Politik
06.04.2012

Grass gibt Juden an allem die Schuld

Der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk über Günter Grass und dessen verbalen Angriff auf die heimliche Atommacht Israel.

H ass, Hetze, Antisemitismus – angesichts der vehementen Reaktionen auf sein Israel-Gedicht (in voller Länge auf der Homepage der Süddeutschen Zeitung) fühlt sich Günter Grass als Opfer einer Kampagne. Gestern bekräftigte der 84-Jährige, ein Erstschlag Israels gegen den Iran würde zum Dritten Weltkrieg führen. Yoram Kaniuk hat wie Grass die 80 überschritten. Als Schriftsteller setzen sich beide für Frieden ein. Mit 17 aber waren beide in den Krieg gezogen. Wobei Grass seine SS-Mitgliedschaft lange verschwieg, Kaniuk seine Zeit als Palmach-Kämpfer (ab 1941 die paramilitärische Truppe der jüdischen Untergrundorganisation Hagana, Anm.) in I­sraels Unabhängigkeitskrieg mehrfach zum Thema machte.

In der Novelle „Im Krebsgang“ machte Grass 2002 falsche Angaben zum Gustloff-A­ttentäter David Frankfurter (der Rabbiner-Sohn erschoss den NSDAP-Vertreter in der Schweiz 1936, Anm.) . Damals sagte Kaniuk: „Da wusste ich, was für ein mieser Lügner Grass ist.“ Das jetzt veröffentlichte Gedicht des Literaturnobelpreisträgers „Was gesagt werden muss“ stößt bei Kaniuk auf Desinteresse .

 

 

KURIER: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden, sagt Grass.

Yoram Kaniuk: Was Grass zu seinen Sorgen zu sagen hat, interessiert mich nicht. Ich lebe hier und habe nicht seine Sorgen. Ich halte es aber für überzogen, ihn als Antisemiten zu verstehen. Zumindest ist er nicht antisemitischer als üblich, wenn er, wie so häufig, den Juden an allem die Schuld gibt. Den iranischen Präsidenten Ahmadinejad erwähnt Grass nur indirekt. Dabei sollte er sich mit ihm doch mal auf eine Tasse Kaffee zusammensetzen, gehen die nuklearen Probleme doch letztlich von Ahmadinejad aus. Ich habe wahrlich keine große Freude, wenn von möglichen Angriffen auf iranische Ziele die Rede ist. Aber niemand in Israel spricht von der Auslöschung des Iran und von 50 Millionen Iranern von der Landkarte oder aus den Annalen der Geschichte.

Sie schrieben bereits 2001 in "Der letzte Berliner" über ihre Probleme mit Grass. Was fiel Ihnen denn damals schon auf?

Da ist die literarische Perspektive: Vor Jahrzehnten zeigte sich bereits, dass Grass weder Juden noch Judentum und auch Israel offensichtlich nicht als literarisch zu verarbeitende Themen versteht. Politisch habe ich ihn während des ersten Irak-Krieges gefragt, warum er und auch andere Linke nicht vor den Toren der deutschen Firmen demonstrierten, mit deren Hilfe der Irak damals Gaswaffen produzierte. Sie bedrohten ganz Israel mit Gasangriffen. Er wurde damals sehr ausfallend und gab irgendeine Antwort mit "kein Blut für Öl".

In Ihrem Buch "1948" beschreiben Sie Ihre Kriegserinnerungen auf sehr persönliche Art. Würden Sie auch von Grass erwarten, seine SS-Vergangenheit literarisch aufzuarbeiten?

Ich hätte es erwartet, aber ich habe schon lange vor seiner Enthüllung gespürt, bei unserer ersten Begegnung, dass etwas im Verborgenen rumorte. Da wusste ich nur von seiner Vergangenheit als Flak-Helfer, von der SS noch nicht. Für mich war aber auch das interessant und ich habe ihn darauf angesprochen, warum schon in den Jahren davor geschwiegen wurde, als auch in seiner Umgebung die jüdischen Nachbarn, darunter seine Schulkameraden, einer nach dem andern verschwanden. Nicht alle Deutschen schwiegen ja dazu.

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