"Refugees Welcome to Austria" versorgt seit einigen Wochen Erstaufnahmelager mit Spenden.

© /Refugees Welcome

Flüchtlings-Problematik
07/27/2015

Das Boot ist noch nicht voll

Farangis Firozian war als Flüchtlingskind in Traiskirchen. Die Bilder aus dem Lager suggerieren für sie eine Realität, wie sie nicht sein müsste.

von Birgit Seiser

Ich habe diese politische Hetze gegen Flüchtlinge nicht mehr ertragen. Es war an der Zeit etwas zu tun“, sagt Farangis Firozian, Gründerin von „Refugees Welcome to Austria“. Täglich ist die 32-Jährige Wienerin mit Spendensammeln und Lieferungen in die Auffanglager beschäftigt – alles neben einem BWL Studium, einem Teilzeitjob als Assistentin eines Wissenschaftlers der Gründung eines Unternehmens.

Flucht aus dem Iran

Doch diese Zusatzbelastung nimmt sie auf sich, weil sie die Situation der Flüchtlinge am eigenen Leib erfahren hat. 1989 kam sie als Asylwerberin mit ihrer Familie nach Österreich. Vom Iran aus gelangte die Familie mit Schleppern über die afghanische Grenze nach Kabul. Dort hätte die Reise beinahe tödlich geendet: „Wir konnten nicht in das Flugzeug steigen, weil ich kurzfristig krank wurde. Genau diese Maschine wurde später im Krieg abgeschossen.“

Schließlich landete die Familie, als politische Flüchtlinge von der UNO unterstützt, in der indischen Hauptstadt Delhi. Von dort aus sollte es nach Australien gehen, doch eine unglaubliche Verwechselung führte sie nach Wien. „Als das Flugzeug landete, haben plötzlich alle Deutsch gesprochen. Da wurde uns erst klar, dass wir in Österreich sind. Das war eine schlichte Verwechslung der Behörde von Australia und Austria“, erzählt Farangis. Die Odyssee der iranischen Familie endete im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen. „Die Verhältnisse im Lager damals, kann man nicht mit den menschenunwürdigen Zuständen von heute vergleichen.“

KURIER: Sie kennen die Situation in Traiskirchen von beiden Seiten. Was hat sich im Vergleich zu Ihrer Zeit im Lager verändert?

Farangis: Als ich das erste Mal wieder dort war, hat mich das sehr bewegt. Dort herrscht Chaos. Die Verhältnisse damals kann man nicht mit den menschenunwürdigen Zuständen vergleichen, die heute vorherrschen. Wir waren zwar auch mit vielen anderen in einem Zimmer, aber niemand musste am Boden oder gar im Freien schlafen.

Was fordern Sie von den Behörden?

Die Bilder aus Traiskirchen suggerieren der Öffentlichkeit „Das Boot ist voll“, wir können keine Flüchtlinge mehr nach Österreich lassen, weil alles überfüllt ist. Vielleicht setzt die Politik diese Symbolik ganz bewusst ein. Solche Bilder müssten nämlich gar nicht sein. Es gibt genug Gemeinden und auch Privatleute, die gerne Menschen aufnehmen würden. Da stellen sich dann entweder die Länder quer, oder die Bürokratie legt ihnen Hürden in den Weg.

Was hat Sie an der Situation vor Ort besonders schockiert?

Es ist einfach beklemmend. Die Stimmung ist aufgeheizt, was auch ganz normal ist, wenn Menschen nach furchtbaren Erlebnissen auf zu engem Raum zusammenkommen. Weil die Flüchtlinge aus unterschiedlichen Ländern stammen, ist natürlich auch die Kommunikation unter ihnen oft nicht möglich. Wenn aber die Versäumnisse der Behörden dazu kommen, kann das auf Dauer nicht gut gehen. Konkret gibt es einfach zu wenige Sozialarbeiter. In Linz kommen auf 300 Männer nur zwei Mitarbeiter. Und auch das Essen in Traiskirchen ist wirklich nicht gut. Laut Berichten aus dem Camps bekommen sie Brei und Schweinefleisch, was natürlich suboptimal ist, wenn man die Herkunft der Flüchtlinge berücksichtigt.

Wie reagieren die Menschen auf Sie, wenn sie Hilfspakete bringen?

Durch meine Herkunft kann ich mich mit manchen verständigen, was sehr weiterhilft. Viele freuen sich darüber, dass man mit ihnen redet und sich ihre Geschichte anhört. Das sind ganz normale Leute die Jobs haben. Letztens habe ich einen Mann gesehen, der im Anzug da gesessen ist und mit Dubai telefoniert hat. Die Leben der Flüchtlinge gehen ja weiter, auch wenn sie aus lebensbedrohenden Gründen wie Krieg oder Verfolgung flüchten mussten.

Was sind die nächsten Ziele für Ihre Hilfsorganisation?

Wir lernen immer mehr dazu. Am Anfang haben wir versucht die Spenden persönlich zu übergeben, was jedoch recht chaotisch vonstatten ging. Mittlerweile arbeiten wir mit verschiedenen NGO’s und Privatinitiativen zusammen und entwickeln gemeinsame Projekte. Der Zuspruch und die Unterstützung seitens der Bevölkerung ist groß. Es gibt Leute die sich sogar Autos mieten um Spenden auszufahren. Wir bekommen z.B. Skripten von der pädagogischen Hochschule, welche auf verschiedene Sprachen, wie arabisch, persisch, russisch übersetzt sind. Die werden und aus den Händen gerissen. Im Moment sind wir auf der Suche nach einem größeren Lager in Wien, um alles einfacher sammeln, sortieren und verteilen zu können.

Außerdem planen wir gerade ein Projekt bei dem wir „Zeit verschenken“. Es wird gemeinsam gekocht, geplaudert, Fußball gespielt oder gewandert. Als ich 1989 mit meiner Familie nach Österreich kam wurden wir mit offenen Armen und Herzen aufgenommen. Es war waren Privatpersonen, die uns ihre Zeit und Hilfe angeboten haben und es sind diese gemeinsamen Erinnerungen, die ich niemals vergessen werde. Es ist für beide Seiten eine Bereicherung an Toleranz und menschlichen Grundwerten, die in unserer Gesellschaft immer mehr verloren gehen

Weitere Bilder aus den Lagern und Informationen für alle die helfen wollen gibt es auf: Refugees Welcome to Austria

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