Van der Bellen will auf Hofer-Wähler zugehen

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Der Ex-Grünen-Chef siegte mit größerem Vorsprung als zuletzt. Für Heinz-Christian Strache ist der ÖVP-Chef einer der Schuldigen für die Niederlage. Norbert Hofer will nun bei der Nationalratswahl antreten.

Es war der längste Wahlkampf in der Zweiten Republik – fast ein Jahr hat er gedauert. Im Mai lagen Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer nur 30.000 Stimmen auseinander, dieses Mal baute der Ex-Chef der Grünen seinen Vorsprung auf rund 300.000 Stimmen aus.

Einer, der bis zuletzt auf Stimmenfang war, hat bereits Lust auf den nächsten. FPÖ-Mann Norbert Hofer kündigte am Sonntag an, bei der Nationalratswahl (regulär 2018) anzutreten – als Nummer 2 hinter Parteichef Heinz-Christian Strache.

Auch wenn Hofer auch bei der zweiten Stichwahl unterlegen ist – ein so gutes Resultat bei einer Bundeswahl haben die Blauen noch nie eingefahren. Und das wird Hofer großteils für sich verbuchen. Ein Machtkampf zwischen ihm und Strache bahnt sich an.

Van der Bellen, der sich mit Hofer hart gematcht hatte, will nun "auf die Wähler der FPÖ zugehen".

Bundespräsidentenwahl 2016
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Solche, die einst für die Roten gestimmt haben, hat auch SPÖ-Chef Christian Kern im Visier – mit der jüngst demonstrierten Abkehr von der "Vranitzky-Doktrin", dass die Blauen tabu seien. Er sehe es jetzt als seine Aufgabe an, in Zusammenarbeit mit Van der Bellen für einen "vernünftigen Umgangston" in der Politik und zwischen den Parteien zu sorgen, sagt Kern. Und er nimmt in dem Zusammenhang auch das Wort "Kooperation" in den Mund. Er wünsche sich, dass die zerstrittenen Parteien "wieder zusammenfinden". In Richtung Hofer-Wähler sagte er: Niemand solle sich als Verlierer fühlen. Weitere Versöhnungssignale in Richtung Freiheitliche.

Die sind auf ÖVP-Obmann Reinhold Mitterlehner schlecht zu sprechen. Neben dem "Establishment" nennen sie ihn als Schuldigen für die Niederlage – weil er, wie Hofer sagt, Van der Bellen den Bürgern zur Wahl empfohlen habe; das habe vor allem auf dem Land gewirkt.

VP-Klubchef Reinhold Lopatka, der sich für Hofer ausgesprochen hatte, erklärt den Wahlausgang so: Die Europa-Frage sei entscheidend gewesen, habe Hofer auf dem Land viele schwarze Stimmen gekostet. Grünen-Frontfrau Eva Glawischnig, die ihren Vorgänger als Unabhängigen verkauft hatte, ortet auch eine "klar pro-europäische Entscheidung", die nach dem Brexit und der US-Wahl sehr wichtig sei.

Novum bei einer Bundeswahl: Das vorläufige Resultat wird nicht am Abend vom Innenminister verlesen. Kritik gab es daran, dass Ressortchef Wolfgang Sobotka, obwohl Leiter der Bundeswahlbehörde, (ÖVP) gestern nicht im Lande war. Er war um 17 Uhr nach Deutschland geflogen, um in der ARD-Talksendung Anne Will aufzutreten. Sobotkas Sprecherin rechtfertigte dessen Absenz so: Er wolle den österreichischen Blickwinkel zum Thema "Rechtsruck in Europa" vermitteln. Abgesehen davon habe er am Wahlsonntag "keine unmittelbare Funktion", werde aber rechtzeitig zur Briefwahl-Auszählung am Montag wieder da sein.

Schon ohne eingerechnete Briefwahlkarten geht Van der Bellen als Sieger der zweiten Stichwahl hervor. Er wird am 26. Jänner als Nachfolger von Heinz Fischer angelobt.

Ich bin dankbar – und möchte ein bisschen ausschnaufen

Bundespräsidentenwahl 2016
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Alexander Van der Bellen stöhnt zunächst einmal erschöpft ins Mikrofon, als er gegen 21.45 Uhr endlich die Bühne bei seiner Wahlfeier betritt. Dann sagt er in seiner unnachahmlich-ruhigen Art: "Wir haben gewonnen."

Da bricht in den Wiener Sofiensälen in Wien-Erdberg ohrenbetäubender Jubel aus.

Hier hat sich das Sieger-Team, hier haben sich die Sympathisanten versammelt. Van der Bellen hat es geschafft. Er wird Bundespräsident. Die Erleichterung is ihm und seinen Mitstreitern anzusehen. Sie grölen "We are the champions", singen voller Inbrunst Reinhard Fendrichs "I am from Austria". Die Atmosphäre gleicht der Stimmung bei einem Länderspiel. Österreich hat aus Sicht der Van-der-Bellen-Fans und -Wähler gewonnen.

Bringt der Sieg auch Rückenwind für die Grünen?

"Ja, die Motivation steigt, aber es sind keine Lorbeeren, auf denen man sich ausruhen darf", sagt Albert Steinhauser, Vize-Klubchef der Grünen im Nationalrat.

Und was bedeutet das im Hinblick auf die nächste Nationalratswahl?

"Neue Wahl, neues Spiel – und hoffen auf neues Glück", sagt der Nationalratsmandatar schmunzelnd.

Ansporn für die Grünen

Wiens Grünen-Chefin Maria Vassilakou ist etwas vorsichtiger bei der Interpretation des Wahlergebnisses. "Es wäre vermessen zu sagen, dass die Wahl Rückenwind für die Grünen bringt. Denn das war ein Sieg einer breiten Bewegung." Aber für die Grünen sei das Ergebnis "jedenfalls ein Ansporn".

Van der Bellen spricht auch vom Erfolg einer großen Bewegung und verspricht "ein weltoffener und pro-europäischer Präsident zu sein".

Schon nach der ersten Hochrechnung ist Sonntagabend klar, dass es diesmal – im Gegensatz zur ersten Stichwahl im Mai – keine Zitterpartie wird.

Das Ambiente in den Sofiensälen ist stimmig, es passt zum angehenden Staatsoberhaupt: Weiß gedeckte Tische, weiß bezogene Stühle, goldene Verzierungen an den hohen Wänden und schwere, rote Samtvorhänge.

Auf einem Schild, das ein Mann in die Höhe stemmt, steht: "Gott sei Dank." Eine Anspielung auf Hofers Slogan: "So wahr mir Gott helfe."

Zu diesem Zeitpunkt wischt sich Barbara Neuroth gerade einige Tränen aus den Augen. "Es hatten sich so viele Emotionen aufgestaut. Ich musste weinen", schildert die grüne Bezirkspolitikerin, die im Parlament tätig war, als Van der Bellen dort den Klub führte. Neuroth freut sich, dass er nun in die Hofburg einziehen wird, "weil er so eine integere Persönlichkeit ist".

Erleichtert ist auch der Tiroler Ricardo (42): "Ich bin happy, dass wir die Kurve genommen und gegen den Brexit- und Trump-Trend gewählt haben."

Der Unternehmer Günter Wittek findet auch nur lobende Worte: "Van der Bellen hat ein hohes Maß an Seriosität und Glaubwürdigkeit. Er hat eine Ahnung von Wirtschaftspolitik und er sieht immer das Ganze und nicht partikulare Interessen." Der Hafnermeister aus Mistelbach hatte sich noch nie zuvor politisch engagiert, doch für den 72-jährigen Ökonomen stellte er sich auf die Straße.

Wittek ist ein Beleg dafür, dass es Van der Bellen eben geschafft hat, auch Menschen aus dem sogenannten bürgerlichen Lager auf seine Seite zu bringen.

Ein anderer aus diesem politischen Spektrum ist ÖVP-EU-Mandatar Othmar Karas. Er hat sich intensiv für den pro-europäischen Kandidaten eingesetzt und sieht in der Kür Van der Bellens "ein klares Signal für ein starkes Österreich in der EU und ein Bekenntnis für Mitverantwortung in der EU".

Starker Zusammenhalt

Unweit von Karas steht Alev Korun. Die Grüne Nationalratsmandatarin sagt, sie sei "überglücklich, dass Österreich ein Signal in die Welt aussendet, dass wir eine starke Demokratie sind. Die Menschen stellen den Zusammenhalt vor das Trennende."

Van der Bellen sagt: "Ich bin dankbar." Und "ein bisschen ausschnaufen" würden er und sein Team nach einem Jahr Wahlkampf jetzt wohl müssen. Zuerst aber wurde noch ausgiebig gefeiert.

VdB holte am Land kräftig auf

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Das Ergebnis in den Bundesländern war mit Hochspannung erwartet worden. Der Grund: Alexander Van der Bellen war bei der ersten Stichwahl im Mai in den Städten klar vor Norbert Hofer gelegen, allerdings in den Länderergebnissen deutlich hinter dem Freiheitlichen.

Am Sonntag zeigte sich: Der Freiheitliche verlor durchgehend in den Ländern zwischen 1,0 und 2,5 Prozentpunkte, konnte aber weiterhin in fünf Bundesländern die Nase vorn behalten.

Van der Bellen siegte hingegen wie schon bei der ersten Stichwahl in Wien, Oberösterreich, Tirol und Vorarlberg. Das Resultat war aber etwa in Salzburg sehr knapp. Nur mit 50,2 Prozent der Stimmen liegt hier Hofer vorne, 49,8 stimmten für VdB.

Richtig deklassiert hat Van der Bellen Hofer in Vorarlberg. Er kam im westlichsten Bundesland auf 60,4 Prozent Stimmenanteil und hatte am Wahlsonntag damit 20,8 Prozentpunkte Vorsprung auf seinen Kontrahenten Hofer.

Umgekehrt konnte Hofer wieder klar das Burgenland (59,6 Prozent) für sich entscheiden oder etwa auch Kärnten mit 56,5 Prozent der Stimmen. Allerdings konnte der Blaue hier bei der ersten Stichwahl noch 58,1 Prozent der Wähler überzeugen. Im Burgenland hatte er sogar mehr als 61 Prozent der Stimmen geschafft.

In Oberösterreich, wo ja Schwarz-Blau regiert, konnte VdB um zwei Prozentpunkte auf 53,3 Prozent zulegen.

Auch die Steiermark ist nun weniger blau (minus drei Prozentpunkte für Hofer). Van der Bellen konnte sogar ein paar Gemeinden drehen – auch ohne Wahlkarten. In Graz schaffte Van der Bellen 64,41 Prozent.

In Wien konnte Van der Bellen alle Bezirke für sich holen. Auch das zuletzt blaue Simmering ging knapp an den Ex-Chef der Grünen. Der elfte Wiener Gemeindebezirk war die einzige Wiener-Hochburg des FP-Kandidaten Norbert Hofer gewesen. Niederösterreich ging diesesMal sehr knapp für Hofer aus: Er holte 50,8 Prozent der stimmer, ein Minus gegenüber Mai von 1,9 Prozent.

( kurier.at ) Erstellt am 04.12.2016