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Politik
05/06/2012

Immer mehr Unfälle mit Motorrädern

Die Freiheit auf zwei Rädern ist ein mitunter gefährliches Unterfangen: Die Zahl der getöteten und verletzten Motorradfahrer steigt stetig an.

Brummende Motoren lassen die Kassen der Motorradhändler klingeln: Seit 2003 ist die Zahl der zugelassenen Motorräder und Leichtmotorräder laut Statistik Austria um mehr als 100.000 Stück auf 409.675 (Stand 31.12.2011) gestiegen. Die meisten Zulassungen gibt es in Niederösterreich (rund 90.000), die höchste Dichte an Bikes gibt es in Kärnten (jeder 18. Kärntner besitzt ein Motorrad), die geringste in Wien (jeder 56.).

Der Hype auf zwei Rädern wirkt sich auch in der Unfallstatistik aus. 3018 Verletzte gab es im Vorjahr bei Unfällen mit Motorrädern – ein Plus von 13,9 Prozent. 64 getötete Motorradfahrer bedeuteten ein statistisches Plus von 3,2 Prozent.

Tödlich

Das bisher letzte Todesopfer ist der 21-jährige Roman S. Der junge Niederösterreicher kam am 29. April im Bezirk Scheibbs nach einer Hügelkuppe ins Schleudern und rutschte unter ein entgegenkommendes Auto (mehr dazu lesen Sie hier). Auch wenn sich Roman S. auf seiner Facebook-Seite als Motorradfahrer outete, der gerne Gas gab („es müssen die Tränen waagrecht spritzen"), wäre es zu einfach, in diesem Fall von einer typischen Raserei zu sprechen, meint der Scheibbser Polizei-Bezirkskommandant Gerhard Traxler: „Ohne etwas bagatellisieren zu wollen, aber bei diesem schrecklichen Unfall war enorm viel Pech dabei."

„Von Raserei keine Spur", sagt auch Biker-Kamerad Johann A. aus Kemmelbach, der gemeinsam mit weiteren Motorradfahrern geholfen hatte, den schwer verletzten und unter dem Auto eingeklemmten Freund zu bergen und vergeblich versucht hatte, ihn wiederzubeleben. „Roman ist vielleicht mit 70 km/h gefahren." Er dürfte die gefährliche Kuppe nicht gekannt und unterschätzt haben.

Ein Reh

„Man glaubt nicht, wie schnell es einen aus der Bahn werfen kann." Viktor und Sylvia Koeppe wissen genau, wovon sie sprechen. Sie reihten sich im vergangenen Jahr in die Verletztenstatistik ein. Es passierte am 2. Oktober. Das Paar aus Enzersdorf an der Fischa (Bezirk Bruck/Leitha, NÖ) hatte den Sonntag für einen Ausflug mit dem Motorrad genützt; der 50-jährige Viktor lenkte, Sylvia (54) saß auf dem Sozius.

„Wir sind in die Straße zur beliebten Biker-Strecke Kalte Kuchl eingebogen, alles war ganz normal", erzählt Viktor Koeppe. Doch schon nach fünfzig Metern kam plötzlich ein Reh, sprang wie aus dem Nichts von oben auf das Motorrad. „Wir sind auf die Gegenfahrbahn gekommen, dort waren aber etliche andere Biker unterwegs." Zwei Lenker konnten gerade noch ausweichen, die dritte Maschine erwischte das Ehepaar voll.

Die sieben Monate seit dem Unfall verbrachten die beiden fast ausschließlich im Spital, jetzt sind sie im Reha-Zentrum Weißer Hof in Klosterneuburg. „Kurz vor Weihnachten war ich neun Tage zu Hause, die ganze restliche Zeit in stationärer Behandlung", sagt Viktor Koeppe. Von seinem Arbeitgeber wurde der Lkw-Chauffeur abgemeldet. Auch Sylvia ist noch weit davon entfernt, wieder als Verkäuferin arbeiten zu können.

Amputation?

„Es stand lange auf der Kippe, ob mein rechtes Bein amputiert werden muss, auch jetzt habe ich noch keine Gewissheit", sagt Viktor Koeppe. Er musste zehn Operationen über sich ergehen lassen und ist wie seine Ehefrau beim Gehen auf einen Stock angewiesen. Trotzdem würde der 50-Jährige wieder Motorrad fahren: „Wenn ich mich in der Lage fühle, das Gerät zu handeln – warum nicht?"

Biker überschätzen ihr Können

Die Motorradfahrer sind nicht unsere Feinde", stellt Gottfried Macher von der Landesverkehrsabteilung Niederösterreich eingangs klar. „Uns geht es nicht ums Strafen, sondern wir wollen Unfälle durch hohe Präsenz verhindern." Am ersten Maiwochenende verletzten sich alleine in Niederösterreich 54 Biker, zum Teil schwer. Auf den bekannten Motorradstrecken wie der Kalten Kuchl oder am Exelberg postieren sich Polizisten im Abstand von wenigen Kilometern, um Temposünder aus dem Verkehr zu ziehen. Rund 15-mal im Monat rückt die Verkehrspolizei zusammen mit dem Prüfzug der NÖ Landesregierung zu Schwerpunktkontrollen aus.

Zu den Unfallursachen sagt Macher, dass „nicht angepasste Fahrgeschwindigkeit an das eigene Können" häufig zu Crashs führt. Nach der Winter­pause benötigen Motorradfahrer wieder Trainingseinheiten. „Am besten bei den Autofahrerclubs", empfiehlt Macher. Auch die Motorradstreifen der Verkehrspolizei absolvieren zu Saisonstart Schulungsfahrten mit erfahrenen Instruktoren.

Der Zweirad-Boom trägt das Seine zu den Unfallzahlen (siehe oben) bei. Laut VCÖ-Statistik zählt die Altersgruppe von 25 bis 44 Jahren zu den Risikolenkern auf zwei Rädern. Die Kombination aus wenig Erfahrung und vielen PS kann schnell zur tödlichen Falle werden.
Lobend erwähnt Macher den verpflichtenden Mehrphasenführerschein für Führerschein-Neulinge. „Die Maßnahmen haben bei den jungen Lenkern für ein Umdenken gesorgt."

EU erlaubt Biken mit 16 Jahren

Ab 2013 dürfen bereits 16-Jährige auf 125-ccm-Motorrädern mit 130 Stundenkilometern auf Autobahnen unterwegs sein. Dem vom Parlament ab­gesegneten Beschluss liegt eine verpflichtend umzu­setzende EU-Richtlinie zugrunde. Während der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) die Regelung kritisch betrachtet und auf die hohen Unfallzahlen von jugend­lichen Mopedlenkern verweist, betont Verkehrsministerin Doris Bures die ver­besserte Ausbildung. „Es gibt mehr Theorie und mehr Praxis", sagt Bures. Wer ab 2013 mit 16 bereits die Freiheit auf zwei Rädern erleben will, benötigt den A1-Führerschein. Neben Theorie sind Perfektionsfahrten, ein Training zur Gefahrenwahrnehmung und verkehrspsychologische Einheiten vorgesehen.

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