Politik | Inland
04.11.2018

Die Glas-Halb-Leer-Nachrichten: Wie wir die Welt erleben

Die Medien konzentrieren sich zu sehr auf das Schlechte in der Welt, sagen Kritiker. Das verzerrt unser Weltbild.

Um 18.39 Uhr des 16. Jänner 1991 begann unser modernes Nachrichtenzeitalter: Die USA traten in den Golfkrieg gegen Saddam Hussein ein, und das Fernsehen war vom ersten Moment an live dabei. CNN schaltete auf 24-Stunden-Berichterstattung um, das Pentagon lieferte die Bilder von Bombeneinschlägen. Die Operation Desert Storm geriet zum Sturm auf die Haushalte, die Tag für Tag den Fortschritt der Kriegshandlungen in Echtzeit ins Wohnzimmer geliefert bekamen. Rückblickend ist dieser Beitrag zur weltweiten Beschleunigung der Nachrichten wohl größer als die Erfindung von Smartphones und Twitter. Wo immer Schreckliches passiert, sind die Sender drauf. Live, laut, 24/7.

Die ersten Stunden des Golfkrieges auf CNN:

Je schrecklicher, desto "Breaking"

Der Breaking-News-Kreislauf brachte neben der Fokussierung der Nachrichtenwelt auf das Hier und Jetzt eines mit sich: Je schrecklicher die Ereignisse waren, desto mehr „Breaking“ waren sie. Und desto intensiver wurde berichtet. Die Reizschwelle für Seher und Journalisten stieg ständig an.

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Angry people click more

Diese Entwicklung ging nahtlos in die Onlinezeit über, in der vor allem der negative Affekt regiert: „Angry people click more“, heißt eines der geflügelten Worte in der Algorithmus-Ökonomie von Facebook, Twitter, YouTube und Co.: Zornige Menschen klicken öfters.

Das hat den Effekt, dass die Algorithmen, die im Social Network Ihres Vertrauen darüber entscheiden, welche Inhalte wie prominent platziert werden, vor allem auf die Kontroverse setzen: „Aufregung um...“ ist damit zum Dauerzustand unseres Medienmixes geworden. Das Glas ist ständig halb leer. Ein frustrierender Zustand.

Höchste Zeit, umzukehren, findet der führende dänische TV-Journalist Ulrik Haagerup, der 2015 ein Buch zum Thema „Constructive Journalism“ schrieb und seither mit diesem Plädoyer von Journalistenkongress zu Journalistenkongress reist.

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Die Trump-Macher

Sein Befund ist wenig schmeichelhaft für die weltweite Nachrichtenbranche: „Wenn die Nachrichtenkriterien der Medien Konflikt, Gauner, Drama und Opfer umfassen, sind wir alle Boulevardmedien. Und: Auch die Politiker werden zum Boulevard.“

Den Aufstieg Donald Trumps etwa führt er auf diese Art der Nachrichtengestaltung zurück: Als der New Yorker Immobilienmogul bekannt gab, er wolle US-Präsident werden, war das ein gefundendes Fressen für die Nachrichtenleute. Dass er jemals im Weißen Haus landen würde, glaubte freilich keiner.

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Ein unheiliger Kreislauf aus Provokation, Tabubruch und Dauerberichterstattung setzte sich in Gang. Milliardär Trump schaffte es damit ohne nennenswerte Werbekosten, seine Inhalte ganz vorne auf die Debatten-Agenda zu setzen. Und gewann die Wahl. Die Medien konnten einfach nicht wegschauen, meint Haagerup. „Trump sagt es selbst: ,Die Medien lieben mich.’ Er schafft Konflikte, Drama und teilt die Menschen in Gauner und Opfer ein.“

Haagerup im TED-Talk über Trump und die Medien:

Angst im Komfort

„Wenn man die Menschen fragt, ob sie sich heute sicherer fühlt als vor zehn Jahren, werden sie Nein sagen“, sagt Haagerup. In allen Aspekten des täglichen Lebens zeigen die Kurven emotional nach unten, während die Realität eigentlich besser ist. In einer 2014 durchgeführten Umfrage wurden die Bürger verschiedener Staaten zu Themen wie Kriminalität, Arbeitslosigkeit oder Religion befragt. Der Unterschied zwischen subjektiver Wahrnehmung und objektiven Fakten war bedrückend.

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Die Franzosen glaubten etwa, dass ein Drittel ihrer Landsleute Moslems seien. „In Wahrheit waren es acht Prozent“, sagt Haagerup. „Was glauben Sie, wen diese Franzosen wählten?“ Als die italienische Arbeitslosenquote bei 12 Prozent lag, dachten die befragten Italiener, dass fast die Hälfte ihrer Mitbürger ohne Beschäftigung sei. Und in Österreich ist das subjektive Sicherheitsgefühl rasant nach unten gegangen, wiewohl die Kriminalstatistik Rückgänge auswirft – Migration hin oder her.

Mit ihrer klassischen Form der Nachrichten-Berichterstattung würde sich die gesamte Medienindustrie immer nur auf die Vergangenheit von berichtenswerten Geschehnissen konzentrieren. So seien beispielsweise alle klassischen W-Fragen aus dem Reporterhandbuch (Wer, Was, Wann, Wo, Warum...) rückwärtsgewandt. Aber niemand würde die logische und zudem noch viel konstruktivere Frage nach dem „Was jetzt?“ stellen, kritisiert Haagerup.

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Was wissen Sie über Afrika?

Nehmen wir das Beispiel Afrika: Der Kontinent ist riesig und voller Konflikte. Differenziert betrachtet, bietet der Kontinent haufenweise beeindruckende Entwicklungen. Das Brutto-Inlands-Produkt stieg in den Ländern unterhalb der Sahara im Jahr 2017 laut Weltbank etwa um 2,6 Prozent. Die EU legte im gleichen Jahr 2,4 Prozent zu. Manche ostafrikanische Staaten performen im Wachstum bereits mit Raten, die an das boomende China heranreichen.

Europa ist mehr damit beschäftigt, sich gegen den Kontinent abzuschotten, als potenzielle neue Geschäftspartner zu erkennen. Die Krise ist einfach leichter erzählt.

Deprimierend

Das hat Konsequenzen: „Millionen Menschen auf der ganzen Welt verfolgen die Nachrichten nicht mehr, weil sie finden, dass sie zu deprimierend sind“, sagt Haagerup. Vor allem Frauen und Junge wenden sich ab, schließlich gebe es Alternativen, am Laufenden zu bleiben: „Auf Facebook wird ihre Weltsicht von ihren 250 engsten Freunden bestätigt“, ätzt er.

Ist das gut für Demokratie? Wenn der gemeinsame Diskursort fehlt, wird es schwer, Zukunftsthemen zu verhandeln. Die Welt ist herausfordernd, aber ständig nur die Dauerkrise heraufzubeschwören, macht die Leser nicht zu mündigeren Bürgern, sondern zu ängstlichen Menschen, die sich emotional in einem ständigen Rückzugsgefecht befinden.

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Unkritisch? No, thanks

Haagerup war bis 2017 Infochef des Dänischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks, bis er sich mit seinen Thesen selbstständig machte. Davor aber krempelte er seine Redaktion noch kräftig um. Statt des Dauerlamentos wird über Lösungsansätze berichtet, statt Depression herrscht Aufbruchstimmung. Und die Zuseher waren begeistert: Die Quoten gingen nach oben, und die Nachrichten wurden besser.

Reine Positivberichterstattung kann auch Haagerups Konzept nicht bieten: PR- oder Propaganda will auch diese Form des Journalismus nicht ungeprüft weitertransportieren, sagt Haagerup: „Journalismus ist ein Filter zwischen Realität und der öffentlichen Betrachtung dieser.“