Österreich steht im Fokus ausländischer Medien

Die Hofburg-Wahl wird eine Richtungsentscheidung, sind sich Journalisten einig © Bild: REUTERS/LEONHARD FOEGER

Der Blick von außen: Der KURIER hat mit Korrespondenten aus Deutschland und der Schweiz über ihre Beobachtungen rund um die Hofburg-Wahl gesprochen.

Groß wie nie ist das Interesse der Medien aus dem In- und Ausland an der Wiederholung der Hofburg-Stichwahl am Sonntag. Für das Pressezentrum in der Hofburg sind 750 Journalisten und Techniker akkreditiert, bei der Stichwahl im Mai hatten sich rund 600 Medienvertreter den Zugang zu den Redoutensälen gesichert. Der KURIER hat mit Korrespondenten aus Deutschland und der Schweiz über ihre Sicht auf den Wahlkampf gesprochen.

Österreich unter Beobachtung: "Weil es um Europa geht"

Cathrin Kahlweit von 'Süddeutschen Zeitung'
Cathrin Kahlweit Süddeutsche Korrespondentin © Bild: /Paul batruel
Seit vier Jahren beobachtet Cathrin Kahlweit als Korrespondentin der Süddeutschen Zeitungdie österreichische Polit-Landschaft. Eine Stimmung wie diese – vor der Wiederholung der Stichwahl – lässt sie erschaudern: "Der Ton ist nach der Aufhebung der ersten Stichwahl noch schärfer geworden. Das dürfte daran liegen, dass Norbert Hofer jetzt Morgenluft wittert. Seine Umfragewerte sind gut, er sieht die Chance, diesmal zu gewinnen."

Hofer selbst gebe sich etwa auf seiner Facebook-Seite streichelweich, "das Schimpfen erledigen andere für ihn".

Alexander Van der Bellen sei in Interviews vorsichtiger, er peilt die Mitte an. Hofer brauche die Mitte und den Rand. Morgen, Sonntag, wird sich zeigen, ob die Mobilisierung geklappt hat.

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Die SZ-Korrespondentin glaubt, dass das Rennen diesmal nicht knapp 50/50 ausgehen wird – sie rechnet mit einer klaren Entscheidung. "Wenn es so sein sollte, dass Hofer die Wahl gewinnt, dann wird das einen Schneeballeffekt haben."

Österreich als erstes Land in Westeuropa mit einem Rechtspopulisten als Staatsoberhaupt – "das wäre der erste Baustein in einer Kette, in der nächstes Jahr Marine Le Pen Präsidentin Frankreichs wird, in der die AfD und andere rechtspopulistischen Parteien immer stärker werden." Die Alpenrepublik stehe im Ausland stark unter Beobachtung, "weil es letztlich immer um Europa geht".

Österreich spiele also eine Art Vorreiterrolle. Die Medien seien da nicht ganz unschuldig, merkt die Journalistin an: "Die Rechtspopulisten werden auch deshalb stärker, weil wir so viel darüber reden. Einiges wird auch herbeigeschrieben."

Sie nennt Umfragen, wonach ein überwiegender Teil der Österreicher unzufrieden ist mit der Arbeit mit der Regierung, mit der Stimmung im Land. "Das ist ein Bauchgefühl, das mit Fakten nur begrenzt belegt ist. Denn eigentlich geht es diesem Land sehr, sehr, sehr gut."

Jahrzehntelanger Populismus führte zu "Abstumpfung"

Till Rüger von der ARD
Till Rüger ARD Korrespondent © Bild: /Paul batruel
Vergleiche mit Adolf Hitler, Gerüchte um eine Krebserkrankung, Behindertenwitze: In Deutschland wären Untergriffe wie diese selbst im härtesten Wahlkampf undenkbar, sagt ARD-Korrespondent Till Rüger. Auch abseits des Hofburg-Wahlkampfes gebe es vieles, das den Journalisten (gelinde gesagt) irritiert: „In Deutschland hätten viele Politiker, die hier noch immer im Amt sind, längst zurücktreten müssen. Sich mit einer Kornblume am Revers im deutschen Bundestag vereidigen lassen – undenkbar.“

Sein Erklärungsversuch ist folgender: „Man ist hier seit 1989, seit Jörg Haider, mit Populismus konfrontiert. Über einen so langen Zeitraum stumpft man natürlich ab, man verliert die Sensibilität dafür.“

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Der Deutsche lebt und arbeitet in Wien, berichtet aber auch aus vielen osteuropäischen Ländern. Österreich stehe seit Monaten ganz oben auf seiner Agenda: „Es sind wahnsinnig viele Redaktionen, die auf einmal Beiträge und Interviews aus Österreich haben wollen. Was bisher bei keiner Wahl, die ich erlebt habe, so intensiv war.“
Wird das kleine Österreich nicht etwas überschätzt? Im Gegenteil, meint Rüger. „Man unterschätzt hier, wie genau diese Wahl beobachtet wird. Die Symbolwirkung ist enorm.“

Zwar seien die Befürchtungen nach der US-Wahl relativiert worden – „man sagt, wenn sich die Amerikaner einen Donald Trump leisten können, kann Europa das auch“, sagt Rüger. „Aber die Werte sind hier andere. Europa ist bunt gemischt und nur mit gemeinsamen Werten hält diese Gemeinschaft. Wenn jeder einen eigenen Kurs fährt, wird sie zerbrechen.“ Ein FPÖ-Kandidat als Präsident wäre ein weiterer Schritt auf diesem Weg. Sein Tipp? „Schwer zu sagen. Es wird knapp, aber die Tendenz geht, glaube ich, zu Hofer.“

Und was, wenn Van der Bellen gewinnt? „Die Spaltung der Gesellschaft ist durch diesen Dauerwahlkampf verschärft worden. Der populistische Kurs bleibt.“

"Die Unzufriedenheit ist groß – und das ist berechtigt"

Meret Baumann (NZZ)
Meret Baumann © Bild: /Paul Batruel
Ist die Bundespräsidentenwahl jetzt tatsächlich eine Richtungswahl, wie vielerorts behauptet, oder ist die Aufmerksamkeit heillos überzogen? Geht’s nach Meret Baumann, der Korrespondentin der renommierten Neuen Zürcher Zeitung, wird morgen, Sonntag, tatsächlich über die Richtung Österreichs entschieden.

„Die Verfassung gibt dem Staatsoberhaupt weitreichende Kompetenzen“, sagt die Schweizerin zum KURIER. „Nur war es bisher eben die Usance, dass der Amtsinhaber diese nicht voll ausschöpft.“

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Sollte Alexander Van der Bellen gewählt werden, würde sich wenig ändern. „Er würde die Präsidentschaft im Stile des Vorgängers weiterführen, da bin ich ziemlich sicher.“ Demgegenüber habe Konkurrent Norbert Hofer aber klar gesagt, dass er das Amt anders anlegen würde. „Und genau darin“, sagt Baumann, „besteht die mögliche Richtungsänderung.“

Im Vergleich zum Frühjahr sei der Wahlkampf zuletzt über weite Strecken „mild“ verlaufen. Baumann: „Bis auf das letzte TV-Duell, bei dem Hofer deutlich aggressiver wurde, hat er sich persönlich zurückgenommen und anderen Freiheitlichen wie Ursula Stenzel die Angriffe überlassen.“

Die im Wahlkampf mehrfach thematisierte Kritik an den Eliten empfindet Baumann mehr als Kritik an der Regierung. „Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung ist groß, und ich glaube, das ist berechtigt.“ Von den angekündigten Reformen sei wenig zu spüren. „Im Gegenzug ist es aber für jeden Wähler klar und sichtbar, dass die Regierungsparteien nicht mehr miteinander können – und das regt die Leute so richtig auf.“ Vor diesem Hintergrund glaubt Baumann, dass Van der Bellen die besseren Sieg-Chancen hat. Warum? „Viele Hofer-Wähler motiviert der Frust über die Regierung. Sie könnten sich am Wahltag aber noch anders entscheiden – und einfach zu Hause bleiben. “

( kurier.at ) Erstellt am 03.12.2016