Das KURIER-Foto aus Wien-Erdberg, das Mahmoud (4) und seinen Vater Ziad (28) mit der Rückenansicht zeigt, ist für die FPÖ inszeniert. Nachdem das Asylquartier in Erdberg für Erstaufnahmen nicht zuständig und zudem voll belegt ist, leben Mahmoud, Mutter Maram (27) und Vater Ziad (28) seit letzter Woche in Traiskirchen.

© /Nina Horaczek

Kampagnisierung
06/09/2015

Die wahren Gesichter eines Bildes, das Strache nicht haben will

FPÖ sucht krampfhaft nach Indizien für Inszenierung. Der FP-Parlamentarier Deimek will nun darauf auch noch "Papa & Papa" erkennen.

von Johanna Hager

Hellblaues Firmament. Blaue Plakate. Wien, dritter Bezirk, 3. Juni. Die FPÖ-Landstraße lädt zu einem 30-minütigen Fototermin. 20 Teilnehmer protestieren mit Transparenten "Nein zum Asylantenheim" vor der ehemaligen Zollwachstube, in der 300 Asylwerber untergebracht sind. "Junge Grüne", SOS Mitmensch und "Wien ist anders" halten dagegen – und Plakate mit "Kein Mensch ist illegal" in die Höhe. Redakteure sprechen mit den Teilnehmern zu beiden Seiten, Fotografen halten Selbiges fest. Journalistischer Alltag.

Zu diesem Zeitpunkt weiß niemand, wer die zwei erwachsenen, männlichen Flüchtlinge und das kleine Kind sind, die KURIER-Fotograf Jürg Christandl von hinten ablichtet.

Aufregung in sozialen Medien

An diesem Vormittag ahnt niemand, dass das Foto erst in sozialen Medien, dann im Fernsehen und schließlich in Zeitungen für Aufregung sorgen wird. Sonntagabend mutmaßt FPÖ-Chef Heinz Christian Strache im ORF, es wurde "organisiert, dass ein Kind mit einem Fotografen positioniert vorbeigeführt wurde. Und so kann man mit Bildern Kinder missbrauchen." Für Fotografen Christandl – "Das stimmt natürlich nicht und macht mich sprachlos"– wie auch anwesende Medien-Kollegen ist der Vorwurf nicht haltbar (der KURIER berichtete).

Falscher Verdacht

Für die FPÖ erhärtet sich der Verdacht Tage später. Stück für Stück. FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl sieht sich durch Aussagen von Innenministeriumssprecher Grundböck gegenüber unzensuriert.at bestätigt. Das Asylquartier in Wien-Erdberg sei seit Mitte Mai voll. Es komme jedoch vor, wird Grundböck zitiert, dass Asylwerber "irrtümlich der Annahme seien, die könnten in Erdberg einen Asylantrag stellen".

Dass es sich am 3. Juni um einen ebensolchen Irrtum handelt, Flüchtlinge, darunter unter anderem die Eltern des vierjährigen Mahmoud ebendort Asyl begehren, will man nicht glauben. Für Kickl gibt es "weitere Indizien für die Inszenierung". Augenzeugen wollen gesehen haben, dass die Asylwerber direkt aus der Gegendemonstration auf das Gebäude zugegangen sind.

Menschen, die wochenlang auf der Flucht waren, als Marionetten der Medien?

Echte Schicksale

Für Fotograf Christandl ist das Bild eine Angelegenheit von wenigen Sekunden. Darauf zu sehen: zwei Männer, ein Bub. Dass dahinter – fernab jedweder Inszenierung und politischen Kleingeld Schlagens – Schicksale stehen, wird nicht mehr gesehen. Für FP-Parlamentarier Gerhard Deimek zeigt das Foto, wie er via Twitter wissen ließ, "Papa & Papa".

In Traiskirchen

Fakt ist – und nie wurde anderes behauptet –, dass das Foto den vierjährigen Mahmoud und dessen Vater Ziad (28) zeigt. Tatsache ist, wie Recherchen von Falter-Redakteurin Nina Horaczek ergeben haben, dass die syrische Jungfamilie am Morgen des 3. Juni Österreich erreicht hat. Dass sie sich "durchfragte", in Wien-Erdberg landete, und Vater und Sohn beim Gang zum Asylquartier fotografiert wurden. Dass Mutter Maram (27) nicht auf dem Foto zu sehen ist, reicht Deimek für seinen "Papa"-Tweet. Dass die Familie, wie es Gesetz ist, gleich weiter ins Erstaufnahmezentrum nach Traiskirchen verwiesen werden, kommt in der FPÖ-Argumentation nicht vor. Es passt nicht ins Bild. Es handelt sich um Menschen, die am 13. Jänner 2015 ihre Heimat verließen.

Ziad, der als Muslim weder auf der Seite Assads noch der IS kämpfen wollte. Der Buchhalter der mit seiner Frau Maram alle Habseligkeiten versetzte, um Schleppern 8000 Euro für die Flucht zu zahlen. Eine Jungfamilie, die nach fünfmonatiger Flucht nun im niederösterreichischen Traiskirchen lebt.

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