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#GegenHassimNetz
06/17/2016

"Der Pöbel hat von den Populisten gelernt"

Kriminalsoziologe Reinhard Kreissl über Hasspostings und die Gefahr "dass es irgendeinen armen Trottel gibt, der wirklich losläuft".

von Thomas Trescher

Führen Berichte über Verbrechen zu Hasspostings? Und kann der Hass im Netz zu Gewalt außerhalb des Netzes führen? Der Kriminalsoziologe Reinhard Kreissl anlässlich unseres Schwerpunktes gegen Hass im Netz über Berichterstattung zu Verbrechen, warum die Nationalität eines Täters nicht genannt werden sollte und wie sehr die Meinung in den Foren vom tatsächlichen Sicherheitsgefühl der Österreicher abweicht.

KURIER: Kann die Berichterstattung – oder eine gewisse Form von Berichterstattung – über Kriminalität Hasspostings fördern oder befeuern?

Reinhard Kreissl: Die Berichterstattung ist natürlich immer der Aufhänger. Aber selbst wenn die Medienberichterstattung halbwegs niederschwellig ist - also etwa: ‚Zwei Täter wurden ausgeforscht‘ - geht sofort dieses Gerede von der ‚Lügenpresse‘ los, dass Informationen, etwa über die Nationalität, vorenthalten werden. Es entsteht eine Art Gegenöffentlichkeit, die problematisch ist. Eine Gegenöffentlichkeit von Radikalen, die sich im Netz aufmandeln und gegenseitig darin bestärken, dass die Medien sie nur belügen und eine ‚Systempresse‘ sind.

Wirklich problematische finde ich, dass sich die Hasspostings von den Anlässen entkoppeln und ein Forum werden, in dem sich die Menschen gegenseitig bestärken und irgendwelche Verschwörungstheorien und abscheuliche Beschimpfungen posten.

Wie geht man als Medium damit um? Kommt man den Forderungen in den Foren nach – etwa jedes Mal die Nationalität zu nennen, wie es sehr viele Medien tun –, weil man sonst als ‚Lügenpresse‘ beschimpft wird?

Eine Straftat ist eine Straftat ist eine Straftat. Weitere Informationen über Täter und Opfer sind nur sinnvoll und erforderlich, wenn es einem Zweck dient - wenn ich zum Beispiel sage, die Tatverdächtigen sind flüchtig. Bei einem Diebstahl, einer Vergewaltigung, einem Überfall geht es darum, dass es einfach verboten ist, ob Sie aus St. Pölten oder aus Aleppo sind. Wenn Sie das tun, gehören Sie vor ein Gericht. Wieso hat jemand das Recht, die Nationalität zu wissen? Gar nix haben’S. Die Berichterstattung sollte sich darauf beschränken, was passiert ist.

Spannend ist auch, dass es immer die Nationalität ist - genauso gut könnte man das Durchschnittseinkommen oder den Bildungsgrad schreiben.

Oder die Schuhgröße. Da habe ich mich auch sehr über die Wortspende des neuen Innenministers geärgert, der angefangen hat, über Fremdenkriminalität zu reden. Wenn man solche Begriffe in die Welt setzt, schafft man einen Kristallisationskern für die Erfindung von neuen Kategorien von Menschen.

Das Problem mit den Hasspostings ist aber aktuell auch, wie Sie schon gesagt haben: Die kommen sowieso.

Ja, ziemlich egal, was sie als verantwortungsvoller Journalist schreiben, es wird immer ein Aufhänger sein. Da hat der Pöbel von den Populisten gelernt, wie man das macht. Wie man sich immer als Opfer und Betrogener stilisieren kann. Diese Verselbstständigung macht mir ein bisschen Sorgen.

Welche Folgen kann das haben?

Es gibt zwei Thesen: Die eine ist, man sagt, es ist eine Form von Katharsis. Lasst sie nur machen, solange sie nicht rausgehen und Steine schmeißen. Sollen sie meinetwegen im Netz ‚Heil Hitler‘ schreien, solange sie damit wieder ihren hormonellen Haushalt in Griff kriegen. Die andere ist: Je mehr sich so etwas im Netz verbreitet, desto höher die Erregung. Und wenn die Menschen sowas hundert Mal lesen, diese 9mm für Kern oder sowas, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es irgendeinen armen Trottel gibt, der wirklich losläuft.

Es ist auch eine Verzerrung der öffentlichen Meinung, weil der Eindruck entstehen könnte, bei den extremen Meinungen in den Foren würde es sich um eine Mehrheitsmeinung handeln.

Ja, ich war am Montag bei einer Sicherheitskonferenz, alle reden gerade von der Sicherheit und dass die das große Problem ist. Leute, schaut Euch die Zahlen an! Alle Umfragen zeigen: Die Menschen fühlen sich extrem sicher und wenn sie sich vor etwas fürchten, dann ist es Arbeitslosigkeit, Krach auf dem Finanzmarkt oder dass sie keine Pension bekommen. Vor Migration, organisiertem Verbrechen und Terrorismus fürchten sich die Leute nicht. Es gibt seit vielen Jahren ein latent nach oben weisendes Sicherheitsgefühl. 85 Prozent der Österreicher fühlen sich sicher oder sehr sicher.

Warum reden dann alle nur von Migration und Sicherheit?

Auch die Politiker agieren in dieser Medienarena. Aber wenn Sie diese Medienarena verlassen und mit den Menschen reden, hören Sie etwas ganz anderes. Es gibt diese mediale Verstärkung und die sozialen Medien steigern diesen Brennglaseffekt nochmal. Wenn Strache etwas auf seine Facebook-Seite stellt mit seinen hunderttausenden Followern, geht das natürlich sofort rum.

Migration ist ein Thema, das medial erzeugt wird. Ein Kollege hat sich die Wahlergebnisse nach dem ersten Durchgang der Präsidentschaftswahl angeschaut; und in den Orten, wo es eine nennenswerte Zahl an Asylwerbern gibt, war der Anteil der Hofer-Wähler geringer. Wenn die Leute im echten Leben Kontakt zu Asylwerbern haben, geht die Xenophobie zurück und die Leute fallen nicht so leicht auf populistische Ideologien herein.

Das Problem ist also in den Medien größer als in der Realität?

Es ist eine Krise des gesellschaftlichen Realitätsprinzips. Ich kann heute jeden Mist behaupten und ins Netz stellen, und niemand kann es überprüfen. Teilweise ist ja die Polizei nicht mit Dementis hinterhergekommen, weil irgendwelche Urban Legends verbreitet wurden, ‚Afghane vergewaltigt drei Zwölfjährige‘ oder sowas. Das ist ein Problem. Nicht mehr zu wissen, was darf man glauben darf. Die klassischen Medien werden entmachtet.

Aber auch diese klassischen Medien berichten sehr viel über Kriminalität, die angeblich von Asylwerbern begangen wurde.

Medien reagieren auf Medien, die auf Medien reagieren. Es ist ein politisch-medialer Verstärker-Kreislauf. Wenn, wie neulich in Österreich, von ‚Gewaltexplosion‘ zu lesen ist, dann müssen Sie als Zeitung darauf reagieren. Dann zitiert einer den anderen und es entsteht ein Momentum. Und der erste Blick des Politikers ist in die Zeitung. Die verstärken das auch nochmal.

Ein anderer wichtiger Faktor dabei ist auch die Polizei: Die meisten Meldungen über Verbrechen, die Journalisten haben, kommen von der Polizei.

95 Prozent von dem, was in einem klassischen Medium über Verbrechen berichtet wird, kommt von der Polizei – und 95 Prozent von dem, was Herr und Frau Österreicher über Kriminalität wissen, haben sie aus den Medien. Und 80 Prozent der Straftaten, die der Polizei zu Ohren kommen, basieren auf Anzeigen der Bevölkerung. Was das heißt, konnte man nach den Vorfällen in Köln lehrbuchartig beobachten: Sexuelle Belästigung ist eine nicht sehr schöne, aber weit verbreitete männliche Sportart. Auf jedem Dorffest haben sie das. Aber nach Köln sind alle zur Polizei gegangen, und möglichst noch mit Ausländern als Tätern. Und dann sagt die Polizei natürlich, die Anzeigen steigen, wir haben eine Welle von sexueller Belästigung. Das landet wieder in den Medien.

Wie durchbricht man diesen Kreislauf?

Die Polizei hätte eigentlich die verantwortungsvolle Aufgabe, abzuwiegeln. Das tut sie zum Teil auch. Aber sie ist in einer paradoxen Situation: Sie muss einerseits sagen, dass alles ganz schlimm ist, sonst braucht sie niemand. Siehe U6. Und andererseits kann sie nicht permanent ‚Feuer am Dach‘ rufen, sonst fragen die Leute, was macht ihr denn? Sie muss immer ein bisschen aufwiegeln und ein bisschen abwiegeln.

Versucht die Polizei damit auch ein bisschen, Politik in ihrem Sinn zu betreiben?

Ja natürlich. Wobei die Polizei umgekehrt auch Druck von der politischen Ebene hat. Die U6-Kampagne war auch ein Rohrkrepierer, auf die Schnelle dieses Gesetz durchpeitschen; und dann noch die Medien da mitzunehmen, das war ja gespenstisch. Die Polizei hat auch immer die Arschkarte, wie sie es machen, machen sie es falsch.

Wie kann eine gute Berichterstattung über Kriminalität aussehen?

Fragen Sie mich was Leichteres… Was ich einen sehr wichtigen Indikator finde, der nie berücksichtigt wird, ist die Schadenshöhe. Wenn Sie drei Leute aus einem Unternehmen erwischen, die mit Betrug zwölf Millionen Euro Schaden verursacht haben, dann finde ich das wichtiger als den Hinweis, dass drei Afghanen um 120 Euro Cannabis vertickt haben. Das Problem ist ja auch: Sie kriegen nie die großen Schweine dran, immer nur die kleinen. Dabei ist die Schadenshöhe – Buwog, Meinl Bank, der ganze Kram – moralisch nicht unerheblich. Welchen gesellschaftlichen Schaden richtet denn ein kleiner Asylwerber an, der was vertickt? Das ist überschaubar. Bei Finanzbetrug, bei Kreditbetrug, bei Korruption ist der viel höher.

Wo dann aber der Komplexitätsgrad schon wieder so hoch ist, dass es die Leute nicht so aufregt.

Und es hat nicht diese Angstlust. Erst wenn der Meinl der Siebente oder Achte oder der wievielte das jetzt ist, eine Frau umbringt, haben Sie eine Geschichte.

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