Politik | Inland
13.04.2017

Abgezockt und überfordert: Grüne wollen "Gütesiegel" für Heimpflege

Bedarf an 24-Stunden-Betreuung für Ältere steigt, die Branche boomt – unkontrolliert. Grüne Sozialsprecherin fordert gesetzliche Qualitätssicherung.

Katarína Staroňová war 33 Jahre alt, konnte kaum ein Wort Deutsch und hatte nur einen einmonatigen Pflegekurs absolviert, als sie als Betreuerin zu einer 98-jährigen, demenzkranken Wienerin ins Haus kam: 24 Stunden, sieben Tage die Woche in Isolation, Freunde und Familie weit weg in der Slowakei.

"Es war unglaublich schwierig, weil ich nicht wusste, wie ich mit der Krankheit der Frau umgehen soll. Sie schrie die ganze Nacht, an Schlaf war nicht zu denken. Und untertags musste ich kochen, putzen und mich mit ihr beschäftigen", erzählt sie. "Meine einzige Rückzugsmöglichkeit war, wenn ich auf den Stufen vor dem Haus gesessen bin und geweint habe."

Vor Ort war niemand, an den sie sich hätte wenden können, obendrein sei sie von der Agentur abgezockt worden, sagt sie: Abzüglich der Vermittlungsprovision blieben ihr in den ersten Monaten nur 200 Euro vom Honorar übrig – für zwei Wochen Arbeit, rund um die Uhr.

Unfaire Verträge

Staroňová ist kein Einzelfall. Vor zwei Jahren ist sie nach Wien übersiedelt und hat einen Verein gegründet, um Frauen, die in einer ähnlichen Situation sind, zu unterstützen. "Wir gehen mit ihnen den Vertrag durch und tauschen uns über die Arbeit aus", erklärt sie. Gegen unfaire Arbeitsbedingungen werde aber kaum gerichtlich geklagt – und einen Kontrollmechanismus gibt es nicht.

Den möchten die Grünen gesetzlich verankern. Sozialsprecherin Judith Schwentner kann sich eine Art "Gütesiegel" für Agenturen vorstellen. Derzeit ist die Vermittlung ein freies Gewerbe.

Die Branche boomt: Seit 2007 ist die 24-Stunden-Betreuung erlaubt und wird gefördert. Aktuell sind 421 Agenturen und 78.000 Frauen als Betreuerinnen (nur ein Teil davon aktiv) registriert. 21.900 Personen haben 2015 eine Förderung in Anspruch genommen, für Bund und Länder waren das Kosten von 138,6 Millionen Euro. "Es geht hier um Steuergeld", betont Schwentner, und fordert deshalb: "Das Sozialamt sollte sich beim Förderantrag den Vermittlungsvertrag und ein Zertifikat der Agentur vorlegen lassen."

Höheres Ausbildungsniveau

Zusätzlich hält sie eine Ombudsstelle für sinnvoll, an die sich Angehörige und Betreuerinnen wenden können. Laut Staroňová braucht es auch ein höheres Ausbildungsniveau. Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass der Job meist auch anspruchsvolle Pflegetätigkeiten umfasst – und viele Kolleginnen damit überfordert sind. Die 38-Jährige macht derzeit eine Ausbildung zur Diplomkrankenpflegerin.

Durch die Qualitätsverbesserung würde die 24-Stunden-Betreuung wohl teurer werden. Sozialsprecherin Schwentner hält ein Reglement aber für dringend notwendig: "Wir müssen etwas tun, weil die Bevölkerung immer älter und der Bedarf immer größer wird."

Die Kosten variieren derzeit stark je nach Anbietern. Im Durchschnitt sind es – abzüglich Pflegegeld und Förderung – rund 1000 Euro pro Monat. Die Betreuerin bekommt für einen zweiwöchigen Turnus ein Honorar von 600 bis 1000 Euro.