Christian Konrad

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Flüchtlingskoordinator der Regierung
09/27/2016

Christian Konrad zieht Bilanz – und will aktiv bleiben

Flüchtlingsquartiere: 9000 Quartiere als Reserve, Lob für Bürgermeister und Helfer, Integration als größte Herausforderung.

von Michael Bachner

"Wer will, der kann. Ich hoffe, sie wollen." Diese beiden Sätze – gerichtet an die Verantwortlichen in Bund, Ländern und Gemeinden – stehen stellvertretend für die ehrenamtliche Arbeit von Ex-Raiffeisen-Chef Christian Konrad als Flüchtlingskoordinator der Bundesregierung.

Der von Ex-Kanzler Werner Faymann und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner im August 2015 bestellte Konrad zog am Dienstagabend Bilanz über eine herausfordernde Zeit. Konrad legt mit Ende des Monats seine Funktion zurück, will aber in der Flüchtlingshilfe und sozial aktiv bleiben. Konrad: "Viele Menschen wenden sich an mich. Denen versuche ich selbstverständlich weiter zu helfen."

Die Situation in der Flüchtlings-Unterbringung, die im Vorjahr ausgehend vom völlig überfüllten Erstaufnahmezentrum Traiskirchen das Land in Atem gehalten hat, hat sich deutlich entspannt.

Im August 2015 waren 48.000 Menschen in der Grundversorgung, jetzt sind es 84.000. Notquartiere braucht es nicht mehr. Es gibt im Gegenteil Reservequartiere für 9000 Menschen. Konrad: "Wir haben freie Plätze für eine Situation, von der ich nicht glaube, dass sie eintreten wird." Die Balkanroute sei geschlossen. Es hätten bereits zwei Drittel aller Gemeinden Flüchtlinge aufgenommen, im Herbst des Vorjahres war es erst ein Drittel.

Die Koordination zwischen "staatlicher Logistik" von Bund, Ländern und Gemeinden, NGOs und zivilgesellschaftlichen Initiativen hatte Erfolg, sagt Konrad. Spezielles Lob hat er dabei für die Bürgermeister parat. Diese seien nach mehreren von ihm initiierten Treffen gut miteinander vernetzt und hätten nun einen praktischen und menschlichen Zugang zum Thema. Eine konkrete Erfahrung daraus ist für Konrad: "Wenn wir mehr auf das direkte Gespräch setzen, lassen sich viele Herausforderungen leichter lösen." Nur in 15 oder 16 Fällen hätte der Bund in Gemeinden von seinem Durchgriffsrecht Gebrauch machen müssen.

Sorge um Junge

Nach der Nothilfe sei nun die Integration der Geflüchteten die größte Herausforderung. Am wichtigsten seien "Beruf und Ausbildung für die Flüchtlinge, Sprachkurse sowieso." Viel zu wenig geschehe für die unbegleiteten Minderjährigen. Konrad: "Da ist Platz für alle da. Es ist eine unbegründete Sorge, dass die jungen Flüchtlinge den Inländern Arbeit wegnehmen. Aber was am grünen Holz nicht passiert, kann man am reifen Baum nicht mehr nachholen."

Nicht allen sei dies bewusst, lässt Konrad durchblicken: "Wir haben die Chance gehabt, in diesem Jahr viel zu lernen. Nicht alle haben die Chance genützt. Manche könnten jetzt noch lernen."

Konrad lobt aber ausdrücklich das Engagement der Zivilgesellschaft. Wenig Lob hat er hingegen schon seit geraumer Zeit für die Bundesregierung parat. Er spricht sich nach wie vor gegen die Obergrenze von 37.500 Asylwerbern aus. "Diese Grenze kann nur bis zum 2. Jänner 2017 gelten, weil dann gibt es ja wieder ein neues Kontingent. Das ist nicht leicht zu verstehen."