Politik | Inland
01.03.2017

Kerns Premiere im Bierzelt, Straches Heimspiel bei der AfD

Ein SPÖ-Kanzler, ein FPÖ-Chef und ein ÖVP-Innenminister zeitgleich beim bayerischen Aschermittwoch? Das gab’s noch nie. Der KURIER analysiert die Auftritte.

Es waren drei verschiedene Bühnen, sie wurden bespielt von drei verschiedenen Parteien – und in jedem Fall durfte ein Österreicher eine prominente Rolle übernehmen: Bundeskanzler Christian Kern, FPÖ-Boss Heinz-Christian Strache und ÖVP-Innenminister Wolfgang Sobotka waren am politischen Aschermittwoch in Bayern unterwegs, um bei SPD (Kern), AfD (Strache) und CSU (Sobotka) für Stimmung zu sorgen.

Hierzulande wenig verankert, ist der politische Aschermittwoch in Deutschlands größtem Bundesland ein politisches Hochamt, das mit Bier, Brotzeit und deftigen Sprüchen zelebriert wird.

Aus rot-weiß-roter Sicht war der Mittwoch eine Premiere: Denn nie zuvor waren derart viele rot-weiß-rote Spitzenpolitiker gleichzeitig in Bayern. SPÖ-Boss Kern machte den Einpeitscher für SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz; der freiheitliche Parteichef Strache heizte den Anhängern von AfD-Chefin Frauke Petry ein; und ÖVP-Innenminister Sobotka gab sich in Passau die Ehre.

Was ist von den Wahlkampf-Auftritten zu halten? Der KURIER war mit drei Reporterinnen vor Ort.


Christian Kern

"Gemeinsam mit Kanzler Kern rocken wir das Zelt"

Debüt beim bayerischen Hochamt vor 5000 Genossen.

Die Vilshofener Blasmusikkapelle hatte sich um 9.30 Uhr noch nicht einmal warmgespielt, da war das Festzelt der SPD schon rappelvoll, die Bier-Zapfhähne und Weißwurstkessel in Hochbetrieb.

Stark vertreten beim politischen Aschermittwoch in der niederbayrischen Kleinstadt waren die österreichischen Sozialdemokraten. Noch nie war bei dieser Traditionsveranstaltung ein SPÖ-Vorsitzender als Redner eingeladen. Dementsprechend laut waren die Genossen aus Wien, Oberösterreich und Salzburg, als ihr Chef Christian Kern als Vorredner bzw. – per Eigendefinition – "Vorband" für den deutschen Kanzlerkandidaten Martin Schulz seine "Premiere im Bierzelt" feierte.

Hemdsärmeliger Bogart

Angekündigt wurde er von der bayrischen SPD mit dem Versprechen: "Gemeinsam mit dem österreichischen Bundeskanzler Christian Kern rocken wir das Zelt." Wobei "rocken" nicht unbedingt in der Natur des "Slim-Fit-Kanzlers" liegen dürfte. Seine Rede werde er im Genre der "staatsmännischen Bierzeltrede" anlegen und hoffe nur, die Zuschauer "nicht zu Tode zu langweilen", schickte er voraus.

Tatsächlich riss die Aufmerksamkeit im Publikum ab, als der Gast aus Wien vom Schmähführen ("Danke, dass ihr mich ohne Maut habt einreisen lassen") und Spott gegen die AfD ("Sie springen los im Tigerkostüm und landen als Bettvorleger") zum Inhaltlichen überging. Wie Bierzelt-Humor noch funktionieren kann, spürte Kern, als er ob der Hitze im Scheinwerferlicht sein Sakko auszog: Gejohle und Applaus für den "Humphrey Bogart der Alpenrepublik". Kern kalmierte: "Dabei bleibt’s aber, die Damen brauchen keine Sorge haben."

Zurück zur Sache: Der Weg zu Fortschritt und Gerechtigkeit in Europa könne nur mit Beteiligung einer starken deutschen Sozialdemokratie gelingen, und als Kanzler könne Martin Schulz "das Rad der Geschichte ändern", streute Kern dem designierten SPD-Chef Rosen. "Sankt Martin" lag das Rocken dann deutlich mehr. Zu den fünf Sprachen, die der ehemalige Präsident des europäischen Parlaments spricht, zählt zwar kein Bayerisch, bei seiner Rede verging aber kaum eine Minute ohne Publikumsreaktion: Buh-Rufe für Stichworte wie "Populismus", Applaus für "Solidarität", Gelächter für Seitenhiebe auf die politischen Mitbewerber.

Kampf gegen Populisten

Inhaltlich sprach Schulz – wenig überraschend – soziale Themen wie Lohngerechtigkeit an. Und fand dabei auch persönliche Worte: Hart arbeitende Menschen würden Respekt verdienen – auch ohne Abitur oder Studium. Schulz hat weder noch. Kern hat beides. Während Schulz hervorkehrte, er sei "Sohn einfacher Leute", ließ Kern seine Simmeringer Herkunft vor den Genossen unerwähnt.

Kern und Schulz: Sie verbindet einerseits der Kampf gegen die Rechtspopulisten und das Plädoyer für mehr Zusammenhalt in der EU – was beide in ihren Reden hervorhoben. Und andererseits, dass sie jeweils als Retter ihrer Partei gefeiert werden. Während der SPÖ-Kanzler längst in den Niederungen des Regierungsalltags angekommen ist, ist der Hype um Martin Schulz erst angelaufen. Der Mitgliederzuwachs seit seiner Nominierung als Kanzlerkandidat sollte auch im Bierzelt nicht versiegen – da fungierten gar die Bierdeckel als Anmeldeformular.

Obwohl die SPD kurzfristig – und erstmals seit 2006 – die CDU/CSU bei den Umfragewerten überholt hat, glauben laut Bild-Umfrage übrigens nur 36 Prozent, dass Schulz Angela Merkel das Amt streitig machen kann. "Ich trete an, um deutscher Kanzler zu werden", sagte "Sankt Martin" am Ende seiner Rede. Nur zur Erinnerung.


HC Strache

"So einen wie den Strache brauch’ ma"

Der Gast aus Wien punktet mit derben Sprüchen bei deutscher Schwesterpartei.

Wer der "HC" ist, nach dem einer im Publikum lautstark ruft, das weiß hier zwischen Bier und Brez’n anfangs kaum wer. Auch Angelika Eibel nicht, "hm, nein, den hab’ ich bisher nicht verfolgt", sagt die Gymnasiallehrerin aus Vilshofen, die ihr Parteiabzeichen stolz am Revers trägt.

Ein paar Minuten später wird sie nicken und sagen: "Toll ist der", auch die anderen im Saal johlen. Dass der FPÖ-Chef im bayerischen Osterhofen auftritt, dass er statt im Nationalrat hier vor gut 1000 AfD-Fans spricht, das gefällt den Leuten hier. "Da ist er, der nächste österreichische Kanzler", stellt der Moderator ihn vor; und Strache, der Bierzelt-Kaiser, dankt es ihm mehr als zünftig. Dass er, der "Schluchtenscheißer", mit einer "Preußin" hier vor lauter Bayern reden dürfe, sei doch der beste Beweis dafür, wie abwegig der Rassismus-Vorwurf gegen FPÖ und AfD sei, setzt er an.

Das Publikum johlt. Auch die Preußin, die er meint, sitzt in der ersten Reihe und lacht; Frauke Petry, die Chefin der AfD, hat ihren Auftritt nach dem Ehrengast. Leicht macht der es der "nächsten Kanzlerin", wie er sie dann gleich nennt, nicht – seine Hemdsärmeligkeit kommt in der bayerischen Provinz besser an als der nüchterne Stil der Sächsin. Wenn er scherzt, wie toll es sei, dass die AfD-Chefin jetzt ihr fünftes Kind bekommt, weil "wir ja Kinder brauchen", und dann noch ein derbes "Ans Werk!" nachsetzt, ist das Gelächter groß. Und wenn er dann, ganz in AfD-Manier, über Angela Merkel, deren "Zerstörungspolitik", den "Verrat an der eigenen Bevölkerung" und den angeblichen "Bevölkerungsaustausch" spricht, den die Kanzlerin betreibe, ist die Begeisterung groß. Sätze wie "ich möchte nicht, dass der Stephansdom oder der Kölner Dom in eine Moschee umgewandelt wird", sind dann nur mehr die Draufgabe. Denn, so Strache: "Der Halbmond ist schön, wenn er am Himmel steht oder als Vanillekipferl daherkommt".

Nach dem Abgang des "österreichischen Löwen" (Moderator) ist man sich im Saal ziemlich einig. "So einen wie den Strache brauch’ ma", sagt ein älterer Herr: "Die Petry" sei ja viel zu steif gewesen, und ohnehin, offenbar habe es "einen Österreicher gebraucht, der die Wahrheit sagt"– Auch Angelika Eibel ist angetan von Straches Rede. Sie, die auch schon bei Pegida mitspaziert ist und "Björn Höcke verehrt", wie sie erzählt, applaudiert heftig, wenn Strache von Merkels Verfehlungen spricht; sie selbst nennt Merkel eine "Kriegsverbrecherin".

Andere sind da zurückhaltender. Ja, er habe ihr schon gefallen, sagt eine Dame mit leichtem ungarischen Akzent über Strache; ihr Mann meint gar, wenn die AfD "einen wie ihn hätte, würde sie schon abheben". Dennoch gehe ihr manches zu weit, was er sage, sagt die Dolmetscherin, die selbst vor 30 Jahren aus Ungarn floh. Wo er aber recht habe, sei die Sache mit der fehlenden Meinungsvielfalt: "Deutschland ist einfach nicht mehr das Land, in das damals gekommen bin", sagt sie. Was in den letzten Jahren passiere, sei für sie ein Déjà-vu; es sei "nur mehr eine Meinung" zulässig, und das erinnere sie an das, wovor sie geflohen sei. Ob sie darum Strache wählen würde? "Ja, und die AfD auch. Ich weiß nicht, wen ich sonst wählen soll."


Wolfgang Sobotka

"Die Sozis winden und drehen sich"

Sobotka als Einpeitscher.

"Was ist Bayern? Ja, Bayern das ist das Paradies".

Dieser Satz ist der Höhepunkt der minutenlangen weiß-blauen Lobeshymne von CSU-Chef Horst Seehofer am politischen Aschermittwoch. Ein Satz, den ÖVP-Innenminister Wolfgang Sobotka, sofort unterschreiben würde. Paradiesisch sind in der Drei-Länder-Halle in Passau vor allem die CSU-Fans. In den vordersten Reihen sitzt Pensionist Josef aus Augsburg, der seit 1978 (!) jedes Jahr zur Aschermittwochsrede kommt.

Der Bayer ist kein Einzelfall und stolz darauf, dass er alle CSU-Legenden live erlebte: Franz Josef Strauß, Max Streibl, Edmund Stoiber und jetzt Horst Seehofer. Die Stimmung erinnert an das Münchner Oktoberfest. Schon um 10 Uhr vormittags fließen die Mass Bier, dazu gibt es Brezn. Vier Stunden Wahlkampfrhetorik pur erleben die 5000 CSU-Sympathisanten, die mit Bussen zum Polit-Spektakel anreisen. Die Rednerbühne hat TV-Show-Charakter. Eine Seilkamera projiziert eindrucksvolle Livebilder von der Wiesn-Atmosphäre auf die XXL-Leinwände.

Alles ist bereit für den Auftritt von Seehofer. Der CSU-Chef weiß, was seine Wähler hören wollen. Zum Anheizen liefert er am laufenden Band Spitzen gegen SPD-Chef Martin Schulz, der nur wenige Kilometer entfernt auch den politischen Aschermittwoch zelebriert. Schulz nehme es "nicht besonders genau mit der Wahrheit", meint Seehofer. Man werde ihm "Mogelpackungen" aber nicht durchgehen lassen, sonst heiße Martin Schulz in Bayern künftig "Martin der Schummler", so der CSU-Vorsitzende. Die SPD stehe für Schuldenmachen und eine verfehlte Flüchtlingspolitik, "man hat den Eindruck, die Sozis haben mehr Hoffnungsträger als Parteimitglieder".

In der Zuwanderungsfrage sei Seehofer für Menschlichkeit und Humanität, Schützbedürftige müssten aber die deutsche Sprache lernen, sich an Recht und Ordnung halten und die christliche Kultur akzeptieren. "Und man muss akzeptieren, dass bei uns Kinder in die Schule gehören und nicht aufs Standesamt." Angesichts dieser Law-and-Order-Stimmungsmache war Innenminister Sobotka der ideale Ehrengast in Passau. Er hielt zwar keine Rede. "Bei uns dürfen am Aschermittwoch nur echte Bayern auf der Bühne reden", sagt Seehofer.

Aber Sobotka, der in einem Interview zu Wort kommt, empfiehlt seinen deutschen Parteikollegen die Einführung der Obergrenze: "Die ist absolut notwendig." 90 Prozent der Flüchtlinge lebten von Sozialhilfe. "Die wandern nicht in die Arbeitswelt ein, die wandern in die Sozialwelt ein." Politische Maßnahmen zur Eindämmung der Zuwanderung seien "nicht leicht durchzubringen. Die Sozi winden sich und drehen sich", sagt Sobotka. Am Ende gibt es Standing Ovations für Seehofer. Und Sobotka bilanziert: "Das Original des Aschermittwochs ist nicht zu toppen."



Politischer Aschermittwoch

Derbe Sprüche am ersten Fasttag haben in Bayern Tradition

Historisch lässt er sich im 16. Jahrhundert begründen: 1580 trafen sich bayerische Bauern erstmals in Vilshofen an der Donau, um nicht nur über die Preise von Rindern und Pferden, sondern auch über die Tagesthemen zu diskutieren.

Bundesweit bekannt wurde die Veranstaltung in den 1950er Jahren durch die CSU und ihren, die Aschermittwochsreden zelebrierenden Parteichef Franz Josef Strauß.

Strauß’ Vorbild übernahm in Österreich der 2008 verstorbene Jörg Haider. Seit 1992 begeht die FPÖ im oö. Ried/Innkreis den politischen Aschermittwoch.