Politik | Inland
23.06.2015

Angst vor Abstieg hat den Mittelstand erfasst

Auch SP-nahe Meinungsforscher sehen die FPÖ derzeit auf Platz 1. IFES legt dazu eine Studie vor.

Karl Blecha durchlebt gemischte Gefühle. Sein "Baby", das "Institut für Empirische Sozialforschung" IFES feiert den 50. Geburtstag. Voll Freude und Vaterstolz – der 82-Jährige ist immer noch IFES-Präsident – schwärmt Blecha bei der Pressekonferenz anlässlich des Jubiläums von den Pionierleistungen in den 1960er-Jahren. Das IFES wurde nicht als bloßes Meinungsforschungs- sondern als Sozialforschungsinstitut konzipiert.

Anhand eines Beispiels erzählt Blecha – der unter Bruno Kreisky auchSPÖ-Zentralsekretär war – wie Sozialforschung und Politik Hand in Hand gehen können: "1970, als die SPÖ um die absolute Mehrheit kämpfte, haben wir herausgefunden, dass die Frauen sauer waren, weil die Männer ihnen vorschreiben konnten, ob sie arbeiten gehen oder zu Hause bleiben sollen. Die Männer haben den Frauen gesagt: Bleib’ daheim, koch’ mein Papperl, schau’ auf die Kinder, weil das Bissl, was du verdienst, wird eh weggesteuert." Damals wurde nämlich im Steuerrecht das Fraueneinkommen dem der Männer zugeschlagen und gemeinsam versteuert. Die SPÖ machte dies zum Thema, SPÖ-Finanzminister Hannes Androsch führte die Individualbesteuerung ein und machte die Frauen zu selbstständigen Wirtschafts-Subjekten. Die SPÖ hatte eine absolute Mehrheit.

Zeitensprung ins Jahr 2015. IFES publiziert eine Umfrage (1000 Befragte, Grafik), wonach die FPÖ stärkste Partei ist. "Nein, das hätte ich mir nie gedacht, dass das einmal so sein wird", sagt Karl Blecha traurig.

"Es herrscht ein dumpfes Gefühl der Angst."

Ganz in der Tradition der Sozialforschung analysieren Blecha und die Führungs-Crew des IFES die Gründe für diese Entwicklung. Den Österreichern sei bewusst, dass sie in einem wohlhabenden Land leben. Sie hätten jedoch ein Bild im Kopf, das laute: "Wir sind auf dem Gipfel, ab jetzt kann es nur noch bergab gehen." Jeder habe Angst, dass ihn der Abstieg treffen könnte. Diese "umfassenden Abstiegsängste" haben sich weit in den Mittelstand hinein ausgebreitet. "Es herrscht ein dumpfes Gefühl der Angst", sagt Blecha. Nur mehr Akademiker seien kaum davon berührt, weil sie wissen, dass Arbeitsplatzsicherheit mit dem Bildungsstand verknüpft ist.

Herausgefunden hat IFES die Mittelstands-Ängste anhand einer Feinanalyse der Wiener Bezirke jenseits der Donau, vor allem der Donaustadt. Es handelt sich um ein Wachstumsgebiet mit geringem Ausländer-Anteil, in das die Stadtregierung viel Geld investiert. Dennoch ist die FPÖ-Affinität überdurchschnittlich groß (siehe Grafik unten).

Das Abstiegsbild setze sich seit Jahren im Bewusstsein vieler Menschen fest und treibe sie zur FPÖ, weil diese Veränderungen immer wieder mit "Ausländern" verknüpft. Und weil die Leute das Gefühl haben, die regierenden Parteien "finden keine Antwort". Letzteres glauben die IFES-Leute offenbar auch. "Die Donaustadt-Studie stammt aus dem Jahr 2010. Wir haben ihnen schon vor fünf Jahren gesagt, was sich abspielt."

Aber die Forscher können nur aufzeigen – Antworten muss die Politik geben.