Studenten statt Lehrer: Ungeprüft unterrichten

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Foto: Fotolia Symbolbild

Die Pensionierungswelle bei den Lehrern wird 2020 ihren vorläufigen Höhepunkt erreichen. Doch bereits jetzt werden Löcher im Lehrbetrieb mit Studenten gestopft.

Lehrergewerkschafter Paul Kimberger und der Grüne Bildungssprecher Harald Walser hatten Anfang des Jahres im KURIER vor einem drohenden Lehrermangel gewarnt. Als Gründe werden sowohl die Pensionierungswelle als auch steigende Schülerzahlen angegeben. Außerdem wird die neue, längere Lehrerausbildung kurzfristig zu weniger Absolventen führen.

Das Bildungsministerium gibt in einer Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage (Team Stronach) Entwarnung: "Prinzipiell fehlen keine Lehrpersonen an den österreichischen Schulen. Es sind alle Unterrichtsstunden besetzt." Die Zahl der Lehrer sei aufgrund der höheren Schülerzahlen (u.a. Kinder mit Fluchterfahrung) gestiegen, heißt es in der Beantwortung. Insgesamt gibt es heute mehr als 120.000 Lehrer in Österreich, wobei hier auch karenzierte mitgezählt werden.

Pensionierungswelle in Zahlen

Interessant ist allerdings die mitgelieferte Prognose der Pensionierungswelle bis 2025. Jährlich sollen rund 3.000 bis 4.000 Bundes- und Landeslehrer in den Ruhestand treten. Der Höhepunkt soll demnach im Jahr 2020 erreicht werden, insgesamt 4.025 Lehrer verlassen die Schule und somit den Arbeitsmarkt. Davon gehören 1.590 Personen dem Bundes- (AHS und BHS) und 2.435 dem Landeslehrpersonal an. Wie aus den Zahlen hervorgeht, soll die Zahl der in Pension gehenden Lehrer danach aber wieder abebben.

 
 

Das Bildungsministerium betont, dass die Prognose mit gewissen "Unsicherheitsfaktoren" (Pensionierungsverhalten, Zeitkonto, Karenzen, etc.) behaftet ist. Klar ist aber, dass die Babyboomer-Generation in Pension geht. Darunter sind jene Personen gemeint, die in Österreich zwischen 1956 und 1969 geboren sind. Die OECD hat sich in ihrem Bericht "Bildung auf einen Blick 2016" ebenfalls mit der Altersstruktur der österreichischen Lehrkräfte beschäftigt. So sind laut Erhebung 37 Prozent aller Volksschullehrer, 48 Prozent aller Lehrer der Sekundarstufe I (AHS-Unterstufe/Neue Mittelschule) sowie 42 Prozent der Lehrer an Oberstufenschulen 50 Jahre oder älter. Der Anteil der Lehrer, die regulär in den Ruhestand treten, ist bisher aber eher gering.
 

 

 

Die Logik weiß aber, dass Löcher gestopft werden müssen. Als Kontrast zur Pensionierungswelle kann die Absolventenstatistik herangezogen werden. Im Schuljahr 2015/16 konnten 4.000 Personen das Lehramtsstudium an den Pädagogischen Hochschulen (PH) abschließen. Dazu kamen knapp 2.000 Absolventen eines Lehramtsstudiums an den Universitäten. Erstere sollen an Volksschulen und NMS unterrichten, Uni-Absolventen vor allem an AHS und BMHS.

Studenten als Lehrer

Aber offenbar gibt es trotz aller Entwarnungen Engpässe im Bildungsbereich. Aus der Anfragebeantwortung geht nämlich hervor, dass knapp 1.000 Studenten als Lehrer in Österreichs Schulen im Einsatz sind. Dabei besonders häufig in Gymnasien, Neue Mittelschulen und berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (z.B. Handelsakademie). Das Bildungsministerium verweist im Zuge seiner "ad hoc-Erhebung" darauf, dass bei Engpässen laut Gesetz "Vertragslehrer aufgenommen werden, die den Nachweis der vorgeschriebenen Einreihungsvoraussetzungen nicht erbringen". So werden Uni-Absolventen eingesetzt, die ihr Unterrichtspraktikum noch nicht (komplett) hinter sich gebracht haben.

 
 

Den Ländern ist es zudem möglich, nicht voll lehrgeprüfte Studenten "im Wege eines Sondervertrages" anzustellen. Im Landesvertragslehrpersonengesetz (Paragraf 3, Abs. 11) heißt es dazu: "Solange geeignete Personen, die die für ihre Verwendung vorgeschriebenen Zuordnungsvoraussetzungen erfüllen, trotz Ausschreibung der Planstelle nicht gefunden werden, dürfen auch Personen aufgenommen werden, die den Nachweis der Zuordnungsvoraussetzungen nicht zur Gänze erbringen, wenn zu erwarten ist, dass sie die Zuordnungsvoraussetzungen erfüllen werden."

Die Initiative Teach For Austria beruft sich auf diesen Gesetzesabschnitt und bildet Jungakademiker aus unterschiedlichen Uni-Fächern aus, um an Neuen Mittelschulen und Polytechnischen Schulen zu unterrichten. Als Einsatzgebiete werden Wien und Niederösterreich angegeben.

Übrigens unterrichten nur in Einzelfällen pensionierte Lehrer: Insgesamt 17 sind es an den Bundesschulen, acht davon alleine in Vorarlberg. Auch an den Pflichtschulen setzt Vorarlberg wesentlich stärker als andere Bundesländer auf Lehrer im Ruhestand: Zwölf von 13 "reaktivierten" (Zitat Bildungsministerium) Pädagogen sind im Ländle zu finden.

(KURIER) Erstellt am
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