Meinung der Leser: Was ist "links", was ist "rechts"?

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Links und rechts sind zwei Seiten einer Medaille, doch für was steht was denn eigentlich? Diese Frage stellten wir kurier.at-Lesern vor zwei Wochen. Hier nun die Antworten. Ergänzt mit einer Expertenmeinung, sowie den Einschätzungen der beiden Wahlkampfmanager Herbert Kickl und Lothar Lockl.

Rechts = Nazi, Links = Kommunist? So leicht ist es nicht. Zumal die Begriffe immer schwammiger und besonders in den sozialen Medien zunehmend beleidigender verwendet werden. Der Ursprung dieser politischen Einordnung lässt sich in den Geschichtsbüchern nachlesen, sie beginnt 1789. Während der ersten Phase der Französischen Revolution berief Ludwig XVI. erstmals nach 174 Jahren eine Nationalversammlung ein. Nach zähen Diskussionen fand diese dann noch im selben Jahr tatsächlich statt.

Damit war nicht nur der Grundstein zur französischen Nation gelegt, sondern auch für das Rechts-Links-Denken. Denn in dieser Nationalversammlung saßen die Abgeordneten nicht mehr nach den Ständen angeordnet, sondern nach ihrer Einstellung. Während sich links die revolutionären Kräfte, die eine Republik forderten, sammelten, waren auf der rechte Seite die konservativen, der Monarchie zugetanen Abgeordneten zu finden.

Bald wurde aus der räumlichen Aufteilung ein Synonym für die jeweilige politische Einstellung, die nicht an den Landesgrenzen halt machte, sondern über ganz Europa schwappte. Den traurigen Höhepunkt erlebte links mit dem Sozialismus in der UDSSR, rechts mit dem Nationalsozialismus in Deutschland. Dennoch bleibt links und rechts im politischen Spektrum allgegenwärtig.

Deshalb hat kurier.at seine Leser gefragt, was ist für Sie „links“ und was „rechts“. Zusätzlich gaben der Politologe Ferdinand Karlhofer, sowie die beiden Wahlkampfmanager Herbert Kickl (Norbert Hofer) und Lothar Lockl (Alexander Van der Bellen) ihre Einschätzung dazu ab.

Über 700 Antworten gaben die kurier.at-Leser in der nicht repräsentativen, anonymen Umfrage ab (mehr dazu hier). Teils ausführlich, größtenteils mit einzelnen Begriffen. Damit sich klare Aussagen treffen lassen, wurden diese summiert. Beleidigende und untergriffige Statements wurden nicht ausgewertet.

Das sagen die Leser zu „was ist rechts“?

Rechts sein heißt für die kurier.at-Leser vor allem „konservativ“ und „national/nationalistisch“ sein. Nach Anzahl der Nennung sortiert folgen mit gehörigem Abstand Begriffe wie „rassistisch“, „traditionell“, „sozial“, „liberal“ und „realistisch“.

Dass nicht jeder das gleiche Bild von „rechts“ hat, mehr noch, dass sich hier zwei Fraktionen herauskristallisieren, zeigt sich besonders in den ausführlichen Antworten, die hier exemplarisch für alle stehen (Rechtschreibfehler korrigiert, Anm.).

Beispielsweise schreibt ein Leser: „Rechts sein bedeutet, kritisch gegenüber Migration, Multikulturalismus und Globalisierung zu stehen. Aber eben nicht pauschal gegen alle Einwanderer, Muslime etc. zu sein, sondern es differenziert zu betrachten.“ Oder auch: „Leistungsgerechtigkeit statt Hängematte, Schutz und Forcierung (Wohnung z.B.) des Eigentums, soziale Verantwortung für Kinder, Alte, Kranke. Eigenverantwortung fördern. Law and Order - sich an Gesetze halten. Opferschutz statt Täterschutz.“ Wichtig zu betonen ist vielen bei dieser Frage: „Darauf zu schauen, dass es in erster Linie den Menschen im eigenen Land nicht schlechter geht und Gesetze (Dublin,…) eingehalten werden.“

„Menschen gegeneinander aufzuhetzen! Die Gesellschaft mit Hass gegenüber Andersdenkende zu vergiften! Nur eines gilt und die/das andere/n nicht“, schreibt ein weiterer Leser. Ebenfalls erreicht hat uns: „Rechts bedeutet, eine Politik zu machen, die auf den Egoismus der Menschen abzielt; eine Politik, die den Menschen Überlegenheit suggeriert, zu der sie selbst aber nichts beigetragen haben. Es werden Feindbilder geschaffen, die den Leuten sagen sollen ‚Ihr seid besser als die‘ sowie‚ diese Leute sind es nicht wert, dass man sich um sie kümmert‘." Für einen anderen heißt rechts sein: „Ausgrenzung und Hass als politische Waffe, ausspielen verschiedener Gruppen (In/Ausländer, Alt/Jung) um von der eigenen neoliberalen Politik abzulenken.“

Das sagen die Leser zu „was ist links“?

Natürlich wurde auch nach der anderen Seite des politischen Spektrums gefragt. Demnach heißt links sein für kurier.at-Leser vor allem „sozial“ sein. Keine Antwort erreichte auch nur annähernd so viel Zustimmung. Weitere häufige Nennungen waren „liberal“, „weltoffen“ und „kommunistisch“. Für manche bedeutet links „realitätsfern“, „sozialromantisch“ und „gewaltbereit“ zu sein. Letzteres bezieht sich laut den Antworten besonders auf Demonstrationen.

Wie auch bei „rechts“ teilt sich die Definition von „links“ bei den ausführlichen Antworten in zwei Lager. „Auf die Gesellschaft vor dem Individuum zu achten. Darauf zu achten, dass alle die gleichen Chancen haben. Sozialstaat hochhalten um denen zu helfen, denen es schlechter geht.“, schreibt ein Leser. Ein anderer antwortet: „Eine unter einem starken Staat sozial ausgerichtete und zumindest teilweise kontrollierte/nicht zu liberale Wirtschaft, Umverteilung und geringe Ungleichheit, starker Sozialstaat, moderne wenig moralisierende Gesellschaftspolitik inkl. Gleichstellung von Frauen und Minderheiten.“ Letzterem stimmt auch folgender Leser zu: „Eintreten für Frauen- und Minderheiterechte, sozial Schwache und liberales Strafrecht; Ablehnung nationaler Identitäten, Neigung dem eigenen Weltbild widersprechende Tatsachen zu negieren, Hang zur Sozialromantik, Misstrauen gegenüber staatlicher Machtausübung.“

Auch die aktuelle Flüchtlingskrise findet in den Antworten ihren Niederschlag. „Unkontrollierte Massen ins Land zulassen und das dann schönreden“, schreibt etwa ein Leser. Oder: „Offene Grenzen, keinen Unterschied machen, ob jemand zehn, 40 Jahre, sein Leben lang oder erst zwei Tage im Land ist. Egal, ob jemand ins System eingezahlt hat oder nicht. Keine Überlegungen, wie das alles weiter finanziert werden soll. Bevorzugung von Flüchtlingen gegenüber Einheimischen, auch Wirtschaftsflüchtlingen.“

Für manche sind links gerichtete Menschen: „Globalisierungsbefürworter, Augen zu gegenüber realen Bedrohungen, daher kein Sinn für Realität, Regulierungswut und Gleichmacherei, wenn es um die eigene Bevölkerung geht, Geschichts-Trauma und Rumreiterei auf Themen, die die jetzige Bevölkerung nur aus der Geschichte kennt und selbst niemals erleben möchte.“

Sind die jeweiligen Wähler einer Richtung zuzuordnen?

Die letzten beiden Fragen der Umfrage – „Heißt FPÖ wählen automatisch rechts zu sein?“ bzw. „Heißt Grüne wählen automatisch links zu sein?“ - wurde zum Großteil mit Ja, Nein und Abstufungen davon beantwortet. Deshalb wurden diese Fragen in folgendem Diagramm zusammengefasst.

Was sagt der Experte dazu?

Politikprofessor Ferdinand Karlhofer von der Universität Innsbruck erklärt im Gespräch mit kurier.at, dass zwar „beide Begriffe nach wie vor ihren semantischen Gehalt haben, vieles davon aber faktisch außer Kraft gesetzt ist.“ Historisch betrachtet hatte „links eine Vorstellung, dass es unterschiedliche soziale Gruppen gibt, die in einem Spannungsverhältnis zueinander leben. Der Staat hatte dabei die Aufgabe, den Ausgleich zwischen Ungleichheit und Ungerechtigkeit herzustellen.“ Auf der anderen Seite bedeutete rechts „mehr Autorität, mehr Hierarchie, Misstrauen gegenüber dem Staat, mehr Konkurrenz und nicht zuletzt ein konservatives Weltbild, vor allem was die Rolle der Frau angeht.“

Laut dem Politologen haben diese Begriffe in kürzester Zeit an Bedeutung eingebüßt und sind zusammengerückt. „Nicht im Sinne einer Mitte, sondern im Sinne von ‚wer gehört dazu‘ und ‚wer gehört nicht dazu‘“. Inklusion und Exklusion nennt sich das wissenschaftlich und heißt vereinfacht so viel wie: „Unsere Leut‘ und die anderen“. Es geht um Abgrenzung und „da sind wir rasch beim Populismus, bei einem schwammigen, unscharfen Volksbegriff“. Bei einem solchen Volksbegriff muss jeder eine Antwort geben auf die Gretchenfrage: Bist du einer von uns? Ob Arbeiter oder Millionär, spielt da keine Rolle – Hauptsache, man stimmt ein in den Tenor gegen „die da oben“, und in Österreich sind das die fast schon pauschal als korrupt und abgehoben verdächtigten „Politiker“. Zwischen links und rechts wird dann gar nicht mehr unterschieden.

Hatten früher die „großen Lagerparteien SPÖ (Mitte-Links) und ÖVP (Mitte-Rechts)“ Integrationscharakter – „sie haben ihre Leute in ihren Lebenszusammenhängen abgeholt und ihnen ein Weltbild vermittelt“ – ist vielen mittlerweile ihr „politisches Heimatgefühl verloren gegangen“. Laut Karlhofer fühlen sich die Menschen alleingelassen, es gibt kaum mehr Platz für politisches Handeln in der Partei. „Das schafft Distanz und ein Bild, bei dem mit links oder rechts nicht mehr operiert werden kann.“ Man erwarte von den Parteien, dass sie „die Unsrigen vor den Anderen“ in Schutz nehmen. „Damit ist das Links-Rechts-Deutungsschema am Ende“, sagt Karlhofer.

Auf die Frage ob die jeweiligen Wähler einer Richtung zuzuordnen sind, antwortet Karlhofer: „Wer FPÖ wählt, wird sicher nicht sagen, ‚ich bin links‘. Weniger klar sei das bei der SPÖ. „Da ist inzwischen gar nicht mehr auszuschließen, dass manche sagen, ‚ich bin rechts‘.“

Und was sagen die Wahlkampfmanager dazu?

Auf eine Definition der Begriffe angesprochen, merkt man sowohl Lothar Lockl (Wahlkampfmanager von Alexander Van der Bellen) als auch Herbert Kickl (Wahlkampfmanager von Norbert Hofer) die Professionalität an Tagen wie diesen an. Es ist Wahlkampf. Finaler Wahlkampf. So klingen dann auch die Antworten, anecken will keiner, dafür noch einmal die eigene Position aufzeigen.

Die Strippenzieher der jeweiligen Wahlkämpfe: Herbert Kickl (li.) und Lothar Lockl
Wien - 12 Tage vor der Stichwahl lud Josef Kalina die Wahlkampfleiter Herbert Kickl und Lothar Lockl sowie die Top-Politikexpert… © Bild: Unique Public Relations GmbH/APA/Ludwig Schedl

Lothar Lockl beispielsweise sagt, „ich kann das so wirklich nicht beantworten. Bei uns geht es um eine Bundespräsidentenwahl, bei der es darum geht, eine Mehrheit von über 50 Prozent zu bekommen. Deshalb ist unsere wichtigste Gruppe die Mitte. Alexander Van der Bellen will ein Präsident der Mitte sein, der auf Vernunft setzt und nicht auf Extreme.“ Bewerten will der Strippenzieher keine Partei und keine Unterstützer, wie er sagt.

Auch auf die Frage ob FPÖ-Wähler rechts sind und Grün-Wähler links antwortet Lockl mit: „Nein. Ich glaube es gibt einen Veränderungswunsch – aber mit Bedachtheit. Ich glaube nicht, dass man eine Radikalisierung, dass man Chaos oder Experimente will.“ Ein wenig Selbstkritik gibt es aber: „Dinge müssen sich ändern, vor allem in der Politik selbst. Die Menschen haben das Gefühl, die Politik hört nicht mehr zu und ist mit sich selbst beschäftigt. Mit Untergriffen und Haxl stellen.“

Herbert Kickl von der FPÖ hält „diese Einteilung generell für überholt“. Er unterscheidet jedoch die Situation in Österreich und Deutschland mit der internationalen Sicht. Demnach wird hierzulande „eine patriotische Politik, die sich an den Interessen der eigenen Bürger orientiert, als rechts bezeichnet“. Ansonsten sieht Kickl die Abgrenzung am ehesten beim wirtschaftspolitischen Zugang. „Marktliberale Systeme gelten als eher rechts, Systeme mit starker staatlicher Lenkung als eher links.“

Auf die Frage ob FPÖ-Wähler rechts und Grün-Wähler links sind antwortet auch Kickl mit: „Definitiv nicht.“ Viele der FPÖ-Wähler seien „Hoffnungswähler, die sich eine Änderung der festgefahrenen politischen Gepflogenheiten wünschen“. Dieses Wahlmotiv lasse sich laut Kickl „nicht in ein Links-Rechts-Schema einordnen“.

( kurier.at , moe ) Erstellt am 01.12.2016