Politik | Inland
14.08.2017

Analyse: "Fernsehen ist einfach unerbittlich"

Die Zahl der Studio-Debatten ist mittlerweile inflationär. Was können die TV-Auftritte noch bewegen?

Eine Stunde lang saßen sie allein im Studio, kein Moderator, nur Kameras – und es kam wie zu befürchten stand: Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer verfielen in ein rhetorisches Hauen und Stechen, mit allerlei Untergriffen und bösen Gesten. Das un-moderierte Politiker-Duell im Mai des Vorjahres gehört zu den außergewöhnlichsten Duellen der heimischen TV-Geschichte – nicht umsonst gab es für den Feldversuch eine Romy.Im laufenden Nationalratswahlkampf ist mit solch’ "Experimenten" nicht zu rechnen, es bleibt bei "klassischen" Konfrontationen. Doch die schiere Anzahl an Debatten – der ORF und die Privatsender puls 4 und ATV bieten zusammen mehrere Dutzend (!) Duelle und Diskussionen – führt zwangsläufig zu der Frage: Bewegen all diese Sendungen noch? Oder schmälert die Fülle an Auftritten nicht die Bedeutung der einzelnen Sendungen? "Keineswegs", sagt Wolfgang Bachmayer. Der Meinungsforscher und OGM-Chef beobachtet die Wirkung von Fernseh-Duellen seit Jahrzehnten. Seine Einschätzung: Die Wähler werden angesichts des großen Angebots zwar stärker selektieren, was bzw. wen sie sich anschauen. "Aber das Informationsbedürfnis ist unverändert groß – außerdem hat sich in der ersten Jahreshälfte viel getan." Damit meint Bachmayer etwa die dramatischen Veränderungen bei ÖVP und Grünen – also Führungswechsel und im Falle der Öko-Partei sogar die Abspaltung eines Gründungsmitglieds. "Jeder fünfte Wähler ist unentschlossen", sagt Bachmayer. Entsprechend gut könnten die Quoten der TV-Duelle ausfallen.

Enorme Belastung

Die Fülle an Debatten stellt die Kandidaten vor eine in diesem Umfang auch noch nie dagewesene Frage, nämlich: Welchen Auftritt tu’ ich mir an – und welche lass’ ich aus?" Die Anzahl der Termine ist mental wie physisch fordernd, nicht alle Kandidaten werden alle Auftritte selbst machen bzw. schaffen", sagt Bachmayer. Für die Zuseher und für den Wahlkampf insgesamt sei es aber durchaus relevant, an welchen Parteifreund "delegiert" werde. "Man denke daran, wenn sich FPÖ-Chef Strache von Norbert Hofer vertreten ließe. "Womit wir bei den Diskussionen selbst sind: Was dürfen Kandidaten tun, was müssen sie um jeden Preis vermeiden? Und: Worauf kann der Fernseh-Zuschauer bei den Duellen achten?" Fernsehen ist unerbittlich. Entsprechend lang ist die Verbotsliste, was man vor einer Kamera alles nicht machen darf", sagt Elisabeth Auer. Auer ist langjährige Moderatorin und Leiterin der KURIER-Nachrichten auf Schau-TV.

Kein Fuchteln

Was also darf man keinesfalls tun? Neben den "Klassikern" – übertriebenem Fuchteln, Herumzupfen an der Kleidung oder gar Nasenbohren – gibt es für Auer ein großes No-Go: Schwitzen. "Wer unrasiert oder schwitzend im TV-Studio sitzt, der hat ganz schlechte Karten."Und was kann, ja soll man tun? Geht es darum, möglichst viele gute Argumente anzubringen? "Im TV-Studio ist weniger mehr", sagt Auer. "Zurückhaltung bedeutet Souveränität." Im Gegenzug signalisiere eine auffälliger werdende Körpersprache Nervosität und Unsicherheit.Nur keine Langeweile Ruhe ist also gut – aber zu ruhig ist auch ein Fehler. Der langjährige Moderator und TV-Trainer Gerald Gross erinnert in diesem Zusammenhang an einen Aspekt, den Politiker vor Kameras gerne vergessen. "Fernsehen ist ein Unterhaltungsmedium. Die Zuschauer wollen sich nicht langweilen, sie wollen nicht mit Zahlen und Fakten erschlagen werden."Selbstredend gehe es bei TV-Duellen darum, "keine Fehler zu machen". "Aber ich rate auch immer dazu, Witz und Spontanität nicht zu vergessen. Man kann das schwer trainieren, aber es hilft." Gross bringt ein historisches Beispiel: "Bei einer TV-Debatte wurde Reagan live gefragt, ob er nicht zu alt sei für das Präsidentenamt. Der 73-Jährige reagierte mit Ironie: ,Ich will im Wahlkampf die Frage des Alters nicht thematisieren, weil ich die Jugend und fehlende Erfahrung meines Mitbewerbers nicht ausnützen möchte. Die Zuschauer im Studio brachte die Pointe zum Lachen." Nicht nur die Studio-Gäste waren entzückt: Wenige Wochen nach der TV-Debatte wurde Reagan wiedergewählt.