Keine elektronsichen Geräte, kein Taschenrechner, kein Plaudern mit dem Nachbarn: Zum Medizin-Aufnahmetest kamen in die riesige Messehalle in Wien knapp 5000 Studenten

© KURIER/Gilbert Novy

Aufnahmetest für Jungmediziner
07/04/2014

Ansturm aufs Medizin-Studium

Nur jeder Achte kommt durch: 12.600 traten zum härtesten Ausleseverfahren einer Uni an.

von Bernhard Gaul

Trotz des guten Wetters an diesem Freitagmorgen will vor der Messehalle in Wien keine gute Stimmung aufkommen. Rund 5000 vor allem junge Menschen sind gekommen, um in Österreichs größer Veranstaltungshalle das größte Aussiebeverfahren einer österreichischen Uni über sich ergehen zu lassen. Entsprechend kritisch beäugen die angehenden Studenten einander. Sie wissen: Alle sind hier Konkurrenten, nur ein kleiner Teil, rund jeder Achte, wird das 110 Euro teure Aufnahmeverfahren bestehen und einen der begehrten 660 Studienplätze in Wien ergattern. Gleiches geschieht in Linz, Innsbruck und Graz, insgesamt kämpfen an diesem Tag mehr als 12.000 um 1560 Studienplätze an den vier Medizin-Unis.

Sechs-Stunden-Test

Martin aus Linz weiß, was ihm gleich bevorsteht: Zwei Mal drei Stunden beinharte schriftliche Tests. Es geht um Fachwissen in Chemie, Physik und Biologie, um kognitives Verständnis und wissenschaftliches Denken. Der Test, zuletzt in der Kritik, Frauen zu benachteiligen, sei nun gender-gerecht, versprechen die Verantwortlichen der Medizin-Uni. Leichter ist er deshalb nicht geworden.

"Aber so wie ihr das hier in Wien macht, finde ich das eigentlich sehr fair", meint Anna. Sie kommt aus Bayern, dort gilt, wie überall in Deutschland, der Numerus clausus, das heißt die Abitur-Note entscheidet, ob man einen Studienplatz bekommt. In Wien hat sie besonders harte Gegner, 30 Prozent der Prüflinge sind Deutsche, doch nur 25 Prozent der Studienplätze sind für EU-Ausländer vorgesehen. "Ich habe die Begleitbücher studiert und auch mit meinen alten Schulbüchern. Wird schon gut gehen", macht sie sich Mut.

In der Mittagspause sieht Anton besonders erschöpft aus. Er kommt aus Krasnodar in Russland, das Deutsch, erklärt er, habe ihm doch sehr zu schaffen gemacht. "Das hier ist ein Kindheitstraum. Ich wollte immer schon in Wien Medizin studieren, und eine Psychoanalyse-Ausbildung machen, wie Sigmund Freud", sagt er fröhlich.

In der Mittagshitze setzt sich Nina aus Frankfurt erschöpft im Schatten der Messehalle auf den Boden. "Ich studiere schon Medizin in Riga, würde ab gerne nach Wien wechseln", erzählt sie. Nicht nur, weil sie Wien so toll findet – "Die Studienkosten dort sind mit 8000 Euro pro Jahr doch sehr hoch."

Viele treten zum zweiten, einige sogar zum dritten Mal beim Test an. Dann oft mithilfe der privaten, meist teuren Vorbereitungskurse. Obwohl die Uni davon abrät.

Und wenn es nicht klappt, man nicht unter den besten 12 Prozent ist? "Dann probier ich es halt nächstes Jahr noch einmal", sagt Lousia gelassen. Schließlich ist das Wetter heute so herrlich.

Andere verlosen Plätze, "wir setzen auf Leistung"

Was brauchen die Kandidaten unbedingt, wenn sie zum Mediziner-Test antreten?

Die Bewerber brauchen vor allem einen Plan B, denn nur jeder Achte wird einen Studienplatz erhalten. Man kann zwar nicht durchfallen, man muss aber zu den Besten in seiner Gruppe gehören, damit man einen Studienplatz bekommt. Es ist nicht möglich, allen einen Studienplatz zur Verfügung zu stellen.

Sind die privaten Vorbereitungskurse sinnvoll?

Wir empfehlen das nicht. Wir informieren und klären schon in den Schulen über das Studium auf, und wir bieten kostenlos Vorbereitungskurse an. Dennoch werden die kommerziellen Kurse genutzt, weil der Druck groß ist. Aber grundsätzlich müsste es ausreichen, wenn man in der Schule gut aufgepasst hat und sich mit unseren Testbeispielen vertraut gemacht hat.

Insgesamt rittern 12.600 um 1560 Studienplätze. Sind diese Massentests unsere beste Idee?

Nicht die beste, aber die einzige, die garantiert, dass auch wirklich fair versucht wird, eine Auswahl zu treffen. Wir hatten auch einmal das First-come-Prinzip, das war sicher nicht fair. In Holland werden die Plätze teilweise verlost. Wir setzen auf Leistung. Dafür ist die Drop-out-Quote gering.

Die Sorge in Österreich wächst, dass wir zu wenige Mediziner haben. Zu Recht?

Wie die OECD zeigt, haben wir 20 Absolventen pro 100.000 Einwohner, und sind damit in der OECD auf Platz 1. Die USA, zum Vergleich, haben gerade einmal 4,5. Wir haben auch das beste Ärzte-pro-Kopf-Verhältnis in der OECD. Da sind wir stolz drauf. Und mit 1560 Studienplätzen sind wir, denke ich, gut unterwegs.

Dennoch: Die Kliniken bekommen zu wenige Turnusärzte, viele gehen ins Ausland.

Ich denke, hier sind die Krankenanstaltenträger, die Länder, massiv gefordert, die Strukturen zu verbessern. Derzeit sind Ärzte unzufrieden, weil sie Dinge tun müssen, wozu sie nicht ausgebildet sind. Da sind alle gut beraten, die Situation zu verbessern, etwa zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Kindergärten uns so weiter.

Es mangelt aber an Ärzten am Land. Früher haben Gemeinden den Ärzten Haus und Ordination zur Verfügung gestellt, damit sie aufs Land kommen.

Warum nicht. Man muss Prioritäten setzen, damit es die richtigen Strukturen gibt. Auch die Gemeinden müssen verstehen, womit sie konkurrieren.

Warum wird das Thema von den Ländern dann nicht stärker thematisiert?

Die Länder-Ärztekammern schreien ohnehin regelmäßig auf. Aber es ist ihnen noch nicht gelungen, damit auch zu landen. Ich glaube, die Länder müssen jetzt relativ schnell Maßnahmen setzen.

Mediziner-Test 2014

Standorte Geprüft wird in Wien, Graz, Linz und Innsbruck.
Testart Fast sechs Stunden lang werden Wissen, kognitive Fähigkeiten, Textverständnis abgefragt.
Anmelde- Zahlen 12.600 Studenten bewerben sich um 1560 Plätze. 58 Prozent der Prüflinge sind Frauen, 64 Prozent Österreicher.
Mediziner-Quote Aufgrund des deutschen Ansturms auf Studienplätze sind derzeit noch 75 Prozent der Studienplätze für Österreicher reserviert, 20 Prozent für EU-Ausländer und fünf Prozent für den „Rest der Welt“.

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