre es wichtig, die Zusammenhänge richtig zu erklären.

Und zwar?

Es gab immer Migration. Meine Großeltern zum Beispiel kamen aus der Tschechoslowakei nach Österreich. Derzeit herrschen allerorts Völkerwanderungen – aus ökologischen, ökonomischen und kriegsbedingten Ursachen. Die Menschheit steht vor einer neuen Herausforderung. Man muss dagegen sein, wenn Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhass verhindern wollen, was nicht zu verhindern sein wird, was nur mit Verstand und Ausdauer und – ich wage es zu sagen – mit Menschenliebe gelingen kann. Dieser Wir-sind-wir-Sumpf ist schrecklich, er hat die Menschheit nie weitergebracht. Wenn es doch möglich wäre, der Bevölkerung den Hass und die Angst als die schlechtesten Berater auch des eigenen Lebens bewusst zu machen!

Ist es unmöglich?

Künstler sind leider nicht wirkungsvoll. Sie gelten zurzeit nur etwas, wenn sie "Promis" sind. Und "Promis" können keine politischen Aussagen treffen, die von der Bevölkerung ernst genommen werden. "Promis" sollen eben unterhalten. In einer Gesellschaft, die in erster Linie an "Dancing Stars", an Haubenlokalen und Royals interessiert ist, sind Vokabel wie "Notstand", "Obergrenze" und "Zäune" unpassend. In meinem Konzertprogramm lebt das Protestlied zwar weiter. Es heißt "Sing dagegen an!" – und mein Publikum tut das auch begeistert.

Aber Sie haben keine Strache-Wähler.

Leider. Das würde ich ja so gerne: Überzeugungsarbeit leisten. Ohne sich blind zu empören. Jeder schmeißt auf Facebook, aber auch in Talkshows mit Meinungen um sich. Ich hab’ das Gefühl: Die Äußerungen sind meist nicht durchdacht. Und diesem Meinungswirrwarr sind Menschen ausgeliefert, die keine politische Bildung, aber Angst haben – davor, dass sie etwas verlieren könnten. An diese Menschen müsste man sich wenden können.

Sie standen immer der Sozialdemokratie nahe. Vermögen Sie dies heute noch?

Ich habe mich geschämt, als Werner Faymann die Kehrtwendung vorgenommen hat. Ich habe mich früher nicht sonderlich mit Angela Merkel befasst, aber sie achten gelernt. Die deutsche Kanzlerin verbindet Vernunft mit Empathie, sie hat ein politisches Wissen und ein sachliches Kalkül. Sie weiß, wie gefährlich die gegenwärtige Situation mit den Flüchtlingen ist, und versucht, sie auf eine menschenwürdige Weise zu behandeln. Aber wir in Österreich machen plötzlich diese Kehrtwendung zu den nationalistischen "Visegrád"-Ländern ...

Zur Visegrád-Gruppe gehören Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn.

Zur Zeit des Kommunismus sind die Menschen aus diesen Ländern zu uns geflüchtet. Und wir haben sie aufgenommen. Ich kann mich noch genau erinnern: Wir haben die Flüchtlinge in Traiskirchen betreut und versorgt. Und jetzt? Ich stand Österreich sehr oft kritisch gegenüber, aber ich habe immer gewusst, dass es eines der am besten regierten Länder Europas ist. Nie zuvor habe ich dieses traurige Gefühl gehabt, ich müsste mich meines Landes schämen. Auch bei Waldheim nicht. Aber als Faymann Frau Merkel in den Rücken fiel: Da habe ich mich wirklich geschämt.

Hat die SPÖ ihre Ideale aufgegeben?

Man weiß, dass Wirtschaft und Medien die Machtfaktoren sind, die uns beherrschen, und nicht die Politiker. Aber so viel Wankelmut und Torheit einer schwierigen Situation hinzuzufügen: Das verfolgen zu müssen, das war bestürzend. "Obergrenze" und "Zäune": Was für Begriffe, sie ins Volk zu schleudern! Wir wissen schon seit vielen Jahren, dass die Menschen im Atlantik und im Mittelmeer ertrinken. Das ist weit weg. Dann kamen die Flüchtlinge auf dem Landweg zu uns. Das passierte aber nicht von heute auf morgen. Das hätten politisch wissende Menschen schon seit Langem absehen müssen! Uns geht es in Österreich vergleichsweise wirklich gut. Daher hat mich das Vokabel "Notstand" so erzürnt. Sich derart weit nach Rechtsaußen zu begeben und einem faschistoiden Gedankengut zu huldigen: Das könnte zu einer Katastrophe führen!

Nicht alle in der Partei denken so. Steht die SPÖ vor einer Zerreißprobe?

Es steht wirklich schlecht um die SPÖ. Ich will mein "Trotzdem" dennoch nicht sinken lassen. Denn die Sozialdemokratie ist für mich die einzige wirkliche Möglichkeit.

Was raten Sie?

Ich kenne in dieser Partei derzeit keine Menschen, die ich schätze – wie einst Franz Vranitzky oder Ferdinand Lacina oder Franz Voves. Ich weiß daher nicht, was ich raten soll. Es braucht eine starke Persönlichkeit, eine Person mit Charisma.

Einen Wechsel an der Führungsspitze?

Das glaube ich. Faymann hat immer wieder politische Unklugheit bewiesen. Das darf nicht sein.

Am 22. Mai wird der Bundespräsident gewählt. Was halten Sie von Alexander Van der Bellen?

In der gutbürgerlichen Bevölkerung gilt er als Ultra-Linker, als fürchterlicher Kommunist. Das ist völlig unverständlich. Er ist ein konzilianter, nobler Herr. Er wäre ein würdiger Bundespräsident.

Norbert Hofer hat mit seinen Ankündigungen erstaunt. Wussten Sie, welche Macht der Bundespräsident hat?

Vor vielen Jahren habe ich das Brucknerfest eröffnet – und meine Rede scheinbar derart überzeugend vorgetragen, dass ich von Sozialisten gefragt wurde, ob ich mir nicht vorstellen könnte, für das Amt zu kandidieren. Ich lehnte ab, aber ich habe mich damals sehr genau erkundigt, welche Rechte und Pflichten ein Bundespräsident hat. Und dann schrieb ich einen Roman darüber. Daher weiß ich, dass er viel mächtiger ist, als in der Vergangenheit ausgeübt. Deshalb muss man auch aufpassen, wer unser nächster Bundespräsident wird. Er kann das Land leicht umstrukturieren.

Ich kenne den Roman leider nicht.

Er heißt "Die Wahl" und erschien 2003. Sie können ihn gar nicht kennen, er war kein Erfolg. Ich habe eine Frau der Aufforderung zu kandidieren Folge leisten lassen. Und ich habe eine Liebesgeschichte eingeflochten. Vor allem im norddeutschen Raum hat der Roman schlechte Kritiken hervorgerufen. Ich finde trotzdem, dass es ein schönes Buch ist. Es besteht hauptsächlich aus Mails und Gesprächen mit der Tochter der Frau. Ich habe das Buch ziemlich bald nach dem Tod meiner Tochter Anna geschrieben.

Ihre Tochter starb 1999. Sie hatte sich sehr für die Flüchtlinge aus der Westsahara eingesetzt. Wie kam es dazu?

Das hatte Udo Proksch initiiert.

Sie waren mit ihm verheiratet.

Ja. Anna war unsere Tochter. Udo Proksch lernte in den 1970er-Jahren den Vertreter der Frente Polisario in Wien kennen. Westsahara war völkerrechtsfeindlich von Marokko okkupiert worden. Ein Teil der Bevölkerung floh in die Camps auf algerischem Boden. Wir sind daher nach Algier geflogen – und besuchten die Lager. Und das hat unser Leben verändert. Meine Tochter hat sich sehr engagiert, sie holte Kinder über den Sommer nach Wien.

So kam Ignaz in Ihre Familie?

Ja, als Findelkind. Er wurde aber in Wien geboren. Nach dem Tod meiner Tochter habe ich ihn adoptiert. Die Saharauis warten nach wie vor auf ein von der UNO versprochenes Referendum. Sie wollen zurück in ihr Land. Aber Marokko verhält sich grauenvoll.

In Marokko ließ André Heller, mit dem Sie in zweiter Ehe verheiratet waren, einen riesigen Garten gestalten.

Dazu will ich mich aus verständlichen Gründen nicht äußern.

2013 veröffentlichten Sie den autobiografischen Roman "Die öffentliche Frau". Danach sollte Schluss sein.

Das stimmt, aber nicht zu schreiben, das kann ich nicht. Am 7. September wird mein neues Buch erscheinen. Es trägt den Titel "Gegenüber". Im Zentrum stehen Gespräche einer alten Frau mit einer jüngeren Nachbarin. Diese Nachbarin ist das direkte Gegenüber, aber wir leben immer mit einem Gegenüber – mit dem Tod, mit der Erinnerung, mit der Vergangenheit. Ich habe dem Roman ein Zitat von Viktor E. Frankl vorangestellt: "Denn das Vergangen-Sein ist vielleicht die sicherste Form von Sein überhaupt."

KURIER-Serie: Zweite Republik - war's das?