Politik | Inland
03.10.2017

Der "Kanzler im Nadelstreif" wird 80

Wegbegleiter des ehemaligen Bundeskanzlers erinnern sich aus Anlass seines runden Geburtstages.

Heute, Mittwoch, wird der langjährige Bundeskanzler und SPÖ-Chef Franz Vranitzky aus Anlass seines 80. Geburtstages gleich mehrfach geehrt: Zuerst wird ihm bei einem Festakt im Rathaus von Bürgermeister Michael Häupl die Ehrenbürger-Urkunde der Stadt Wien überreicht. Am Abend lädt Bundespräsident Alexander Van der Bellen zu einem Galadiner ein.

Vranitzky selbst will kein großes Aufsehen um diesen runden Geburtstag machen. Der KURIER bat politische Konkurrenten seiner Regierungszeit (1986 bis 1997), ehemalige enge Mitarbeiter und den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Erinnerungen, persönliche Erfahrungen mit Franz Vranitzky und seine Verdienste für Österreich zu formulieren (siehe Kästen rechts).

Unbestritten ist, dass drei wichtige Ereignisse der Zweiten Republik die Politik und die Amtszeit des Sozialdemokraten prägen: Erstens die Distanz zu Jörg Haider und seine strikte Ablehnung, mit der FPÖ zu koalieren. Zweitens sein Bekenntnis zur Mitschuld Österreichs am Nationalsozialismus (Ende des Opfermythos) sowie seine Entschuldigung bei den Überlebenden und den Nachkommen der Opfer des Holocaust. In dieser historischen Rede an der Hebräischen Universität Jerusalem am 10. Juni 1993 betonte er, dass das moderne Österreich als "Antithese zum Nationalsozialismus" gegründet worden sei.

Drittens überzeugte der international denkende Vranitzky, der zu Hause als "Kanzler im Nadelstreif" galt, die EU-skeptische Partei und Gewerkschaft von der Notwendigkeit des EU-Beitrittes.

In seinem kürzlich vorgelegten Buch mit dem Titel "Zurück zum Respekt" plädierte er für eine sachliche Debattenkultur und "Besinnung auf ein paar Werte" im politischen Geschäft und persönlichen Miteinander.

Erhard Busek: „Es gab keine Kameraderie“

„Wenn Vranitzky sich gegenüber der Arbeiterkammer und dem ÖGB mehr bewegt hätte, wäre die rot-schwarze Koalition überzeugender gewesen. AK und ÖGB haben vieles verhindert. Vranitzky war konfliktscheu. Ich habe ein ordentliches Verhältnis zu ihm gehabt. Es wäre besser gewesen, er hätte mehr gesagt: In seiner Regierungszeit war er ein großer Schweiger. Wir beide wollten, dass die Koalition ein Erfolg ist, wir wollten das Land weiterbringen. Vranitzky war nicht der Typ, der heute üblich ist. Es gab bei ihm keine Kameraderie, das respektiere ich sehr. Es gab eine ordentliche Distanz. Daran erinnere ich mich gerne. Wir sind noch immer per Sie. “

Norbert Steger: „Er hat Haider groß gemacht“

„Die Sozialpartner haben bei Vranitzky eine große Rolle gespielt: ÖGB-Chef Benya und Wirtschaftskammer-Präsident Sallinger, in der ÖVP „Krokodil“ genannt, haben stark mitregiert. 90 Prozent der Wählerschaft war dadurch abgedeckt. Vranitzky war nie gehässig, auch nicht gegenüber der FPÖ. Von seiner Kanzlerschaft bleibt die Aussöhnung mit Israel. Seine Reden in Wien und Jerusalem waren historisch. Er hat das außenpolitische Vakuum von Waldheim gefüllt. Sein politisches Leben war mit der Haider-Ausgrenzung aufgebaut. Damit hat er Haider auch groß gemacht. Er war nach Kreisky der zweitwichtigste Kanzler der Zweiten Republik.“

Max Kothbauer: „Er war eine Autorität“

Vranitzky hat eine unglaublich humanistische Prägung durch seine Familie. Daraus resultiert, dass ihn Prinzipien steuern. Vranitzky machte sehr früh berufliche Erfahrungen als Werkstudent bei Siemens, als Mitarbeiter der Nationalbank wurde er in die USA geschickt, wo er für den Währungsfonds tätig war. Die Zusammenarbeit mit Amerika ist ihm wichtig. Er ist überzeugt, dass der Sozialstaat nur funktioniert, wenn auch die Wirtschaft kompetitiv ist und funktioniert. Er hat Österreich immer in einer starken EU gesehen. Als Chef war er eine Autorität. Wir waren alle per Sie mit ihm. Er hat gerne diskutiert, konnte zuhören und bildete dann seine Meinung.“

Oskar Deutsch: „Neues Kapitel aufgeschlagen“

„Für die Jüdische Gemeinde war es ein wichtiges Signal, dass Vranitzky die Ablehnung einer Koalition mit der FPÖ zum Grundsatz erhob. Mit seiner Rede 1991 im Parlament begann eine kritische Auseinandersetzung mit Österreichs Rolle in der Vergangenheit. Erstmals hat er die These von Österreich als erstem Opfer des Nationalsozialismus relativiert und ein Bekenntnis des offiziellen Österreich zur Mitverantwortung am Holocaust abgelegt. Er hat ein neues Kapitel der Aufarbeitung der Vergangenheit aufgeschlagen. In Israel hob er die moralische Verantwortung Österreichs hervor und bat Überlebende und Nachfahren der Opfer des Holocaust um Verzeihung.

Eva Nowotny: „Kanzler mit Horizont“

Vranitzky hat Österreichs Außenpolitik in einer Zeit der Umbrüche in Europa (Fall der Mauer; EU-Beitritt) gestaltet. Er war Bundeskanzler mit außenpolitischem Horizont und einem Netz internationaler Beziehungen. Durch die Isolierung Waldheims hat er das Land stärker nach außen vertreten. Er war schon sehr früh besorgt, dass Jugoslawiens Zerfall blutig werden wird. Der Jugoslawien-Konflikt mit Alois Mock war kein ideologischer, sondern ein taktischer: Vranitzky wollte den Anerkennungsprozess gemeinsam mit anderen Ländern gestalten. Die Spannungen wurden zivilisiert ausgetragen. Österreichs Außenpolitik endete mit Vranitzky.“