Politik | Inland 05.12.2011

Ametsreiter: "Image-Schaden ist verheerend"

Telekom-Chef Hannes Ametsreiter im KURIER-Interview über die Folgen der Korruptionsskandale für den Konzern und die weitere Aufklärung.

Die Malversationen einer korrupten Clique haben den börsenotierten Konzern schwer beschädigt. Telekom-Chef Hannes Ametsreiter spricht im KURIER-Interview über den Zoff mit dem Kronzeugen. Er überlegt, ihm im Rahmen des Aktiengesetzes doch noch einmal eine Kooperation anzubieten. Die internationale Task Force soll einen Schritt weiter gehen als die interne Revision und alle Akquisitionen im Festnetz sowie im Mobilfunk prüfen. Dabei könnte auch der Immobiliendeal des ehemaligen ÖBB-Chefs Martin Huber mit der Telekom, den die Staatsanwaltschaft schon ad acta gelegt hat, überprüft werden. An einen Rücktritt denkt Ametsreiter nicht.

KURIER: Warum attackieren Sie ausgerechnet den Kronzeugen Gernot Schieszler? Der kann doch wesentlich zur Aufklärung beitragen.

Hannes Ametsreiter: Es ist wichtig zu sagen, wer die Täter und wer die Personen und das Unternehmen sind, die das Opfer sind. Es ist derzeit eine schwierige Zeit.

Sie haben von Schieszlers krimineller Energie gesprochen? Das kann man wohl kaum als sachlich bezeichnen.

Da haben Sie recht, das war eine emotionale Geschichte. Aber ich wollte einfach mein Interesse daran klarstellen, dieses Unternehmen sauber zu machen.

Sie selbst haben Schieszler 2009 bereits rausgeworfen. Warum genau?

Es gab bei dem Auftrag über 1,1 Millionen Euro an die MPA (das Beratungsunternehmen des ÖVP-Intimus Alfons Mensdorff-Pouilly, Anmerkung) keine Dokumentation der Leistungen. Und Schieszler zahlte 300.000 Euro an Success-fee an die MPA.

Wofür bekam Mensdorff-Pouilly die 1,1 Millionen? Für das Polizeifunknetz?
Das weiß ich nicht.

Telekom-Boss Ametsreiter lässt nun auch die Zukäufe in Bulgarien und Weißrussland genauer unter die Lupe nehmen.
© Bild: KURIER /Gruber Franz

Mit dem Vorwurf des Schiezsler-Anwalts, die Telekom hätte den Kronzeugen mit einem Knebelungsvertrag mundtot machen wollen, kam dann prompt die Retourkutsche.
Die Kronzeugen-Regelung deckt nur die strafrechtliche Variante ab. Schieszlers Anwalt wollte auch die zivilrechtliche Komponente abklären. Durch ein Geständnis kommt es natürlich zu Schadenersatzforderungen. Wir haben Gespräche geführt und sind bis an unser Maximum gegangen. Laut Aktiengesetz dürfen wir nicht auf Forderungen verzichten, da würde sich der Vorstand strafbar machen. Wir sind ein börsenotiertes Unternehmen und können nicht einfach auf das Geld unserer Aktionäre verzichten. Wir können nicht sagen, wir einigen uns bei 300.000 Euro und verzichten auf Millionen. Der Anwalt hat den Vertragsentwurf dann wieder zurückgezogen.

Werden Sie Schieszler doch noch eine Kooperation anbieten?

Wir überlegen, aber es muss im Rahmen des Aktiengesetzes sein.

Wissen Sie überhaupt, was er alles ausgepackt hat?

Nein, wir haben keine Akteneinsicht. Darüber diskutieren wir gerade mit der Staatsanwaltschaft.

Schieszler ist Täter, nicht Opfer, das ist schon klar. Aber er kann doch nicht Einzeltäter sein?
Schieszler und Ex-Vorstand Rudolf Fischer haben 16 Aufträge an die Valora unterschrieben. Es gibt auch eine Anzeige im Immobilienbereich. Wir tun alles, um aufzuklären und kooperieren mit der Staatsanwaltschaft, wo wir können. Wir haben einen 400-Seiten-Report an die Staatsanwaltschaft geschickt und uns als Privatbeteiligte dem Verfahren angeschlossen.

Telekom-Boss Ametsreiter lässt nun auch die Zukäufe in Bulgarien und Weißrussland genauer unter die Lupe nehmen.
© Bild: KURIER /Gruber Franz

Sie bemühen sich um lückenlose Aufklärung und dann soll Folgendes passiert sein: Der Kabinettschef der Innenministerin, Michael Kloibmüller, drohte angeblich zwei ihrer Mitarbeiter mit unangenehmen Konsequenzen, falls die Telekom die Causa Mensdorff weiterhin öffentlich publiziere. Ihre Mitarbeiter legten darüber einen Aktenvermerk an, behaupteten dann aber, alles sei nicht wahr gewesen. Werden Sie beim Aufräumen von der ÖVP behindert?
Dass es nicht die gleichen Wahrnehmungen gibt, wenn unterschiedliche Mitarbeiter involviert sind, ist menschlich.

Hat die ÖVP Druck gemacht?
Auf mich persönlich hat niemand Druck gemacht. Es scheint sich um ein Missverständnis in der Kommunikation zu handeln. Wir müssen jetzt darüber reden, was hier subjektiv verstanden wurde und was die Aussagen waren.

Angeblich hat die ÖVP auch bei ihrem Aufsichtsratschef, ÖIAG-Vorstand Markus Beyrer, in Richtung ihrer Ablöse interveniert. Wie fühlen Sie sich zwischen den Mühlen der Parteipolitik?
Da wissen Sie mehr als ich. Die Telekom ist ein tolles Unternehmen mit sensationellen Mitarbeitern und hat in den letzten 14 Jahren sehr, sehr viel erreicht. Jetzt ist eine sehr schwierige Zeit - durch diese Phase müssen wir durchkommen.

Haben Sie in letzter Zeit schon einmal selbst an Rücktritt gedacht?
Nein, daran denke ich überhaupt nicht.

Würden Sie sich als Kämpfertyp bezeichnen?
Ich bezeichne mich als Marketing-Mann. Analysieren der Situation und eine Lösung finden. Ich würde mich lieber um die Kunden kümmern!

Telekom-Boss Ametsreiter lässt nun auch die Zukäufe in Bulgarien und Weißrussland genauer unter die Lupe nehmen.
© Bild: KURIER /Gruber Franz

Bis dato summiert sich der materielle Schaden auf rund 18 Millionen Euro - die Kursmanipulation und Hochegger-Honorare ohne entsprechende Leistungen. Wie hoch ist der Image-Schaden für das Unternehmen?
Der ist verheerend und wird das Unternehmen noch geraume Zeit begleiten. Wir müssen jetzt die Zeit nutzen, um in Zukunft solche Vorfälle zu verhindern und die Vergangenheit soweit wie möglich aufzuklären.

Die interne Revision hat bereits 3,4 Millionen Datensätze gescreent. Warum wurde der amtierende Vorstand nicht durchleuchtet?
Das stimmt nicht, auch der Vorstand wurde gescreent. Wir haben forensisch nach Themen geprüft - Hochegger und Valora - und nach Keywords im Umfeld. Viel genauer kann man nicht mehr prüfen.

Was soll jetzt die internationale Task Force prüfen?
Das wird unter anderem in der außerordentlichen Aufsichtsratssitzung diskutiert. Dem kann ich nicht vorgreifen.

Warum wurden die Akquisitionen nicht bereits von der Revision geprüft? Hochegger hatte ja eine Tochterfirma in Bulgarien, da hätte die Revision doch etwas finden müssen.

Die Akquisitionen waren bis dato kein Prüfthema und meines Wissens war Hochegger bei der bulgarischen Mobiltel nicht dabei. Da geht es um eine riesige Prüfaufgabe, die lange dauern wird. Das ist mit internen Ressourcen nicht zu schaffen. Wir haben auch noch einen Job zu erledigen, wir sind ein Unternehmen mit 16.000 Mitarbeitern und 4,5 Milliarden Euro Umsatz.

Wer war im Vorstand für die Übernahmen in Bulgarien (Mobiltel) und Weißrussland ( Velcom) verantwortlich?
In Bulgarien Sundt und Nemsic, bei der Velcom Tschuden und Nemsic.

Bei beiden Deals hat der heimische Investor Martin Schlaff gut verdient. Wer hat Schlaff in die Telekom gebracht?

Das weiß ich nicht.

Pardon, aber ich verstehe es immer noch nicht. Die Telekom hat versucht, die Mobiltel zu kaufen und sie dann ein Jahr später um 600 Millionen Euro teurer von Schlaff erworben. Warum war das kein Anlass, den Deal zu untersuchen?

Es gab bis jetzt keine Anhaltspunkte. Die Telekom durfte die Mobiltel zuerst nicht kaufen, die Vorstandsbeschlüsse und Aufsichtsratsbeschlüsse dazu sind samt allen Daten ganz klar protokolliert. Das war damals eine Frage des Vertrauens in die Eigentümer. Wir haben dann zu einem sehr guten Preis gekauft.

Zum Thema Immobilien. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen gegen den ehemaligen ÖBB-Chef Martin Huber und Ex-Telekom-Vorstand Fischer in Zusammenhang mit dem Verkauf einer Telekom-Immobilie eingestellt. Werden Sie die Causa neu aufrollen?
Wenn wir es als notwendig befinden, werden wir auch das noch einmal prüfen.

Hochegger soll nicht nur für Schieszler und Ex-Vorstand Fischer, sondern auch für Sie ein Positionspapier als Vorstand erarbeitet haben. Angeblicher Kostenpunkt rund 500.000 Euro.
Nein. Hochegger hat mir ein günstigeres Konzept im Gespräch angeboten, ich habe abgelehnt. Er hat ständig versucht, Positionspapiere und Konzepte zu verkaufen.

Beim Forum-Alpbach waren vier Ametsreiter-Auftritte geplant. Werden Sie dort sein?

Nein, selbstverständlich nicht. Ist schon abgesagt.

Telekom-Boss Ametsreiter lässt nun auch die Zukäufe in Bulgarien und Weißrussland genauer unter die Lupe nehmen.
© Bild: KURIER /Gruber Franz

Zur Person: Hannes Ametsreiter
Karriere
Nach dem Studium (Publizistik und Sport in Salzburg) und einem MBA-Studium in den USA startete der 44-jährige Manager seine Berufslaufbahn bei Procter & Gamble. 1996 wechselte er ins Marketing der Mobilkom Austria. 2001 wurde er Vorstand für den
Bereich Marketing, Mitte 2007 übernahm er zusätzlich das Festnetz-Marketing, im April wurde er TA-Konzernchef. Ametsreiter ist verheiratet und hat eine vierjährige Tochter.

Unternehmen
Die Telekom Austria erwirtschafte 2010 mit rund 17.000 Mitarbeitern bei 4,65 Milliarden Euro Umsatz ein Betriebsergebnis (Ebit) von 438 Millionen. In Österreich (Festnetz und Mobilfunk) setzt der Konzern 3 Milliarden um, der "Rest" kommt aus Südosteuropa und Weißrussland.

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011