Politik | Inland
31.10.2017

Abrechnung mit Pröll und Dichand

Politisches Buch.Benita Ferrero-Waldner gewährt Einblicke hinter die Kulissen.

Als Außenministerin und EU-Kommissarin hat Benita Ferrero-Waldner einen Grundsatz eisern eingehalten: Sie hielt sich rhetorisch zurück. "Egal, welche Verletzungen es gab: Nie kam ihr ein böses Wort über jemanden über die Lippen", erzählte Freund und Alt-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel Montagabend. Ferrero-Waldner präsentierte in Wien ihre Autobiografie. Und bemerkenswert an Buch wie Vortrag ist eine Tatsache: Die gelernte Diplomatin hat mit ihrem früheren Grundsatz ein wenig gebrochen und erlaubt ungewohnt offene Einblicke in die reale Politik.

Zum Beispiel in den Bundespräsidentschaftswahlkampf 2004 gegen Heinz Fischer: Als Kandidatin der ÖVP wurde Ferrero-Waldner zwar mit "standing ovations" gefeiert. Dann aber von einer "gewissen Gruppe" in der ÖVP nicht genug unterstützt. Das habe sie "betroffen" gemacht.

"Gewisse ÖVP-Gruppe"

"Jäger, Landwirte und Kirchgänger" seien "strategisch bearbeitet" worden. Niederösterreich, Oberösterreich und die Steiermark "strengten sich offensichtlich zu wenig an, um das rote Wien auszugleichen". Ohne den Namen Erwin Pröll zu nennen, führt Ferrero aus: Ihr Wahlkampf startete spät, weil sich "ein mächtiger ÖVP-Spitzenpolitiker ein Zugriffsrecht auf die Hofburg offenhalten wollte". Dieser ÖVP-Politiker habe es sich "reichlich spät anders überlegt". Dasselbe wiederholte sich 2016, als Andreas Khol einspringen musste. "Zwei Mal wurde der ÖVP unnötig Schaden zugefügt", schreibt Ferrero-Waldner. Als das Ergebnis der Bundespräsidentenwahl 2004 vorlag, tauchten 120.000 weiße Stimmzettel auf. Ferrero-Waldner verlangte Aufklärung von der ÖVP, erntete aber Schweigen. "Man versuchte, das unangenehme Thema wegzuwischen."

Fischer lag um 197.364 Stimmen vorne.

Tief lässt blicken, wie der verstorbene Krone-Eigentümer Hans Dichand mit Redakteuren und Lesern umsprang. Ferrero berichtet, Dichand habe ihr angeboten, er werde sie zum Wahlsieg schreiben (lassen), wenn sie sich gegen die Eurofighter ausspricht. Ferrero lehnte ab. Sie habe im Ministerrat für den Ankauf gestimmt, ein Schwenk wäre unglaubwürdig. Spitz merkt sie an: "Andere Politiker hat er zum Meinungsschwenk überreden können." Zwei Wochen vor der Wahl sei Dichand mit diesem Ansinnen hausieren gegangen. Man könne die Schwenks anderer Politiker leicht nachverfolgen, regt ihr Mann, Paco Ferrero, an. Der Spanier hat zudem im Buch ein Kapitel mit einer kritisch-sympathisierenden Außensicht auf Österreich beigesteuert.

Ferrero-Waldner erzählt auch in anderen Kapiteln recht unverblümt: über Gerüchte von Stimmenkauf, als sie sich für die UNESCO-Führung bewarb; über Intrigen, bei denen die Boulevardpresse mitmischte; über eine Morddrohung am Opernball und Einsätze im Ausland, bei denen sie "eine Höllenangst" hatte.

Keine Sanktionen

Zur aktuellen Situation und der möglichen ÖVP-FPÖ-Koalition sagt Ferrero-Waldner, dass die Sanktionen von einst heute undenkbar scheinen. "Österreich wurde im Jahr 2000 gemobbt, wir wurden nicht einmal angehört. Heute ist das so nicht mehr möglich. Es gilt das Prinzip, dass die andere Seite immer gehört werden muss. So gesehen hat die EU also aus den Sanktionen gelernt."

Benita. Wo ein Wille, da ein Weg. Aufgezeichnet von Ewald König. Erscheint im Böhlau-Verlag. 29,90 €