Politik | Inland
23.04.2017

"Erdoğan war mir sympathisch"

Der bekannte türkisch-österreichische Modedesigner kennt Recep Tayyip Erdoğan persönlich. Über seinen Wandel ist er überrascht und hofft, dass Erdoğan nach dem Sieg nun wieder toleranter wird.

KURIER: Herr Kutoğlu, 73 Prozent der Austro-Türken haben für die Präsidialrepublik gestimmt. Damit hat Recep Tayyip Erdoğan von den Austro-Türken mehr Zustimmung bekommen, als in der Türkei. Hat Sie dieses Ergebnis gewundert?

Atıl Kutoğlu: Ja, es hat mich gewundert. Ein derart überwältigendes Ja-Votum hätte ich mir nicht erwartet. Denn die Prognosen gingen von einem ähnlich knappen Ergebnis wie in der Türkei aus. Außerdem dachte ich, dass die Anti-Europa-Stimmung der vergangenen Wochen, die ich nicht in Ordnung fand, Einfluss auf das Votum der Austro-Türken haben wird.

Warum sind die Austro-Türken gegenüber Erdoğan weniger kritischer eingestellt als die Türken in der Heimat?

Erdoğan ist in Österreich sehr populär, weil die Türkei unter seiner Führung politisch und vor allem wirtschaftlich zu einem Faktor geworden ist. Erdoğan hat es verstanden, das Gefühl, "Türke" zu sein, wieder attraktiv zu machen. Mit dieser Emotion trifft er den Nerv der Menschen sehr gut. Vor allem bei jenen, die sich in Österreich als Menschen zweiter Klasse fühlen. Es scheint so zu sein, dass er mittlerweile wirklich fanatische Anhänger hat.

Sie sind vor rund 25 Jahren nach Österreich gekommen. Haben Sie sich jemals in Österreich nicht willkommen gefühlt?

Ich bin unter anderen Voraussetzungen nach Wien gekommen. In Istanbul habe ich das Deutsche Gymnasium besucht und kam als Künstler nach Wien. Von Anfang an wurde ich in Österreich unterstützt. Der verstorbene Bürgermeister Helmut Zilk hat mir für meine erste Kollektion eine Förderung genehmigt. Ich habe Betriebswirtschaft an der WU studiert und Zilk damals in der Straßenbahn einfach angesprochen. Aber der eingewanderte Austro-Türke kommt meistens vom Land oder einem kleinen Dorf in Anatolien, wo das Bildungssystem vielleicht früher doch nicht so gut war. Die Türken hatten sicher Anpassungsprobleme mit der westlichen Kultur. Viele hatten nie das Gefühl, Teil eines starken Kollektivs in Österreich zu sein.

Warum tun sich gerade die Türken mit der Integration so schwer?

Ich wurde von Alt-Bundespräsident Heinz Fischer zum "Botschafter der Toleranz" ernannt. Ich bin mit Sebastian Kurz befreundet. Er hat mich als Integrationsstaatssekretär eingeladen, mit ihm Schulen zu besuchen, wo mehr Schüler mit Migrationshintergrund in den Klassen waren als Österreicher. Wir haben damals Workshops und viele Events veranstaltet, um die Integration zu fördern. In Österreich wurde in den letzten zehn Jahren viel unternommen, um die Türken zu integrieren. Diese Programme zeigen Wirkung, denn ich begegne immer öfter Migranten der dritten Generation, die sehr gut integriert und erfolgreich sind. Sie fühlen sich in beiden Kulturen wohl. Ganz wichtig ist das Signal von der Mehrheitsgesellschaft: "Ihr gehört dazu". Früher hat man sicherlich zu wenig darauf geachtet, dadurch sind Gettos entstanden.

Wie sehen Sie Erdoğan, der das Volk der Niederlande "Nazi-Nachfahren" und "Faschisten" nannte? Kann man da auf sein Land noch stolz sein?

Man muss Erdoğans Amtszeit in zwei Teile teilen. In der ersten Hälfte ist das Image der Türkei viel besser geworden. Es war das Boom-Land schlechthin. Plötzlich gab es eine Istanbul Fashion Week. Die Turkish Airlines wurden zu Europas bester Airline gekürt. Jeder hat mich um mein Leben zwischen Istanbul und Wien beneidet. Istanbul war die pulsierende Metropole – das New York des Ostens – wo alle hin wollten. Ein Designer-Flagship-Store und ein Hotel nach dem anderen wurde gebaut. In dieser Phase bin ich Erdoğan in seiner damaligen Funktion als Ministerpräsident mehrmals persönlich begegnet. Bei den beiden offiziellen Staatsbesuchen von Alt-Bundespräsident Heinz Fischer war ich dabei. Neun Jahre habe ich auch in New York gearbeitet und war auf vielen Empfängen eingeladen, wenn Präsident Erdoğan die UNO besuchte. Ich habe ihn immer als sympathischen, intelligenten, pragmatischen und friedlichen Menschen erlebt. Allerdings bin ich ihm in den letzten drei Jahren nicht mehr begegnet. Deswegen ist es für mich ein Rätsel, wie es zu diesem Wandel und seinen negativen Aussagen gegenüber Europa gekommen ist. Vielleicht sind aber auch Fehler vonseiten der EU passiert, dass es zu diesen Spannungen kam.

Die sukzessive Abschaffung der Pressefreiheit und die Verhaftung der Journalisten ist aber der eindeutige Beweis, dass Erdoğan das Land unter seine totale Kontrolle bringen will ...

Diese Entwicklung und die Verhaftungen gefallen mir auch nicht. Die offizielle Begründung für die Inhaftierung sind nicht die kritischen Artikel, sondern den Journalisten werden Verbindungen zu Gülen, der PKK oder zu Terror-Organisationen vorgeworfen. Ich hoffe, dass diese Vorwürfe auf rechtsstaatlicher Basis geklärt werden. Aber generell habe ich natürlich auch ein schlechtes Gefühl, dass so viele Journalisten verhaftet wurden.

Sie sind derzeit in Istanbul. Wie ist die Stimmung?

Politisch ist die Stimmung sicherlich gespalten. Ich habe Freunde, die mit Ja beim Verfassungsreferendum gestimmt haben und andere, die ein Nein-Votum abgegeben haben. Die sind natürlich jetzt unglücklich. Auch gute Freunde haben manchmal heftige Streite und harte Zeiten. Aber wenn man nicht alle Brücken abbricht, sondern weiterhin miteinander kommuniziert, so kann man oft wieder Wunden heilen, und die alte Freundschaft kommt hoffentlich zurück.

Im Alltag spürt man diese Stimmung nicht. Das Leben geht weiter. Ich war gerade in der Altstadt. Hier herrscht "business as usual". Die Stars aus Kunst und Kultur kommen nach wie vor nach Istanbul. Dieser Tage treten José Carreras, Pink Martini oder Kitaro auf. Ich hoffe, das bleibt so.

Kanzler Christian Kern und Außenminister Kurz haben nach dem Verfassungsreferendum gefordert, dass die Verhandlungen mit der Türkei über den EU-Beitritt abgebrochen werden. Auch andere namhafte europäische Politiker meinen, wenn Erdoğan die Todesstrafe einführt, muss es ein Aus geben. Was würde ein Abbruch für die Türkei bedeuten?

Ich bin auch gegen die Einführung der Todesstrafe. Wenn ich das höre, bekomme ich Gänsehaut. Trotzdem sollten die Gespräche zwischen der EU und der Türkei vonseiten der Europäer nicht abgebrochen werden. Keine Frage, das ist eine große Wende, die die Türkei jetzt erlebt. Es stehen uns sicherlich härtere diplomatische Zeiten bevor. Aber vielleicht schaut die Situation in zehn Jahren anders aus. Wenn die EU die Verhandlungen beendet, dann würde das langfristig die Rechtsstaatlichkeit in der Türkei noch weiter zurückdrängen. Außerdem exsistieren seit vielen Jahren enge Wirtschaftsbeziehungen. Allein 1000 Firmen aus der EU haben sich in der Türkei mit Niederlassungen angesiedelt. Sie benötigen eine Rechtsstaatlichkeit. Deswegen ist es wichtig, dass die EU mit der Türkei im Gespräch bleibt.

Irgendwie hat man das Gefühl, dass Sie die Problematik zwar sehen, aber nicht wahrhaben wollen. Nach dem Referendum bekommt Erdoğan umfassende Macht. Haben Sie keine Angst, dass noch weitere Verschärfungen kommen?

Ich denke nicht. Ich bin mit dem österreichischen Botschafter als auch mit der österreichischen Generalkonsulin in der Türkei befreundet. Wir sind der Meinung, dass viel an diplomatischer Arbeit nötig sein wird. Denn gerade, wenn ein Land an einem historischen Wendepunkt steht, braucht es internationale Partner, um sich möglicherweise in die richtige Richtung zu entwickeln. Deswegen sollte die EU die Kontakte nicht abbrechen. Die Türkei ist das Tor zum Mittleren Osten und zum arabischen Raum und schon allein deswegen ein wichtiger Partner. Ich hoffe, dass Erdoğan nach diesem Wahlsieg wieder toleranter und weicher wird, weil er sich nun bestätigt fühlt. Das wird die Situation entschärfen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass Erdoğan wieder der nette und sympathische Herr von früher wird. So wie ich ihn immer erlebt habe.