Politik
05.12.2011

Gewaltstudie: "Schockierende Ausmaße"

Männer sind fast genauso oft von Gewalt betroffen wie Frauen. Drei Viertel der Österreicher hatten als Kind ein beängstigendes Erlebnis.

Österreichs erste Gewaltstudie bringt interessante Zahlen ans Licht. So zeigt die Untersuchung "Gewalt in der Familie und im nahen sozialen Umfeld", die heute vom Familienministerium und dem Institut für Familienforschung präsentiert wurde, dass über 85 Prozent der Frauen und mehr als 78 Prozent der Männer zumindest einmal in ihrem Leben von Gewalt betroffen sind. "Ich bin schockiert über das enorme Ausmaß an Gewalt," sagte Konsulentin Monika Schröttle zu den Ergebnissen. Dabei reicht das Spektrum der abgefragten Einzelerlebnisse von der elterliche Ohrfeige über Belästigung bis zu Schlägerei und Vergewaltigung.

Befragt wurden 2334 Österreicher und Österreicherinnen zwischen 16 und 60 Jahren. Die Studie ist die erste in Europa, die "einen Geschlechtervergleich aufsetzt", erläuterte Kapella. "Erhoben wurde auch psychische Gewalt wie Mobbing, da diese in den letzten Jahren im Ansteigen begriffen war." Untersucht wurde in vier Bereichen: psychische und körperliche Gewalt sowie sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt. Dazu wurde erhoben, inwiefern eine Gewalthandlung (außer bei sexueller Gewalt) als bedrohlich empfunden wird.

Unterschiedliche Wahrnehmung von Gewalt

Die Studie zeigte, dass sowohl Frauen als auch Männer von Gewalt betroffen sind, diese aber unterschiedlich wahrnehmen. So sind Frauen öfter im engsten sozialen Umfeld von Gewalt betroffen und kämpfen mit schlimmeren und längeren Nachwirkungen als Männer. Frauen werden eher in der Partnerschaft und in der eigenen Wohnung zu Opfern - "primär im engen sozialen Nahraum und in der Partnerschaft", so Kapella, während sich bei Männern die zugefügte Gewalt tendenziell eher öffentlich abspielt.

Mehr Frauen von psychischer Gewalt betroffen

Von den österreichischen Frauen waren insgesamt bereits 85,6 Prozent schon einmal psychischer Gewalt ausgesetzt. 39,8 Prozent davon fühlten sich dadurch bedroht. Psychoterror sahen sich 24,1 Prozent der Befragten bereits einmal ausgesetzt, mehr als die Hälfte davon (54,8 Prozent) empfanden diesen als Angst auslösend. Auf "verletzende Art lächerlich gemacht" fühlten sich 51,9 Prozent (31,7 Prozent) der Frauen und "wiederholt beleidigt" 51,8 Prozent (47,5). Ungewollt kontaktiert wurden 28 Prozent, wobei 35,6 Prozent davon dies auch als bedrohlich empfanden.

Körperlicher Gewalt ausgesetzt waren 56,8 Prozent der Frauen. 29,6 Prozent von diesen sahen dabei ein bedrohliches Ausmaß der Gewalt. Jede Dritte Frau hat schon einmal eine leichte Ohrfeige bekommen, fünf Prozent wurden verprügelt. Sexuell belästigt fühlten sich gar schon 74,2 Prozent der Frauen, knapp 30 Prozent von ihnen (29,2 Prozent) in bedrohlichem Ausmaß.

Jede Zehnte wurde mit sexuellen Absichten verfolgt. 42 Prozent der Frauen wurde nachgepfiffen - und 35,9 Prozent der Verfolgten sahen das als bedrohlich an. 30 Prozent waren schon Opfer echter sexueller Gewalt, sieben Prozent wurden vergewaltigt, bei 8,9 Prozent wurde das versucht. Ein Viertel wurde intim berührt, ohne das zu wollen.

Sexuelle Gewalt an Männern noch wenig erforscht

Männer wurden im Studienschnitt bereits zumindest einmal in ihrem Leben zu 78,4 Prozent Opfer psychischer und zu 61,4 Prozent von körperlicher Gewalt. Bedrohlich empfanden dies 30 beziehungsweise 27,9 Prozentvon ihnen. 27,2 Prozent wurden schon sexuell belästigt (5,6 Prozent) und 8,8 Prozent sahen sich bereits sexueller Gewalt ausgesetzt.

Als "erstaunlich", analysierte Schröttle die männlichen Opfer-Daten sexueller Gewalt. "Hier ist noch viel zu forschen. Wir gehen davon aus, dass Männer eher dazu tendieren, sozial erwartete Antworten zu geben." Fühlen sich Männer etwa von Frauen sexuell belästigt, würden sie davon sprechen, die Frau zurückgewiesen zu haben - aus Desinteresse: "Als hätte der Mann alleine die Kontrolle", so Schröttle.

Drei Viertel der Österreicher als Kind Gewalt-Opfer

Getrennt abgefragt wurden in der Studie Gewalterfahrungen von Österreichern in der Kindheit bis zum 16. Lebensjahr. Drei Viertel der befragten Personen haben psychische und/oder körperliche Gewalt erlebt. Dabei zeigten sich kaum Unterschiede zwischen Frauen und Männern - außer bei der sexuellen Gewalt: Mit 27,7 Prozent Nennungen waren mehr als doppelt so viele Mädchen sexuellen Übergriffen ausgesetzt wie Burschen (zwölf Prozent).