Politik | Inland
21.11.2017

Der KURIER trauert um Reporterlegende Willi Theuretsbacher

Unser geschätzter Kollege Willi Theuretsbacher (1957–2017) starb in der Nacht auf Dienstag an Krebs.

KURIER-Reporterlegende Willi Theuretsbacher ist in der Nacht auf Dienstag im 61. Lebensjahr verstorben. Er arbeitete mehr als 34 Jahre für den KURIER, viele Jahre davon war er als Chefreporter im Einsatz, und das eigentlich immer. Innere und äußere Sicherheit, Verteidigung und Europa waren seine Spezialbereiche.

In seinen Anfangsjahren beim KURIER in Hollabrunn galt der Niederösterreicher als großer Schrecken der Lokalpolitiker im Weinviertel, weil er ihnen genau auf die Finger schaute. Manch Politiker musste dank seiner Recherchen auch seinen Hut nehmen. Was wenige wissen: Er hatte eine besondere Gabe zum Zeichnen und brachte "Bonmotscherl" aus dem Wirtshaus aufs Papier, die einmal die Woche unter dem Namen "Poidl" als Karikaturserie im Niederösterreich-KURIER erschien.

Willi war ein Reporter der alten Schule. Immer unterwegs, egal, zu welcher Uhrzeit; egal, wie schwierig die Aufgabe war. Oft war der Dienstreiseantrag noch gar nicht geschrieben, saß er schon im Auto oder Flugzeug. Überall dort, wo es ungemütlich und gefährlich war, war Willi dabei. Er wusste sich immer selbst zu helfen, seine Kontakte zum Militär halfen dem Milizsoldaten dabei. Er brauchte keine Gruppe, mit der er auf heiklen Missionen rund um den Erdball unterwegs war. Kriege und Katastrophen: Willi war dabei. Oft wohl zum Leidwesen seiner Familie.

In Mali, im Tschad, in Pakistan, im Nahen Osten, im Kosovo, im Bosnien-Krieg, um nur einige Einsatzorte zu nennen. Manchmal wurde es verdammt knapp. Zum Beispiel in Sarajewo. Mit Schmäh und Geistesgegenwart schaffte er es, dass zunächst bedrohliche und feindlich gesinnte Fremdenlegionäre ihm sicheres Geleit aus der Gefahrenzone gaben. In Mali erklärte er sich kurzerhand zum Diplomaten, als es wirklich brenzlig wurde. Ein Fax mit dem KURIER-Logo diente ihm als Legitimation – der Trick ging auf. Auch am Golan, als die österreichischen Soldaten sich unmittelbar vor ihrem Abzug 2013 eingebunkert hatten, berichtete Willi von vorderster Front. Das war nur möglich, weil die israelische Armee annahm, Willi sei ein Agent des österreichischen Heeresnachrichtenamtes. Er ließ sie in dem Glauben und erzählte später mit leuchtenden Augen von seinem Husarenstück.

Ein Chefredakteur schickte ihn einmal mit äußerst knapp bemessenem Budget in den Tschad und versicherte ihm, dort könne er eh mit Kreditkarte zahlen. Willi wusste es zwar besser, fuhr aber trotzdem. Als ihm bald das Geld aufgrund von Wegezoll ausging, kam der Hilferuf in die Redaktion, umgehend Geld zu schicken, viel Geld. Die Ressortchefin hob an jenem Samstag von ihrem Privatkonto die Höchstsumme ab und überwies es per Western Union. Das geheime Codewort funktionierte ohne Absprache: Es war der Vorname seiner Tochter, auf die er sehr stolz war. Nach außen war Willi der harte Bursch, den nichts so schnell erschüttern konnte, nur bei seiner Tochter Conny wurde er unter Garantie "batzweich".

Willi Theuretsbacher war es, der für den KURIER nach dem Tsunami zu Weihnachten 2004 sich dem unfassbaren menschlichen Leid in Thailand stellte und darüber berichtete. Gezeichnet von den Wochen, die er dort verbrachte, kam er zurück in die Redaktion, wo es ihn aber nicht lange hielt.

Als 2011 die Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima bekannt wurde, saß Willi gleich im nächsten Flugzeug nach Japan – ohne jede Planung schlug er sich bis ins Katastrophengebiet durch. Im gleichen Sommer berichtete er auch aus Norwegen, wo Anders Breivik 77 Jugendliche erschossen hatte.

Am liebsten war Willi "draußen", wo sich die Geschichten wirklich abspielten. Schreibtischtäter war er nie. Er kannte Gott und die Welt. Seine Kontakte und sein Fachwissen öffneten ihm viele Wege zu Geschichten, die anderen verschlossen blieben.

Er war mit Leib und Seele Journalist, aber auch Milizsoldat. Immer wieder war der Offizier in seiner Uniform in der Redaktion anzutreffen. Sein Rang, der ihn stolz machte: Brigadier.

Der ganzen Redaktion unvergesslich ist sein 50. Geburtstag, als die Militärmusik vom Innenhof des KURIER den ganzen 7. Bezirk beschallte. Und Willi in Galauniform umringt von Gratulanten war. Er war Großmeister im Hackeln, aber auch im Feiern. Immer unter den Letzten und trotzdem einer der Ersten wieder im Büro.

"Eine Doppelseite ohne Bilder und ohne Pagina (=bis zum äußersten Seitenrand vollgeschrieben)". Das war die Standard-Bestellung, wenn Willi um Platz für ein Thema kämpfte. Scherzhaft selbstredend. Aber wie bei jedem guten Scherz mit einem ernsthaften Subtext. Wenn Willi eine Geschichte plante und schrieb, dann war immer Herzblut dabei. Kalte unbeteiligte Routine war nie sein Ding. Doch auch mitten im politischen Schlachtenlärm um die Zukunft seines geliebten Bundesheeres zählten bei der Arbeit allein journalistische Standards: Objektive Fakten und subjektive Meinungen klar getrennt.

Seit er nicht mehr so konnte, wie er wollte, rief er uns regelmäßig an. Erst am Samstag wollte er noch einen Kommentar schreiben. Er war bis zuletzt ein Kämpfer – und voller Zuversicht, dass er bald wieder seine Bestellung aufgeben kann: "Eine Doppelseite...".

Ciao Willi, in unseren Herzen bleibt viel mehr, als auf einer Doppelseite Platz findet.

Unser tiefes Mitgefühl gilt Willis Ehefrau Petra und seiner Tochter Conny.