Politik | Inland
21.02.2018

Burschenschaft: Ein altes und ein neues Liederbuch

Infrastrukturminister Hofer nimmt seinen Mitarbeiter Herwig Götschober in Schutz. Dieser geriet durch ein angebliches Liederbuch seiner Burschenschaft in die Schlagzeilen - und lässt sich beurlauben. Die FPÖ spricht dem Buch die Echtheit ab, die Stadtzeitung "Falter" beharrt darauf.

Es war die erste Reihe der FPÖ, die am Mittwoch mit Vehemenz Stellung zur jüngsten Liederbuch-Berichterstattung um einen freiheitlichen Funktionär nahm. Es geht um Herwig Götschober. Der FPÖ-Bezirkspolitiker und Obmann zweier Burschenschaften ist zugleich Pressemitarbeiter von Infrastrukturminister Norbert Hofer. Im Ö1-Morgenjournal sagte Hofer, Götschober habe ihm sein Liederbuch gezeigt, die vom Falter kolportierten NS-verherrlichenden Passagen seien nicht drin.

Burschenschaft kündigte rechtliche Schritte an

Auch von Parteichef Heinz-Christian Strache kam demonstrativ Rückendeckung für Götschober, er wies auf rechtliche Schritte gegen den Falter hin. Die betroffene schlagende Burschenschaft Bruna Sudetia – deren Obmann Götschober ist – hatte Besitz und Verwendung des Liedbuchs schon am Dienstag bestritten. Beim Falter hingegen hielt man am Mittwoch auf KURIER-Anfrage an der Darstellung fest, offenbar geht man von einer sehr glaubwürdigen Quelle aus.

Zwei Stellen gibt es in jenem Liederbuch, aus dem derFalter zitiert, die besonders widerlich sind. "Zwei Juden badeten einst im Fluß, weil jeder Mensch einmal baden muß. Der eine, der ist ersoffen, vom anderen wollen wir's hoffen", heißt es an einer Stelle. Auf Seite 29 steht: "Da trat in ihre Mitte der Jude Ben Gurion: Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die sieb'te Million." Eine deutliche Holocaust-Anspielung, die bereits die Burschenschaft Germania in Wiener Neustadt in Verruf gebracht hat. Ebenfalls nach einerFalter-Veröffentlichung trat – nachdem die NÖ-Landtagswahl geschlagen worden war – der FPÖ-Politiker Udo Landbauer von allen Funktionen zurück.

Götschober legte anderes Buch vor

Der Fall Bruna Sudetia sei deutlich anders, meint die Burschenschaft selbst in einem Statement am Dienstag. Das dem Falter vorliegende Buch sei "weder datiert noch mit einem Impressum versehen". Die Stadtzeitung wolle die Burschenschaft lediglich mit dem Druckwerk in Verbindung bringen. Dieses sei aber "niemals das Liederbuch der Burschenschaft und auch nie als solches in Verwendung" gewesen.

Götschober selbst wurde vom Falter vor der Veröffentlichung mit den Vorwürfen konfrontiert und schickte Fotos seines Liederbuchs. Klar ist nur: Beide Bücher haben eine einfache Spiralbindung, das Schriftbild des von Götschober fotografierten Buchs ist aber deutlich älter als jenes, das dem Falter vorliegt. Ob mehrere Liedbuch-Generationen auf der "Bude" der Bruna Sudetia im achten Wiener Gemeindebezirk lagen, ist vorerst weder auszuschließen noch beweisbar.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Das Liederbuch beschäftigt nun jedenfalls auch die Justiz. Die Staatsanwaltschaft Wien hat von Amts wegen ein Verfahren eingeleitet, bestätigte eine Sprecherin am Mittwoch. Ermittelt wird gegen unbekannte Täter wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung gemäß Verbotsgesetz.

Aus der Burschenschaft hieß es bereits am Dienstag: Man habe bei einer "Nachschau" am Montag lediglich "Ausgaben der tatsächlichen Liedersammlung der Burschenschaft sowie des 'Allgemeinen Deutschen Kommersbuchs' gefunden".

Beurlaubt

Mittwoch Abend folgte die erste personelle Konsequenz: Götschober lässt sich als Pressereferent im Büro von Verkehrsminister Hofer vorerst beurlauben. Er habe nach Auftauchen des Liederbuches und der Einleitung von Ermittlungen um die sofortige Beurlaubung angesucht, hieß es in einer Aussendung des Ressorts.

Die Beurlaubung des Kabinettmitarbeiters soll demnach so lange dauern, bis die Vorwürfe "restlos aufgeklärt" sind.

Wie es die Bruna Sudetia mit ihrer Geschichte hält

"Es gibt nur eine Sünde, die gegen die ganze Menschheit mit all ihren Geschlechtern begangen werden kann, und dies ist die Verfälschung der Geschichte."

Mit diesem Friedrich-Hebbel-Zitat begrüßt die Wiener Burschenschaft Bruna Sudetia Besucher ihrer Webseite, jene schlagende Verbindung, die durch einen aktuellen Falter-Bericht mit einem antisemitischen Liederbuch in Verbindung gebracht worden ist. In ihrer Eigendarstellung verfremdet die Burschenschaft ihre eigene Geschichte allerdings insofern, als die Zeit zwischen 1918 und 1945 schlicht ausgespart ist.

Zu lesen ist auf der Webseite, dass die Bruna Sudetia 1882 aus der Fusion der Verbindungen Bruna (gegründet 1871) und Sudetia (gegründet 1873) hervorgegangen ist. Damals nahm sie auch das heutige Wappen und die Farben Violett-Rot-Gold an. Seit diesem Jahr trägt man auch dunkelrote Mützen. Zwischen 1914 und 1918 sei allerdings ein Vereinsleben unmöglich gewesen, weil etwa hundert Mitglieder im Ersten Weltkrieg zum Kriegsdienst eingezogen worden seien.

Reaktivierung nach dem Zweiten Weltkrieg

Hier endet die Chronik vorerst, die Eigendarstellung setzt erst wieder mit dem Jahr 1951 ein, als eine Reaktivierung der Burschenschaft durch die Akademische Vereinigung Greifenstein, kurz darauf Akademische Verbindung Hohenheim, erfolgt sei. Selbst die oft in Burschenschafterkreisen benützte Darstellung, die völkischen Verbindungen seien vom NS-Regime zerschlagen worden, findet hier keine Erwähnung.

Laut Informationen des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands (DÖW) habe die Bruna Sudetia bereits 1933 die bundinterne Demokratie durch ein "Führerprinzip" ersetzt. 2013 sei dies auf der Webseite noch als "Anpassung an die reichsdeutschen Verhältnisse" und als Versuch, "das Ansehen des Bundes zu erhalten", gerechtfertigt worden.

Umbenennung in der NS-Zeit

Die Bruna Sudetia bestand demnach als Kameradschaft Otto Planetta (benannt nach dem illegalen Nazi und Mittäter beim Mord an Engelbert Dollfuß) im NS-Studentenbund weiter.

Ebenso wenig wie diese Information findet der "Brune" Erich Führer Erwähnung auf der Verbindungs-Homepage, jener spätere SS-Hauptsturmführer, der ab 1933 dem Verband Burschenschaft der Ostmark vorstand.

Geschichtsbild

"Ein Volk ohne Geschichte ist ein Volk ohne Zukunft!", zitiert die Burschenschaft im Internet erneut Hebbel. Ob ein Posting, mit dem sie auf ihrem Facebook-Profil die Fußball-WM 2014 kommentierte, einen Hinweis auf das Geschichtsbild der "Brunen" gibt? In Anspielung auf den Zweiten Weltkrieg schrieb man laut dem DÖW am 3. Juli 2014: "Die USA, Russland und England sind ausgeschieden, Polen war wieder einmal nicht mehr zu sehen und nun ist der Franzmann 'Last man standing'. Einmal etwas Neues, aber die deutsche Mannschaft ist #bereitwienie."