Politik | Inland
02.04.2017

Besuch in der Moschee: "Immer offen für alle"

Angefeindeter Moschee-Verein. Früher war die Nizam-ı-Alem-Moschee mit der benachbarten Kirche befreundet. Heute ist das anders. Warum nur?

Egal, wie oft Cemil Meriç sie auch abwäscht: Sie kommen immer wieder, die scheußlichen Graffiti. Manchmal vergehen ein paar Tage, manchmal Wochen. Aber irgendwann am Morgen sind sie wieder da. Und selbst wenn man sie nicht lesen kann. Fett und schwarz an die Wand gesprüht, sprechen sie eine klare Sprache: Ihr habt hier nichts verloren, verschwindet!

"Schauen Sie sich das an", sagt Meriç und deutet auf die beschmierte Hauswand seines Moscheevereins. "Wer macht so etwas?"

Wir sind in Wien-Margareten. Die von Gastarbeitern gegründete "Nizam-ı-Alem-Moschee" ist eines der wenigen Gebetshäuser, die von türkischen Dachverbänden völlig unabhängig agieren, und Meriç ist der Obmann.

Wer durch die Tür tritt, hat linker Hand die Theke mit türkischen Spezialitäten. Kebab und Ayran, ein Kühlschrank mit Getränken. An der Wand hängt ein Fernseher, er überträgt Treffen der Regierungspartei AKP aus verschiedenen türkischen Metropolen. Live und in Endlosschleife.

Rote Leuchtziffern

An den Tischen trinken Männer ihren Çay (Tee). Immer wieder schauen sie zu einer Digital-Anzeige, die in roten Leuchtziffern an die fünf Gebetszeiten des Tages erinnert. Der Imam begrüßt uns ganz selbstverständlich mit einem brüderlichen Kuss auf beide Wangen.

Wir sind mit Bilal Baltaci gekommen. Baltaci ist ein klassisches ´Gastarbeiterkind. Aufgewachsen in Tirol, ist der Journalist mittlerweile in Wien gelandet. Für den KURIER unternimmt er einen Streifzug durch das türkische Wien. Seine Gebete verübt Baltaci in seiner Floridsdorfer Moschee oder in anderen, offenen Gebetshäusern – wie eben jenem in der Arbeitergasse.

Der kleine Gebetsraum hat alles, was die gigantischen Moscheen in Istanbul auch haben – nur auf engstem Raum zusammengequetscht: Es gibt den Waschraum mit Toiletten und Waschbecken – für die rituelle Waschung (Abdest).

Im Gebetsraum selbst weisen der Mihrab, also die Gebetsnische, in der der Imam vorbetet, und die Treppe für die Freitagspredigt (Minbar) nach Mekka.

Wie überall beginnt das rituelle Gebet Namaz mit einem Ausruf des Müezzins. "In türkischen Moscheen ist die Tradition besonders wichtig", sagt Baltaci. "Man beginnt und endet gemeinsam."

Aufgerieben

"Wir geraten zwischen die Fronten, werden in der Erdoğan-Debatte aufgerieben. Die Stimmung uns gegenüber wurde in den vergangenen Jahren ablehnender", sagt Obmann Meriç später.

Er hat uns in den ersten Stock, in den Besprechungsraum des Vereins, gebeten. Ein halbes Dutzend Männer sinniert über die Lage. Auch hier wird Tee gereicht und Meriç, der längst die österreichische Staatsbürgerschaft besitzt, erzählt von der Kirche ein paar Straßen weiter. "Bis vor einigen Jahren haben wir einander besucht. Aber auch das ist vorbei." Was genau es ist, das einen Keil zwischen seinen Verein und die Nachbarn getrieben hat, kann der 57-Jährige nicht sagen. Die Ressentiments hätten einfach zugenommen. "Wir wollten mit unseren Nachbarn ein Frühlingsfest feiern, ein kleines Gassenfest sozusagen. Aber seit zwei Jahren gibt es dafür keine Genehmigungen."

Einer der Gesprächspartner sticht heraus: Hasan Şahingöz. "Ich kam zum Studieren nach Wien und fühlte mich wie ins kalte Wasser geschmissen. Ich hatte nichts und niemanden, der mir Österreich und die Gebräuche erklärt hätte. Der ersten Gastarbeiter-Generation ging es noch viel schlimmer", sagt Şahingöz zum KURIER.

Bei der Integration in den 60er- und 70er-Jahren, soweit ist man sich schnell einig, ist vieles schiefgelaufen. "Die ersten, die gekommen sind, haben kein Deutsch gesprochen und hatten ja auch in der Türkei nur eine schlechte Ausbildung", sagt Şahingöz.

Von diesen Menschen hätte man perfektes Deutsch nicht nur nicht verlangen können, es sei damals ja auch gar nicht gewünscht gewesen. Şahingöz: "Diese Arbeiter sollten nach zehn, 15 Jahren wieder zurück in die Türkei – kein Mensch wollte, dass die gut Deutsch lernen oder sich integrieren."

Das sei bis heute die Basis für die schwierige Situation: "Anfangs fehlten positive Vorbilder." Bis heute können viele Türken mangels Sprache und Wissen ihre Angelegenheiten nur mit Hilfe von Verwandten erledigen.

Im Besprechungsraum herrscht ein reges Kommen und Gehen, mancher Stammgast hat nur bedingt Freude mit den Fremden, die zu Besuch kommen.

"Die sind ja nur da, um Kritik an Erdoğan zu hören", raunt ein alter Mann auf Türkisch.

Wie manch anderer hier wechselt auch Vereinsobmann Meriç immer wieder vom Türkischen ins Deutsche. Wenn ihm das Herz übergeht und er sich beschwert, "dass in Österreich viel zu viel Negatives über die Türkei berichtet wird", fällt er bald ins Türkische – es ist die Sprache seines "Vaterlandes", wie er sagt. "Die Mutter, das ist Österreich. Man kann und soll ja beide lieben."

Aber die Männer, die ohne Schuhe vor vergilbten Bildern der Kaaba sitzen, haben nicht den Eindruck, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht. "Wir arbeiten hart und zahlen hier selbstverständlich unsere Steuern. Trotzdem schaut man auf uns herunter."

Verletzter Stolz? Natürlich schwingt er sehr oft mit. Aber die Klage über die fehlende Anerkennung stimmt möglicherweise in einem Punkt: "Wir machen in der Gesellschaft die Jobs, die kein anderer mehr machen will – und sind trotzdem nichts wert."

Nein, es geht nicht nur um Stolz. Es geht vor allem um Wertschätzung.

"Seit 60 Jahren sind wir hier in Österreich und zum ersten Mal ist der KURIER zu Gast." Es ist keine ernst gemeinte Kritik, eher ein Lob. Und deshalb sagt Obmann Meriç noch schnell: "Unsere Tür ist immer und für jeden offen."

Unsere Türken: Wie sie leben, denken und fühlen

Bis zum Schicksalstag sind es noch exakt zwei Wochen. Am 16. April entscheiden die Menschen in der Türkei über die politische Zukunft ihres Landes. Und egal, ob die rund 55 Millionen Wahlberechtigten beim Verfassungsreferendum ihres Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan mit einem "Ja" oder "Nein" antworten – das Ergebnis hat jedenfalls weitreichende Konsequenzen.

Seit Wochen, ja Monaten ist die Community in Aufruhr – und gespalten. Auch hierzulande sind weit mehr als 100.000 türkische Staatsbürger beim Referendum wahlberechtigt, und die Frage, ob Politiker aus Ankara in Österreich wahlwerben dürfen, beschäftigte die Innenpolitik über Wochen.

Für den KURIER ist das richtungsweisende Referendum Anlass genug, einen Blick auf die türkisch-stämmigen Mitbürger zu werfen.

Wie leben sie, was bewegt sie?

Warum fühlen sich manche ganz selbstverständlich als Österreicher, andere bloß als hier Geduldete? Und vor allem: Wie kann in einer ohnehin über Gebühr aufgeheizten Stimmung das Zusammenleben noch besser oder überhaupt funktionieren?

Fragen wie diesen widmet sich der KURIER in den kommenden Tagen eingehend. Ein Reporter-Team hat mit Dutzenden Menschen gesprochen und verschiedenste Schauplätze besucht, darunter Moscheen und Kulturvereine, Schischa-Bars oder auch ein türkisches Gymnasium.

Ein unvoreingenommener Blick

Prediger, Vereinsobleute und Wirte, einfache Arbeiter und Akademiker, sie alle kommen zu Wort, und bei den Begegnungen und Recherchen stand und steht im Vordergrund, einen möglichst unvoreingenommenen Blick auf die Welt der Austro-Türken zu werfen.

Fest steht: Um den freundschaftlichen Austausch der beiden "Welten" steht es nicht zum Besten. Wie sonst wäre es zu erklären, dass zwei Drittel der Österreicher laut einer KURIER-OGM-Umfrage zwar beruflich und im Alltag mit türkischen Mitbürgern in Kontakt stehen, dass aber satte drei Viertel antworten, sie würden privat keinen Kontakt zu türkischen Mitmenschen pflegen (Grafik)?

Fest steht außerdem: Die Türken oder die türkische Community gibt es nicht.

Zu bunt, zu vielfältig und widersprüchlich ist die Welt der mehr als 262.000 Menschen, die in Österreich einen türkischen Migrationshintergrund haben.

Ihr lebt hier

Der Titel der KURIER-Serie "Unsere Türken" ist in dieser Hinsicht alles andere als vereinnahmend oder despektierlich, sondern vielmehr eingemeindend gedacht, frei nach dem Motto: Ihr lebt hier, ihr habt hier Platz, ihr gehört hierher zu uns.

Den Beginn der Serie machen zwei Reportagen mit Bilal Baltaci. Der 25-jährige Österreicher wuchs als klassisches Gastarbeiterkind im Zillertal auf und lebt heute in Wien.

Baltaci arbeitete ein Jahr lang für den Österreich-Ableger einer türkischen Zeitung.

Er leistete sich als Journalist eine eigene, in diesem Fall Erdoğan-kritische, Meinung und tat diese mehrfach auch im KURIER kund. Seither wird er auch bedroht.

Unterschiedliche Perspektiven

Warum mit einzelnen Vertretern der türkischen Community kontroversielle Dialoge mitunter schwierig sind; welche unterschiedlichen Wahrnehmungen es zur Türkei und Österreich gibt und wo türkisch-stämmige Menschen die wahren Probleme des Zusammenlebens und der Politik verorten, das und vieles mehr soll die folgende KURIER-Serie in den nächsten beiden Wochen durchaus intensiv ausleuchten.