Politik | Inland
07.12.2015

So klappt Österreich ohne Öl & Gas

Was muss geschehen, wenn wir tatsächlich bis 2050 alle Treibhausgase vermeiden wollen?

Österreich muss bis zum Jahr 2050 fast vollständig aus den fossilen Energieträgern, die für den Klimawandel maßgeblich verantwortlich sind, aussteigen. Konkret heißt das: Um 80 bis 95 Prozent weniger Öl, Gas und Kohle. Wie soll das eigentlich funktionieren?

"Jeder Einzelne kann täglich etwas tun", plädiert Umweltminister Andrä Rupprechter für mehr Klima-Bewusstsein. "Eine CO2-arme Gesellschaft ist nicht rein technologisch machbar, sie muss auch in die Köpfe", ergänzt Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb von der Universität für Bodenkultur.

Jürgen Schneider vom Umweltbundesamt hat ein Internet-Tool geschaffen, an dem genau abgelesen werden kann, wie sich welche Maßnahme in Österreich bis 2050 konkret auf unseren CO2-Ausstoß auswirken würde. Der KURIER hat sich genau angeschaut, was es bedeutet, wenn Österreichs Bevölkerung immer nur die ambitioniertesten Ziele erfüllt, also etwa mit der Annahme, dass ab 2050 kein einziger Pkw mit Benzin oder Diesel betrieben wird, keine einzige Öl-Heizung mehr läuft oder die Industrie etwa bei der Stahlerzeugung kein Koks, sondern nur mehr alternative Energien (etwa Wasserstoff) verwenden würde.

So wird das utopisch klingende Szenario beschrieben, wie Österreich im Jahr 2050 aussehen könnte:

  • Verkehr Durch sinnvolle Raumplanung ("Verdichtung"), rechnen die Forscher vor, bleibt die Anzahl unserer Wege zwar gleich, sie werden aber um rund ein Drittel kürzer; die Nutzung der Pkw geht von derzeit durchschnittlich 8700 Kilometer pro Jahr und Person auf 4900 km zurück; dafür fahren wir viel öfter mit der Bahn, die Nutzung steigt von derzeit 1800 Kilometer pro Person und Jahr auf 4200 Kilometer; mit dem Fahrrad werden statt derzeit 120 Kilometer pro Jahr rund 720 Kilometer zurückgelegt.
  • E-Mobilität 98 Prozent aller Fahrzeuge werden entweder elektrisch oder mit Brennstoffzellen angetrieben.
  • Lkw-Verkehr Kleinere Lkw werden zu 30 Prozent elektrisch und zu 50 Prozent mit Gas aus erneuerbaren Quellen betrieben. Schwere Lkw werden zu 50 Prozent mit Brennstoffzellen betrieben.
  • Fernflüge Angenommen wird, dass durch hohe Kerosinsteuern Fernreisen teuer und selten werden. Für Mittelstrecken werden Hochgeschwindigkeitszüge genützt.
  • Heizen Während der Heizperiode wird die Wohntemperatur von jetzt 19,5 ° auf 18° sinken (durch bessere Nachtabsenkung, Differenzierung von Wohn- und Schlaf- und unbeheizten Räumen).
  • Thermische Sanierung Bis 2050 sind 100 Prozent aller 2,6 Millionen Wohnungen thermisch perfekt saniert.
  • Licht/Strom Bis 2050 sinkt der Stromverbrauch in Häusern um 30 Prozent (LED, Energiesparsysteme).
  • Industrie Es gibt 2050 keine Raffinerie mehr, Stahl wird mittels Wasserstoff (aus Elektrolyse) hergestellt. Strom kommt nur mehr aus erneuerbaren Quellen.
  • Energieerzeugung Die Windkraft wird von 2,4 Terawattstunden auf 24 TWh verzehnfacht; Strom aus Sonnenenergie steigt von derzeit 0,4 Gigawatt auf 26,5 GW. 81 Prozent der nutzbaren Dach- und 99 Prozent der nutzbaren Fassadenfläche werden dafür mit Fotovoltaik bestückt.
  • Wasserkraft nimmt von derzeit rund 40 Terawattstunden auf 50 TWh zu.
  • Biomasse-Energie wird um den Faktor 2,5 erhöht.
  • Power to gas Überschüssiger Strom wird immer für Elektrolyse (Wasserstoff-Erzeugung) genutzt.

Den Zielpfadrechner und aktuelle Berichte aus Paris finden Sie im Klima-Blog des Autors auf KURIER.at.

Reiche Staaten unter Druck

Die Zeit wird knapp, es gibt aber Grund für Optimismus: Seit Samstag liegt den Fachministern der 195 Vertragsstaaten ein 50-seitiger Vertragsentwurf für einen neuen Klimavertrag vor, der weltweit ab 2020 gelten soll. Jetzt beginnen die Fachminister auf der Klimakonferenz in Paris mit ihrer Arbeit, es geht um die politischen Entscheidungen. Bis zum Freitag soll alles ausverhandelt sein.

Chinas Chefverhandler Su Wei beschreibt das so: "Der Entwurf ist eine solide Grundlage für die finale Verhandlungsrunde... es ist, als würde man ein schönes Mahl zubereiten: Dafür werden Gewürze, Zutaten und ein Rezept benötigt. Und jetzt können wir mit dem Kochen beginnen."

Die fünf zentralen Fragen der Klimakonferenz sind: Welches Klima-Ziel wird zum Schluss im Text genannt, werden sich die Staaten darauf einigen, dass der Anstieg der Erderwärmung bis Ende des Jahrhunderts unter 2° Celsius – oder vielleicht sogar unter 1,5° – bleiben muss? Wie verbindlich wird das Klimaabkommen, soll es auch Sanktionen geben? Wie transparent müssen die Staaten über ihren CO2-Ausstoß berichten? Sollen die Klimaziele aller Staaten alle fünf Jahre neu bewertet und nötigenfalls verschärft werden können? Und welche reichen Industriestaaten zahlen wie viel Geld in den UN-Klimafonds ein, der ab 2020 jährlich mit 100 Milliarden Dollar gefüllt sein soll?

Damit sollen die ärmeren Staaten Maßnahmen gegen den Klimawandel co-finanzieren können, also etwa Bewässerungssysteme, Dämme oder Kraftwerke für erneuerbare Energien. Die reichen Industriestaaten sind besonders bei der Finanzierung massiv unter Druck. Bisher gibt es nur Zusagen über 60 Milliarden Dollar.

Insulaner sind im Paradies gefangen

Die Fidschi-Inseln, die Seychellen, Tuvalu, Kiribati, Palau, die Bahamas oder Trinidad und Tobago: Es sind nicht zu Unrecht paradiesische Bilder, die mit den Namen dieser Inselstaaten verbunden sind.

Die Wahrheit ist, dass es viele dieser Inselparadiese nicht mehr lange geben wird. Diese Inseln liegen nur knapp über dem Meeresspiegel. Und der steigt durch den Klimawandel, weil die Gletscher weltweit, etwa auf Grönland und am Südpol, abschmelzen. Bis Ende des Jahrhunderts, haben die UN-Klimaforscher errechnet, könnte im schlechtesten Fall der Meeresspiegel um bis zu 60 Zentimeter steigen. Was nicht nach viel klingt, ist für die Inselstaaten lebensbedrohlich.

Angesichts der massiven Bedrohung haben sich die Inseln – 19 Staaten im Atlantik , vier im Indischen Ozean und 16 im Pazifik – schon vor Jahren zu einem Bündnis ("AOSIS") zusammengeschlossen, um für ihr Überleben gemeinsam zu kämpfen.

"Bei nur einem Grad Erderwärmung spüren wir die Effekte des Klimawandels massiv, sie sind für uns tödlich und gefährden unsere Lebensgrundlage", sagt Amjad Abdulla, AOSIS-Chefverhandler bei der Klimakonferenz in Paris. Die Äcker, aber auch das Grundwasser würden versalzen. AOSIS will erreichen, dass der Anstieg der Erderwärmung auf maximal 1,5° Celsius begrenzt wird.

Koko Warner, eine Forscherin der UNO-Universität am Institut for Umwelt und Sicherheit, sieht zusätzlichen Handlungsbedarf: "Es gibt ein großes Problem mit dem internationalen Flüchtlingsrecht", erklärte sie in Paris. Denn die Genfer Flüchtlingskonvention lässt nur eine Bedrohung durch Menschen als Asylgrund gelten, nicht aber, wenn ein Land z. B. durch die Erderwärmung im Meer versinkt. Wer auf den Inseln Geld habe, könne fliehen, die meisten hätten aber kaum welches, erklärt Forscherin Warner. Die Menschen seien somit auf den Inseln gefangen.

Erst diesen September hat Neuseeland einen Mann aus Kiribati, Ioane Teitiota, der erstmals den Klimawandel als Asylgrund angab, doch wieder auf sein vermeintliches Inselparadies zurück abgeschoben.