Politik | Inland
06.11.2017

Cartellverband: Als die Brüder ihre Macht verloren

Die katholischen Verbindungen sind in der türkisen ÖVP ins Hintertreffen geraten. Wie kam es dazu?

Belege für das Machtbewusstsein Katholischer Studentenverbindungen mag es zuhauf geben, aber ein auffallend unverhohlen formulierter findet sich bereits in der zweiten Strophe der Hymne des Cartellverbandes: "Gehet Brüder unverdrossen unserm Volke stets voran", so eine Passage im Text, der in den "Buden" des Landes bierselig angestimmt wird.

Allein, der seit jeher eng mit der ÖVP verbundene "CV" vermag seinem Hymnen-Anspruch momentan nicht gerecht zu werden. Denn dem "Volke voran" gehen in der ÖVP momentan andere, CV-Mitglieder sind im Machtzirkel der Volkspartei Mangelware geworden. Im näheren Umfeld von ÖVP-Chef Sebastian Kurz findet sich (abgesehen von einem dem türkisen Machtzentrum eher fernen Außenamt-Pressesprecher) mit Gernot Blümel nur ein einziger "Cartellbruder", wie sich die Verbindungsmitglieder nennen. Der Coleurname Blümels, Mitglied in der Wiener Verbindung "Norica", lautet "Alkuin" – angelehnt an einen mittelalterlichen Gelehrten, der als wichtigster Berater Karls des Großen galt.

Mit Vizekanzler Wolfgang Brandstetter, ebenfalls Mitglied der "Norica", sitzt heute nur noch ein einziger CV-Mann in der Bundesregierung. Auch im nächsten Nationalrat werden weniger CV-Mitglieder als in der vergangenen Legislaturperiode vertreten sein: Mit Reinhold Lopatka, Peter Haubner, Wolfgang Gerstl, Niki Berlakovich, Klaus Fürlinger und Dominik Schrott ziehen sechs Cartellbrüder ins Hohe Haus ein. "Lobius", wie man Lopatka im CV nennt, wird statt seinem bisherigen Job als Klubobmann wohl nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Ein weiterer Beweis für den CV-Bedeutungsverlust ist nicht zuletzt die Bundesliste der ÖVP: Während dort bei der Nationalratswahl 2013 noch 28 Namen von Mitgliedern katholischer Verbindungen auftauchten, waren es heuer nur noch drei – und somit weniger als auf der Liste der Neos, erzählt ein CV-Insider.

Das war nicht immer so. Insgesamt elf von 17 ÖVP-Chefs der Zweiten Republik waren CV-Männer, so auch Kurz-Vorgänger Reinhold Mitterlehner. Nicht darunter: Wolfgang Schüssel und Erhard Busek. Unter diesen beiden ÖVP-Chefs wurde, erzählen Parteikenner, der Einfluss der Verbindungen in der ÖVP zurückgeschraubt. Unter Schüssel hatte außer dem einstigen Klubobmann Andreas Khol kaum ein mächtiger Bundes-ÖVPler CV-Hintergrund.

Die machtpolitische Hoch-Zeit des CV liegt indes noch gar nicht lange zurück, genau genommen erst vier Jahre: Als Ex-Vizekanzler Michael Spindelegger 2013 sein Regierungsteam zusammenstellte, waren bis auf zwei Ausnahmen alle Männer (Frauen dürfen im CV nicht mitmachen) der schwarzen Regierungsmannschaft "Cartellbrüder". Die einzigen Ausnahmen: Andrä Rupprechter und Kurz.

"Natürlich würden wir gerne wieder mehr Verantwortung übernehmen"

Im CV ist man sich des Machtverlustes durchaus bewusst: "Es ist augenscheinlich, dass wir nicht im direkten Umfeld des Parteichefs vertreten sind", sagt Cartellverband-Präsident Michael Jayasekara (25). Wie Ex-ÖVP-Chef Mitterlehner hört der junge Mann mit Wurzeln in Sri Lanka auf den Coleurnamen "Django". "Natürlich würden wir gerne wieder mehr Verantwortung übernehmen", fügt er hinzu. Der Machtverlust der Farbtragenden liege ihm zufolge aber weniger am CV selbst, denn viel mehr an den derzeit handelnden Personen: Im Gegensatz zur Kurz-Partie habe Spindeleggers enger Kreis an Vertrauten, die letztlich auch in die Regierung geholt wurden, aufgrund seiner langjähriger CV-Vergangenheit eben aus Farbtragenden bestanden, so der knappe Befund.

Hinter vorgehaltener Hand fallen hingegen schon deftigere Worte: "Bei vielen von uns mangelt es an Einsatzbereitschaft, die Leute bringen sich nicht mehr so stark ein", klagt ein CV-Insider. Neben dem CV habe sich die lange Zeit nicht ganz ernst genommene Junge Volkspartei als Personalreserve etabliert – auch die JVP sei nun eine "Institution", über die man wichtige Kontakte knüpfen könne. Nicht zuletzt würden viele Junge im CV heute eher in die Wirtschaft streben und die Mühen der politischen Basisarbeit meiden, heißt es zudem.

Kurz selbst soll mit Anfang 20 hie und da in "Buden" vorbeigeschaut haben – das Stadium eines "Spähfuchses" (so wird bezeichnet, wer sich das Treiben dort interessiert ansieht und eine Mitgliedschaft andenkt) habe der ÖVP-Chef aber nie erreicht. Abneigung bestehe seitens Kurz zwar keine gegenüber den Cartellbrüdern, grundsätzlich herrsche "sehr gutes Einvernehmen", erklärt ein ÖVP-Kenner. Nachsatz: "Viel mehr aber auch nicht".

Man sieht sie mit ihren „Deckeln“ (so nennt man die Kappen) und Bändern auf Sponsionen und Hochzeiten, sie stellen Vertreter politischer und wirtschaftlicher Eliten – und doch weiß man wenig über katholische Verbindungen. Ein Überblick.

Geschichte. Ihren Ursprung haben studentisch farbtragende Verbindungen im Deutschland des frühen 19. Jahrhunderts. Von diesen spalteten sich die österreichischen 1933 ab. 1938, nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland, löste sich der Cartellverband auf, 1945 wurde er neu gegründet. Heute hat der österreichische CV – der Dachverband aller 49 aktiven katholischen Verbindungen – rund 13.000 Mitglieder.

Keine Frauen. Die Mehrzahl dieser 13.000 sind sogenannte „Alte Herren“. Dabei handelt es sich um jene Mitglieder, die ihre Studien bereits abgeschlossen haben, aber immer noch in die „Buden“ (so heißen die die „Vereinslokale“) kommen. Wer mitmachen will, muss katholisch und männlich sein. Die größten Unterschiede zwischen dem CV und den dort kritisch beäugten schlagenden Burschenschaften: Der CV ist katholisch, nicht deutschnational und verbietet Mensuren. CV-Leute haben also keine „Schmisse“. Wer bei Mitgliedern nach den Beitrittsgründen fragt, bekommt nicht selten „bedingungslose Loyalität“ genannt.

Nähe zur ÖVP. Dies wiederum sei auch der Grund, warum der CV als Polit-Netzwerk genützt wird. Eine genaue Ursache für die enge Verflechtung mit der ÖVP gibt es indes nicht wirklich – man teile das „Wertefundament“, heißt es oft. Zudem habe nach Jahrzehnten, in denen CVer große ÖVP-Karrieren machten, eine Art Sogwirkung eingesetzt. Die bekanntesten Mitglieder heute: Reinhold Mitterlehner, Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer, Nationalbank-Präsident Claus Raidl und Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber.