Politik | Inland
22.01.2018

Auf Spurensuche, was Österreich ist

Eine virtuelle Ausstellung des Staatsarchives erklärt in 99 Bildern die Geschichte der österreichischen Staatsbildung, die geprägt ist vom geografischen Raum Zentraleuropa.

Was bedeutet Österreich? – Auf diese Frage wird aus Anlass des Jubiläums "100 Jahre Republik" eine neue und innovative Ausstellung des Österreichischen Staatsarchives Antwort geben.

Die einzigartige Schau beginnt nicht 1918, sondern 816. Warum gerade dieses Jahr? Nur profunde Kenner wissen, dass 816 Ludwig der Fromme dem Salzburger Erzbischof, der in Kontakt zu Kaiser Karl dem Großen stand, besondere Rechte verliehen hatte. Nämlich Königsschutz und Immunität, was damals Freiheit von öffentlichen Lasten bedeutete. Salzburg kam formal erst Anfang des 19. Jahrhunderts zu Österreich.

Diese älteste Urkunde, schon beträchtlich vergilbt und von Mäusen angeknabbert, die das Staatsarchiv besitzt, markiert also den Beginn einer Entwicklung, die mit Österreich endet.

Bei der Ausstellung handelt es sich um "eine virtuelle Schau mit 99 Dokumenten, Fotos und Urkunden, die einzigartig für jeweils einen Aspekt der 1202-jährigen Geschichte steht, die das räumliche Gebilde ausmacht, das wir heute als Österreich bezeichnen", erklärt der Generaldirektor des Staatsarchives, Wolfgang Maderthaner. Ab 12. November 2018 (an diesem Tag vor Hundert Jahren ist die Erste Republik entstanden, Anm.) ist diese Ausstellung im Internet über die Homepage des Staatsarchives (www.oesta.gv.at) abrufbar. Ein prächtiger Bildband samt erklärenden Texten mit dem Titel "Was Österreich bedeutet. 99 Dokumente, Urkunden und Briefe" komplettiert die Schau.

Maderthaner und seinem Team geht es darum, zu zeigen, dass "dieser zentraleuropäische Raum kein fixes staatliches Gebilde ist, wie wir diese Region heute erleben, sondern dass es sich um ein Prinzip handelt, das zu den höchsten kulturellen Leistungen fähig ist und zu der größten Barbarei", sagt der Experte.

In Salzburg beginnt im Jahr 816 eine Entwicklung, "die mit den Habsburgern eine unglaubliche politische und gesellschaftliche Kraft entstehen lässt, unter den Spaniern zu einer globalen Macht wird, und am Beginn des 20. Jahrhunderts zerfällt", erklärt Maderthaner. "Was nach dem Ersten Weltkrieg übrig bleibt ist ein kleines zentraleuropäisches Kernland mit Wien als Zentrum."

Der erste Außenminister der Republik Deutschösterreich, der Sozialdemokrat Otto Bauer, hatte damals nur eine Bemerkung übrig: "Der Rest ist Österreich." Das Zitat übernahm er vom französischen Premier Georges Clemenceau (1906-1909; 1917-1920).

Eine Fälschung

Zurück ins Mittelalter: Das zentrale Dokument, das für diese Epoche präsentiert wird, ist das Privilegium maius von Rudolf dem Stifter, die sogenannten Freiheitsbriefe der Habsburger. Das Staatsgründungsdokument Österreichs ist aber eine glatte Fälschung. Rudolf IV, der mächtigste Fürst des Heiligen Römischen Reiches, trickste ganz gewaltig, stattete sich mit Befugnissen aus, die weit über jenen des deutschen Kaisers lagen. Friedrich III bestätigte dieses Privilegium maius, legalisierte somit die Fälschung und machte sie zum Reichsrecht. "Das legt ein österreichisches Prinzip offen", stellt Maderthaner mit Augenzwinkern fest.

Hervorgehoben wird auch die Maria-Theresianische Staatsreform (1750/1751), für die zentral ein Name steht: Joseph von Sonnenfels, auf den die Kaiserin in Fragen der Modernisierung der Verwaltung und Justiz hörte. "Er war ein Vertreter der Aufklärung am Hof und hatte enormen Einfluss auf Maria Theresia", erzählt der Generaldirektor des Staatsarchives. Die Aufhebung der Folter im Jahr 1776 geht auf den Gelehrten Sonnenfels zurück.Originell ist eine Maßnahme der absoluten Herrscherin für Sitte und Moral in ihrem Reich zu sorgen. Kurzerhand ließ sie Prostituierte und Kriminelle auf ein Donau-Boot setzen und in den Banat abschieben, einer Region, die zu diesem Zeitpunkt menschenleer war.

Gezeigt werden in der virtuellen Ausstellung nicht nur herausragende historische Dokumente, wie etwa die Schlussakte des Wiener Kongresses 1815 oder viel später der Vertrag über den Beitritt Österreichs zur Europäischen Union. Wert legen die Ausstellungsmacher auch auf Details der Geschichte, auf Unbekanntes: Noch nie bekamen Österreicher Fotos über die Hunger-Demonstrationen im Jahr 1911 zu sehen, ein Aufstand in Wien gegen die Preiserhöhungen bei Grundnahrungsmitteln.

Kaum einer kennt Schani Breitwieser, den Chef der Wiener Unterwelt, der als Robin Hood von Meidling bezeichnet wurde. Er hat während des Ersten Weltkrieges in den Palais der Wiener Ringstraße eingebrochen und etwas von seiner Beute auch armen Meidlinger Kindern überlassen. Die Polizei hat ihn 1919 erschossen.

Eros und Todesvorstellung

Ein Schmankerl der Kulturgeschichte des Landes ist ein Brief von Gustav Klimt an das Kultusministerium, in dem er seine Entwürfe für die Ausgestaltung der Aula der Universität Wien zurückzieht. Klimts Vorschlag zeigte nicht – wie gewünscht – den "Sieg des Lichts über die Finsternis", sondern eine düstere nietzscheanische Weltvision, in der Eros und Todesvorstellungen ineinander fließen.

Unter den letzten Bildern, die Österreich symbolisieren, finden sich Asylakten aus der Zeit des Ungarnaufstandes, Helmut Qualtingers Originalmanuskript von "Herr Karl" sowie das Original von André Hellers Chanson "Leon Wolke". Wolfgang Maderthaner fasst die 99 Darstellungen einer Tour durch die Geschichte so zusammen: "Sie sind eine verdichtete Beschreibung dessen, was heute Österreich ist."