Politik 11.04.2012

Geboren in der Hölle Nordkoreas

Shin In Geun kannte nichts als Hunger, Schwerstarbeit, Hinrichtungen. Erst nach der Flucht lernte er zu leben.

Shin In Geun ist 22 Jahre alt, als er zum ersten Mal hört, dass man Fleisch nicht nur in Form von Ratten, Fröschen und Schlangen essen kann. Ein gebratenes Hühnchen? Der junge Mann, der in einem der berüchtigten nordkoreanischen Straflager geboren wurde, hat keine Vorstellung davon, wie gutes Essen schmeckt oder auch nur, wie es riecht.

Er weiß nicht, dass es eine Welt außerhalb der elektrischen Stacheldrahtzäune gibt. Dass Schläge durch Wachebeamte, der ständige Hunger, Schwerstarbeit, Folter und Exekutionen nicht normal sind. Shin In Geun weiß nicht einmal, dass die Welt rund ist.

Heute, sieben Jahre später, sieht man dem schmalen jungen Mann die erlittenen Qualen auf den ersten Blick nicht an. In seiner neuen Heimat Südkorea würde Shin nicht weiter auffallen – hätte er nicht den ganzen Körper voller Narben und eine unglaubliche Geschichte zu erzählen: Nie zuvor ist jemandem, der in einem nordkoreanischen Straflager geboren wurde, die Flucht gelungen. In Shins soeben – vorerst nur auf Englisch – erschienenen Buch "Escape from Camp 14" schildert er, was geschätzte 200.000 Nordkoreaner weiter jeden Tag durchmachen – ein Leben in der Hölle.

Gulag-System

Die kommunistische Regierung in Pjöngjang leugnet die Existenz ihres Gulag-Systems. Nie durfte das Internationale Rote Kreuz auch nur in die Nähe eines der abgeschotteten Lager. Doch Satellitenaufnahmen beweisen: Es gibt fast zwei Dutzend solcher Camps, manche mehrere Hundert Quadratkilometer groß.

In einigen, wie etwa in Camp 15 oder Camp 18, gibt es "Umerziehungsstätten". Deren Insassen dürfen, falls sie es überleben, darauf hoffen, irgendwann wieder frei zu kommen. Aus anderen gibt es kein Entrinnen: Wer dort landet – und das fast immer mit der gesamten Familie –, bleibt bis zum Tod: Durch Hunger, Krankheit, Unfall oder Exekution. Um dort zu enden, reicht es, in Nordkorea den "falschen Vater" zu haben – so einen wie Shin In Geun. Dessen Vater hatte zwei Brüder, die nach Südkorea geflohen waren.

Doch für Shin ist Flucht nie ein Gedanke: Er ist in Camp 14 geboren. Er lernt von klein auf zu überleben, indem er selbst Tiere fängt, Gräser sammelt, den Schlägen der Wärter ausweicht – und absolut jedem Menschen misstraut. Die alle paar Tage stattfindenden öffentlichen Hinrichtungen berühren den Buben genauso wenig wie die Tatsache, dass die Lehrer an der "Schule" immer wieder Kinder tot prügeln. So ist sein Leben, und so würde es immer sein, glaubt Shin, bis er eines Tages seine Mutter von "Flucht" flüstern hört.

Glühendes Eisen

Doch sie fliegt auf und wird sofort hingerichtet. Ihr 13-jähriger Sohn landet in einer Zelle, wird wochenlang geschlagen und mit glühenden Eisenstangen verbrannt. Die Strafe ist gerechtfertigt, glaubt er immer noch, schließlich habe seine Mutter ihn und das Land verraten.

Erst Jahre später – Shin sitzt nach der misslungenen Reparatur einer Werkzeugmaschine wieder einmal in einer Spezialzelle – ändert sich mit dem Auftauchen eines neuen Zellengenossen sein Leben. Park Yong Chul ist ein gebildeter, älterer Mann. "Ich bin aus der Hauptstadt Pjöngjang", erzählt er, und Shin fragt: "Was ist eine Hauptstadt? Was ist Pjöngjang?" Zum ersten Mal hört Shin vom Leben draußen. Von Geld, von Fernsehen, von Büchern, schönen Frauen und gegrillten Hühnchen. Und zum ersten Mal in seinem Leben trifft der 22-Jährige eine freie Entscheidung: Er will fliehen. Sofort.

Eine Gelegenheit bietet sich, doch Park Yong Chul stirbt am elektrischen Stacheldrahtzaun. Shin schleppt sich mit schwersten Verbrennungen weiter. Einen Monat marschiert er, hungernd, frierend, stehlend in Richtung chinesischer Grenze. Weitere zwei Jahre sollte es dauern, bis er endlich Südkorea erreicht.

Heute, sieben Jahre später, hat er nur einen Wunsch: "Ich hoffe so sehr, dass mein Vater noch lebt. Ich konnte mich nicht von ihm verabschieden."

( Kurier ) Erstellt am 11.04.2012