Politik
05.12.2011

Flucht aus den Dörfern

Die Jungen zieht es in die Städte. Ihre Heimatorte veröden. In vielen Gemeinden wird nach kreativen Ideen gesucht, um gegenzusteuern.

Der rostbraun-farbene Erzberg war einst stolzes Symbol steirischer Bergbauindustrie. Die Gemeinde Eisenerz florierte. Sie hatte in ihren besten Zeiten 13.500 Einwohner. Heute sind es nur noch rund 5000. Zwei Drittel der Bevölkerung sind älter als 65.

Die Geschichte der obersteirischen Gemeinde zeigt, wie die Zukunft vieler Regionen in Österreich aussieht. Der Grund: Geht die Arbeit aus, suchen sich die Jungen ihre Existenzgrundlage an einem anderen Ort. Die hohe Zahl an älteren Menschen und bald Hochbetagten bleibt.

Städte

Der Trend ist nicht neu: Die Jungen, die sich auf die Gründung einer Familie einstellen, ziehen in die Städte und deren Umland. Heinz Fassmann, Direktor des Instituts für Stadt- und Regionalforschung an der Akademie der Wissenschaften, zu den Ursachen: "Wirtschaftlichen Wandel gab es immer. Erst war die Landwirtschaft wichtigster Sektor, dann die Industrie, die schon zu Abwanderung und Ballungsräumen geführt hat. Heute gibt es die international ausgerichteten, expandierenden Dienstleistungsstädte, die ein breites Spektrum an Arbeitsplätzen bieten - von geringen bis zu hohen Qualifikationen."
Besonders stark betroffen sind große Teile der Steiermark und Kärntens. Auch das nördliche Wald- und Mühlviertel, das Mittel- und Südburgenland sowie Teile Salzburgs verlieren die Jungen an die Städte.

Die Aussichten für die Gemeinden sind trist, die finanziellen Folgen dramatisch: Je weniger Köpfe eine Gemeinde zählt, desto weniger Geld gibt es aus dem Steuertopf. Sperrt ein Betrieb zu - und sei es auch nur ein kleiner - gehen noch Kommunalabgaben verloren. Fazit: Es gibt immer weniger Mittel, dafür steigen die Aufwendungen für die (immer älteren) Ortsbewohner, die dageblieben sind.

Am Ende ist die Post zu, Lebensmittelgeschäft und Gasthaus sind verwaist, der Gendarmerie-Posten ist längst geschlossen - und wenn der Doktor in Pension geht, will kaum ein junger Arzt die Praxis übernehmen.

Das ist auch mit ein Grund, warum sich immer weniger Engagierte für ein Bürgermeister-Amt finden. Stoppen lässt sich die Entwicklung nicht. "Österreich hat es im Vergleich zu anderen Ländern lange geschafft, den Trend durch Förderungen zu verlangsamen", sagt Erich Dallhammer vom Österreichischen Institut für Raumplanung. Fassmann kommt zur entscheidenden Frage: "Man muss sich überlegen, wie man den Übergang steuern kann. Das Licht geht ja nicht sofort aus."

Viele Gemeinden versuchen, gegenzusteuern - mit attraktiven Angeboten, die junge Leute zum Bleiben bewegen sollen. So hat etwa der Bürgermeister im steirischen Vordernberg nahezu darum gefleht, den Zuschlag für ein Schubhaftzentrum zu erhalten. Die Bevölkerung stimmte mehrheitlich dafür. Das Projekt soll rund 200 Arbeitsplätze bringen. Im steirischen Hieflau zahlt die Gemeinde dem Betreiber eines Supermarktes etwas dazu, damit er nicht zusperrt. Und viele Gemeinden schmeißen jungen Familien Baugründe förmlich nach.

Kooperieren

Künftig wird es mehr Kooperationen zwischen Gemeinden geben müssen. "So kann Infrastruktur erhalten und ausgebaut werden", glaubt Gemeindebund-Präsident Helmut Mödlhammer. Soziologe Franz Kolland von der Uni Wien nennt als Positiv-Beispiel Güssing, eine Klimaschutz-Vorzeige-Gemeinde. "Es geht um kreative Ideen, die die Dörfer gemeinsam entwickeln können."

Ganz wichtig ist auch, die Mobilität - etwa über Busdienste - aufrechtzuerhalten. Für Ältere und Hochbetagte muss sich die Politik extra etwas einfallen lassen. Wer wird sich um sie kümmern, wenn sie Betreuung brauchen? Dallhammer: "Es wird mehr Selbsthilfegruppen und mobile Dienste geben müssen."

Und was passiert dort, wo kein Mittel hilft? - "Da wird sich langfristig die Natur mit Wäldern und Wiesen durchsetzen", prophezeit Fassmann.

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