Politik
05.12.2011

Glattauer: "Kinder schmoren im eigenen Saft"

Streitschrift: Pünktlich zum Schulanfang hat der Lehrer Niki Glattauer (52) einen neuen Bestseller geschrieben.

Hausbesuch bei Niki Glattauer, kurz bevor sein neues Buch "Die PISA-Lüge" erscheint (der KURIER bringt ab morgen einen exklusiven Vorabdruck). Über der Couchlandschaft hängen Bilder des schottischen Malers Jack Vettriano, auch "The Singing Butler". "Alles Kopien aus Thailand", gibt Asien-Fan Glattauer unumwunden zu. Und was für eine Bedeutung hat das schwarze, große Schwein aus Hartplastik mitten im Wohnzimmer? "Goar kane", lacht er und saugt Nescafé mit braunem Zucker durch einen dicken Strohhalm aus seinem Häferl, "es hat nur saumäßig viel Geld gekostet". Der streitbare Lehrer spricht mitreißend und teilweise im Dialekt, aber immer in der weiblichen Form, was ihn fast zum "Womanizer" macht.

KURIER: Herr Glattauer, Ihr neues Buch klingt wie ein Vorwurf. Wer lügt, wenn es um die PISA-Studie geht?
Niki Glattauer: Alle, die dazu Pressekonferenzen gegeben haben! Weil jeder die Studie manipulativ interpretiert. Zwei Beispiele: Unterrichtsministerin Schmied hat nach PISA die Parole ausgegeben: Gott sei Dank! Die Ausländerkinder sind ja gar nicht schlechter. Und ÖVP-Bildungssprecher Amon hat behauptet: PISA sei der eindeutige Beweis, dass die Gesamtschule nicht funktioniert. Beides ist falsch.

Was stimmt?
Dass es im österreichischen Bildungssystem eine Schieflage gibt, die man aus PISA sehr wohl herauslesen könnte, wenn man wollte. Und diese Schieflage betrifft in erster Linie Schüler mit anderen Muttersprachen. Ich will das Wort "Migrationshintergrund" bewusst nicht verwenden, weil ich es beschämend finde, Kinder auseinanderzudividieren. Tatsache ist: Kinder mit anderen Muttersprachen sind eklatant benachteiligt.

Viele Eltern sehen es genau umgekehrt. Sie sorgen sich um das akademische Niveau durch zu viele - wie Sie es ausdrücken - Kinder mit anderen Muttersprachen.
Das ist ja auch nicht ganz falsch. Auch an der Schule, an der ich unterrichte, ist der Anteil der Einheimischen mit anderen Muttersprachen 80 bis 90 Prozent. Jedes Kind, ob österreichisch oder nicht, das dort dazukommt, ist benachteiligt.

Inwiefern?
Diese Kinder schmoren im eigenen Saft und das ist fatal. Da perpetuiert sich ein
Ungerechtigkeitssystem mit Kindern, die im Leben von Grund auf benachteiligt sind. Und die Lehrerinnen sind chancenlos, das auszugleichen. Es gibt nur eine Chance: Diese Kinder beinhart aufzuteilen. Nicht als Bestrafung, sondern als Recht eines jeden Kindes, in einer deutschsprachigen Umgebung groß zu werden.

Verstehen Sie, dass die ÖVP sich dagegen querlegt, weil sie um die Bildungselite fürchtet?
Die ÖVP legt sich ja nicht quer, sondern nur Teile der ÖVP. Diese verhindern zugunsten einer Klientelpolitik leider eine Schulreform, die diesen Namen auch verdient.

So wie die Lehrergewerkschaft.
Die ist ja auch vor allem schwarz dominiert. Viele in der Gewerkschaft wollen sehr wohl die Veränderungen. Lehrerinnen haben in Österreich halt das Pech, dass seit Jahrzehnten alle Reformen gegen sie ausgegangen sind. Die kriegen ununterbrochen eine am Deckel, obwohl sie sich eh den Hax'n ausreißen.

Viele Lehrer entsprechen aber auch genau ihrem schlechten Image.
Meine Güte ... Natürlich gibt es viele Lehrer, die schon alt und müde sind. Es ist ein anstrengender Beruf. Gleichzeitig erlaubt das System den engagierten Lehrerinnen aber nicht, anders zu arbeiten. Finnland war vor 30 Jahren in einer ähnlichen Situation. Da haben die Regierungsparteien die Ganztagsschule zur Entlastung der Familien gegen den Widerstand der Gewerkschaften einfach beschlossen. Und ein paar Jahre später wollte keine Lehrerin mehr zurück.

Was war bei Ihnen der Moment, wo Sie wussten, in welchem System Sie da gelandet waren?
Ich war ja, mit 40, ein relativ alter Knochen, als ich angefangen hab'. Bei meiner ersten Konferenz wurde zwei Stunden lang geredet, ob man einen Kasten, der im Lehrerzimmer stehen soll, verschieben darf und wenn ja, wo dann die Hauspatschen stehen sollen. Ich habe gedacht: Das darf nicht wahr sein! Mittlerweile hab' ich mich dran gewöhnt. Jetzt zeige ich auf und sage: Die Hauspatschenfrage ist noch nicht geklärt! - Lacht.

Wie halten Sie das aus?
Mittlerweile hab' ich das Gefühl: Es geht immer mehr in die richtige Richtung. Und ich
war einer von denen, die für diesen Umbruch gekämpft haben. Ich glaube wirklich, dass steter Tropfen den Stein höhlt.

Der ehemalige KURIER-Schüleranwalt Andreas Salcher hat auch diesen Stein gehöhlt. Was unterscheidet Sie von ihm?
Salcher ist kein Lehrer und das merkt man. Seine Idee vom talentierten Kind, das es zu fördern gilt, unterschreibe ich voll. Außer dass er ununterbrochen versucht, den Lehrerinnen zu erklären, wie sie ihren Job machen sollen, habe ich nichts gegen ihn.

Glauben Sie wirklich noch an die Schulreform?
Ich bin am Anfang sehr auf die Unterrichtsministerin gestanden. Mittlerweile nimmt Faymann schon öfter das Wort "Gesamtschule" in den Mund als sie. Claudia Schmied ist mürbe geworden. Sie macht jetzt nur noch das, was geht. Und das ist oft das Falsche.

Wird Ihr Buch etwas daran ändern?
Jedes Buch hilft. Ich schreibe, weil ich ein gerechteres Gesellschaftssystem will. Die Schule könnte gegensteuern. Alles, was uns heute zu schaffen macht - gierige Manager, Korruption, Geiz ist geil - all das hat unser theresianisches Schulsystem, nicht nur in Österreich, mitgeprägt. "Anstellen, Zweierreihe und Mund zu!" In diesem System lernen Kinder, sich zu verstellen und Leistung darin zu sehen, andere zu überholen und zu übervorteilen. Und dann wundern wir uns, wenn am Ende,wie wir jetzt in London sehen, eine gespaltene Gesellschaft herauskommt.

Ist Lehrer trotz allem Ihr Traumberuf?
Ich arbeite Gott sei Dank auf mehreren Baustellen, verdiene mir mit dem Bücherschreiben den Schinken aufs Brot, denn von 1600 Euro netto könnte ich nicht leben. Und ich ärgere mich natürlich oft über die Politik. Aber wenn du dann 20 Kinder vor dir hast, die sich auf dich freuen, und für die du Bezugsperson bist, dann ist die Frustration weit weg. Da gibt es den ganzen Tag auch ganz viel zu lachen. Ich mag meine Kinder in der Schule irrsinnig gern.

Was soll passiert sein, wenn Sie 60 sind?
Ich wünsche mir, dass 500.000 Menschen das Bildungsvolksbegehren unterschrieben haben- noch ist Zeit dafür. Und natürlich, dass es bis dahin die gemeinsame Schule gibt mit einem völlig neuen Fächerkanon, der über das, was man als Ausbildung für den Arbeitsmarkt braucht, weit hinausgeht.

Zur Person: Vom Schreiber zum Lehrer

Der Autor Geboren am 1. 1. 1959 in Zürich als Sohn eines Wieners mit böhmisch-jüdischen Wurzeln und einer Kärntner Slowenin. Herbert O. Glattauer, später langjähriger Redakteur des KURIER, war damals junger Reporter beim "Blick". Als Niki ein Jahr ist, kommt die Familie nach Wien. Wie sein Vater wird Nikolaus Glattauer Journalist.

Als Spätberufener macht er 1995 sein erstes Lehramtsstudium, seit 1998 ist er Lehrer und Autor ("Der engagierte Lehrer und seine Feinde"). Sein jüngerer Bruder Daniel ist Bestsellerautor ("Gut gegen Nordwind", "Alle sieben Wellen"). Niki Glattauer ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Suzie ist 8, Daniel 2 ½. Kennengelernt hat Niki seine chinesische Frau Zhuofeng, eine Krankenschwester, in Wien.

Das Buch "Die Pisa-Lüge" erscheint am Montag im Verlag Ueberreuter, € 19,95.

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