Stargast beim SPÖ-Wien-Landesparteitag: Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz.

© KURIER/Gerhard Deutsch

Doppelinterview
04/20/2015

"Dann geh’ ich lieber Rosen züchten"

Bürgermeister Michael Häupl und Hamburgs Stadtchef Olaf Scholz über rot-grüne Koalitionen.

von Ida Metzger

KURIER: Herr Scholz, Sie stehen am Anfang einer rot-grünen Koalition. Michael Häupl steht am Ende der rot-grünen Allianz. Wo liegen die Schmerzgrenzen einer solchen Koalition?

Olaf Scholz: Wir haben unser Bündnis mit einem detaillierten Koalitionsvertrag unterlegt. Auf 115 Seiten haben wir alle Punkte festgelegt, die wir in den nächsten fünf Jahren in Hamburg angehen wollen. Dieser sehr genaue Arbeitsplan wird uns helfen.

Herr Häupl, hätte sich die rot-grüne Ehekrise verhindern lassen, wenn das Wahlrecht schon im Koalitionsvertrag ausgedealt gewesen wäre?

Michael Häupl: Schon bei den Koalitionsverhandlungen war uns und den Grünen klar, dass das Wahlrecht ein Punkt ist, wo es unterschiedliche Meinungen gibt. Hier einen Kompromiss zu finden, war am Ende nicht möglich – auch wenn wir uns bemüht haben. Trotzdem: 95 Prozent des ausgehandelten Koalitionsvertrages wurden umgesetzt. Das will ich mir nicht zerstören lassen. Ich hatte auch schon einmal eine Koalition mit der ÖVP. Daher weiß ich: Am Ende einer Koalition wird es immer ein wenig rumplig. Doch ich will das gar nicht überwerten. Der Vorteil eines gewissen Alters und der damit einhergehenden Erfahrung ist, dass man vieles mit einer gewissen Gelassenheit sieht.

Grün ist trotz der Krise kein No-Go für die nächste Legislaturperiode ...

Häupl: Ein No-Go ist, vor einer Wahl über eine Koalition zu diskutieren. Meine Zielsetzung ist eine andere, nämlich eine Alleinregierung.

Sehen Sie das realistisch?

Häupl: Ned bös sein, aber wenn man 49 Mandate hat, dann sind 51 nicht unrealistisch.

Sie vereint, dass Sie bei Wahlen erfolgreicher sind als die Sozialdemokraten auf Bundesebene. Woran liegt das?

Scholz: Die politischen Ebenen lassen sich schwer miteinander vergleichen. Michael Häupl und ich kümmern uns darum, dass es unseren Städten wirtschaftlich gut geht. Vertrauen entsteht nur sehr langsam und darf nie enttäuscht werden. Es ist wichtig, dass die Menschen im Wohnungsbau, bei den Kindergartenplätzen und den Arbeitsplätzen das Gefühl gewinnen – "Die machen das gut". Ich habe 2011 meine Wahl gewonnen, in dem ich das schlichte Versprechen gegeben habe, gut zu regieren. Das kommt an.

Häupl: In der Stadt ist der Beweis, regieren zu können, eine Spur leichter, als auf Bundesebene anzutreten. Denn unsere Politik ist durch Wohnungsbau, Schulen etc. angreifbar, spürbar. Aber umgekehrt werden Fehler schneller wahrgenommen.

Das mussten Sie gerade erst spüren...

Häupl: Wieso?

Wegen Ihrer Aussage bezüglich der Lehrerunterrichtszeiten...

Häupl: Da kann ich nur sagen, die Diskussion, die ich diesbezüglich auf der Straße geführt habe, war eine andere, als jene, die in den Medien stattgefunden hat. Und am Parteitag haben wir mittlerweile auch darüber gesprochen.

Können es sich Politiker noch leisten, Ihre Meinung zu sagen? Oder sollten sie in vorgefertigten Sprechblasen sprechen?

Häupl: Ich bin ja kein Schauspieler. Wenn ich schon die Bretter, die die Welt bedeuten, betrete, dann spreche ich meine eigenen Texte. Wenn ich nicht mehr situativ reagieren darf, dann geh’ ich lieber Rosen züchten im Garten meiner Frau.

Scholz: Spontane Worte sind wichtig, auch wenn sie Ärger machen. Politiker müssen authentisch bleiben, sonst werden sie unglaubwürdig.

Hamburg bewirbt sich für die Austragung der Olympischen Spiele 2024. Viele Städte, auch Wien, haben sich wegen der enormen Kosten gegen eine Kandidatur entschieden. Wie wollen Sie die Hamburger überzeugen?

Scholz: Laut Umfragen sind zwei Drittel der Hamburger für eine Bewerbung. Noch im Herbst wollen wir darüber einen Volksentscheid abhalten, dafür ändern wir gerade unsere Verfassung. Was uns entgegenkommt: Das Olympiakonzept passt gut in unsere Pläne zur Stadtentwicklung. Für die reinen Sportstätten wird man eine Investition von etwas mehr als zwei Milliarden Euro benötigen.

Herr Scholz, Sie beteuern zwar, die Olympischen Spiele als Hamburgs Bürgermeister eröffnen zu wollen. Gleichzeitig sagt man Ihnen nach, dass Sie auch neuer SPD-Chef werden könnten. Was stimmt nun?

Scholz: Dass es einer Stadt gut tut, wenn man viele Jahre Bürgermeister ist, sieht man an Wien. Ich habe es fix vor, auch 2020 anzutreten.

Sie werden "Kahl der Große" genannt. Wie gefällt Ihnen das?

Scholz: Das war eine nette Frotzelei und es war lustig. Sie zielte darauf ab, dass meine lockige Haarpracht etwas abgenommen hat. Wenn dabei mitschwingt, dass es eine große Zustimmung für meine Politik gibt, dann ist das auch nicht schlecht.

Herr Häupl, Ihnen wird in den letzten Wochen das Cäsarentum nachgesagt. Wie gehen Sie damit um?

Häupl: Das habe ich überhaupt noch nie gehört. Aber ich sage es ganz offen: Ich gehe gar nicht damit um, denn ich weiß, dass ich viel vielschichtiger bin. Eine vermeintliche Facette einer Persönlichkeit herauszupicken, halte ich für vernachlässigbar, um es nett zu formulieren.

Herr Scholz, Sie hatten ein sehr mutiges Wahlkampfplakat, auf dem nur Ihr Kinn zu sehen war. Würden Sie das auch Michael Häupl empfehlen?

Scholz: Er könnte es gut wagen. Denn das Besondere an diesem nur fünf Tage lang gezeigten Plakat war, dass weder mein Name noch die Partei auf dem Plakat stand. Trotzdem haben mich alle erkannt. Das würde bei Michael Häupl auch so sein.

Häupl: Ich würde meinen Schnauzbart nehmen (lacht).

Die SPÖ Wien lässt stattdessen bereits jetzt altbekannte Themen wie das Revival des Gemeindebaus plakatieren?

Scholz: Was ist daran alt? Das ist ein Thema, das höchste Aktualität hat. Das durfte ich 2011 feststellen, als ich in Hamburg Bürgermeister wurde. Da fehlten fast 40.000 Wohnungen. Die Stadt hatte seit 1990 etwa 200.000 neue Bewohner hinzubekommen, den Wohnungsbau hatte sie aber vergessen. Das würde einem Sozialdemokraten nie passieren.

Häupl: Sogenannte "alte Themen" ist eine bürgerliche Ideologie. Wenn man damit meint, dass wir weiterhin auf Lösungen in sozialen Fragen setzen, dann weiß ich nicht, was daran alt sein soll. Die Wohnungsfrage ist maßgeblich für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft.

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