Politik
05.12.2011

"Ich sorge jetzt für eine gute Zukunft"

Augenzeuge - 90 Prozent von Tripolis sind befreit, in zehn Prozent wird noch gekämpft

Gaddafis Festung hat in den vergangenen Stunden viel Besuch erhalten. Es sind die glücklichen Jungen, die für ein Ende des Diktators gekämpft haben und sich nun ein paar Trophäen des von einer Revolution vertriebenen Revolutionsführers sichern. Das Zelt des Wüstensohnes haben die Aufständischen den Flammen überantwortet, seine Möbel schleppt davon, wer kann und sich traut.

Denn in der Nähe des Anwesens gab es am Mittwoch noch Heckenschützen, Gefechtslärm war zu hören. "Die Loyalisten dürften sich Richtung Hadba, etwa einen Kilometer südlich, zurückgezogen haben", berichtet Abdrouf M. dem KURIER. Zwei Tage lang war sein Telefon tot, nun konnte er Familienmitglieder und Freunde in anderen Vierteln anrufen. "Dort, wo ich Gaddafis Mannen vermute, liegen Kasernen, die unter Kontrolle seines Sohnes Khamis stehen. Ich bin aber überzeugt, dass das die letzten Widerstandsnester sind. Angst habe ich keine mehr."

Angst hingegen haben die ausländischen Journalisten, die im Hotel Rixos festsitzen, die mit kugelsicheren Westen auf dem Kellerboden kauern und ihre Laptops in fahlem Licht nur mit Strom aus dem Notaggregat bedienen können. Das Hotel liegt unweit des Hagba-Viertels, das noch unter Gaddafi-Kontrolle ist.

Die Geschäfte in Ms. Umgebung sind offen und haben Lebensmittel für die Grundversorgung. Auf die Straße geht er vorsichtig, trifft manchmal auf lokale Bürgerwehren. Frauen und Kinder fehlen im Straßenbild in diesen Tagen des Umsturzes. Und viel gefeiert wird auch nicht, weil es immer wieder heißt, es gebe noch Widerstand.

Wo ist er?

"Alle fragen sich natürlich, wo Gaddafi ist", sagt Abdrouf. Die Vermutungen reichen von der Wüste über seine Heimatstadt Sirte bis Hadba und Salaheddin in Tripolis, die noch "ihm gehören" und wo noch Heckenschützen wüten.

Die Schiffe im Hafen, die das Ausland organisiert hat, nützen die Bürger von Tripolis nicht, "weil jeder überzeugt ist, dass es bald vorbei ist. Man muss nicht mehr aus der Stadt flüchten. Diese Schiffe sind für die Ausländer, denen es jetzt endgültig reicht."

Fasten später

Autoverkehr gibt es untertags kaum, aber nicht aus Furcht, sondern wegen des Ramadan. "Wegen der Ausnahmesituation ist man zwei, drei Tage zu Hause geblieben, hat gegessen, wenn es Strom und Wasser gab. Aber alle, die ich kenne, schwören, sie werden die Fasttage nachholen."

Es finden sich auch erste Anzeichen beginnenden Wiederaufbaus. So wollen die Angestellten der Elektrizitätsfirma heute nach Janzur fahren zum großen Kraftwerk, das Tripolis normalerweise mit Strom versorgt und dort die Versorgung notdürftig wieder instand zu setzen, erfuhr Österreichs Wirtschaftsdelegierter David Bachmann vom Manager. Derzeit mangle es an Ersatzmaterial und Know-how.

Die Solidarität in den 90 Prozent befreiten Territoriums von Tripolis sei enorm. Immer mehr Menschen folgen den Aufrufen zum Blutspenden. Denn die Kämpfe haben nach Rebellenangaben auf ihrer Seite nicht nur 400 Menschenleben gefordert,
sondern auch viele Verwundete. Aber: "Tripolis ist endlich frei. Und ich werde die neuen Möglichkeiten nutzen und meinen Kindern mit einer tollen Ausbildung eine gute Zukunft sichern," plant Abdrouf M.