Gaucks erste starke Rede wider die Angst

dapdNew German President Joachim Gauck delivers his speech after  the oath of office at the parliament in Berlin, Friday, March 23, 2012. (Foto:Markus Schreiber/AP/dapd)
Foto: dapd Bundespräsident Gauck: „Freiheit ist die Bedingung für Gerechtigkeit“

Nach seiner Vereidigung stellte der neue Staatschef in erwartet klaren Worten mutige Ansprüche an Politik und Bürger.

Ein überfälliges Plädoyer für den Mut und wider die Angst: Das war Joachim Gaucks erste ausführliche Rede als deutsches Staatsoberhaupt, die er nach seiner Angelobung vor dem vereinten Bundestag und Bundesrat hielt. Die Kommentatoren lobten sie als erfrischend und bürgernah, viele interpretierten sie als Versprechen auf ein großes Staatsoberhaupt. Der parteilose Gauck war am Sonntag mit der bisher größten Mehrheit zum elften Bundespräsidenten gewählt worden.

"Wie soll unser Land aussehen, zu dem Kinder und Enkel ,unser Land" sagen sollen?", wandte sich der 72-Jährige mit merkbar gespannter Stimme mehr noch an die Bürger am Fernsehschirm als an die vor ihm sitzenden Politiker. "Wir dürfen uns im Zusammenleben nicht von den Ängsten leiten lassen", leitete Gauck seinen Katalog von Ratschlägen und Forderungen ein.

Freiheit

Sein Lebensthema präzisierte der Ex-DDR-Bürgerrechtler und frühere Pastor als "Grundwert bei der Entscheidungsfindung" – vor allem bei der gegen die Angst: "Freiheit ist die notwendige Bedingung von Gerechtigkeit und Glück."

Ausdrücklich bekannte sich Gauck zu einem "Sozialstaat, der keine paternalistische Fürsorgepolitik betreibt, sondern der vorsorgt und Bürger zur eigenen Anstrengung ermächtigt".

Zu Gaucks einfachen, in Deutschland zuletzt selten gehörten Hauptsätzen zählten auch die: "Wir stehen zu diesem Land, weil wir nie ein besseres zuvor gesehen haben." Er sagte dies mit ausdrücklichem Bezug auf "die Rechtsextremen und ihren Hass auf das Land: Wir schenken euch nicht unsere Angst."

Als eher unerwartete Akzente zwischen den manchmal doch pastoralen Zügen vermerkten die Kommentatoren Gaucks entschiedenes Eintreten für Europa, gerade in dessen Krise. Überraschend auch sein Lob für die "68er-Generation im Westen, deren Umgang mit der Geschichte trotz aller Irrwege Vorbild für den der Ostdeutschen nach 1989 war".

Und schließlich seine Aufforderung an die Bürger, Politik positiv zu sehen und sich selbst mehr einzubringen: "Seid nicht Konsumenten, sondern Mitgestalter!" Dass die Wahlbeteiligung sinke und die Politikverdrossenheit zunehme, "macht mir Angst". Seine Forderung daraus an die politische Klasse: "Redet offen und klar, dann kann Vertrauen wieder wachsen." Gerade weil Gaucks Rede spürbar nicht als der große Wurf angelegt war, glückte sie als besonders glaubwürdig und persönlich.

Zuvor hatte Gauck den Amtseid geleistet und ihn mit der persönlichen Formel "So wahr mir Gott helfe" beendet. Eröffnet wurde die Angelobungszeremonie im Reichstag, bei der Gaucks Lebensgefährtin, die Journalistin Daniela Schadt, neben ihm saß, mit Reden von Bundestagspräsident Norbert Lammert und Horst Seehofer, dem bayerischen Ministerpräsidenten und Bundesratsvorsitzenden.

Freude

Der dankte dem anwesenden Vorgänger Christian Wulff (CDU) und dessen Gattin Bettina für ihre Arbeit, die nur 20 Monate gedauert hatte. Wulff war vor fünf Wochen wegen des Anfangsverdachts der Vorteilsnahme im Amt als früherer Ministerpräsident von Niedersachsen zurückgetreten. Er hatte den ebenfalls schon vorzeitig zurückgetretenen Horst Köhler (CDU) abgelöst.

Der von allen Parteien mit Ausnahme der "Linken" gewählte und von einer klaren Bürgermehrheit getragene Gauck konnte daher kaum enttäuschen: Die Freude am höchsten Staatsamt ist nun wieder beiderseitig.

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(kurier / Rainer Frauscher aus Berlin) Erstellt am
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