Feedback zu Sieggraben-Artikel

Sieggraben
Foto: KURIER/Christandl

Da die Leser so zahlreich über die Sieggraben-Artikel diskutieren, erläutert Martin Gantner, der vor Ort war, ein paar Punkte genauer.

Liebe KURIER-Leser.
 
Das Feedback auf die Sieggraben-Artikel der vergangenen Tage war groß. Dafür vielen Dank.

Viele Leser sagen: "Ja, den Flüchtlingen soll geholfen werden, aber die Küche müssen sie schon selbst in Schuss halten." Das ist zweifelsohne richtig, doch es stellt sich die Frage: Warum klappt es mit der Unterkunft in vielen anderen Flüchtlingsheimen, in denen sich Österreicher gegen eine mageres Entgelt der oftmals traumatisierten Flüchtlinge annehmen, so tadellos während es in der Sieggrabener Waldschenke nicht funktioniert hat?
 
Nach meinem Lokalaugenschein und intensiver Recherche denke ich, dass es hierfür mehrere Gründe gibt.
 
Punkt 1: Wenn Strom fehlt, es an Infrastruktur mangelt und wenn Fenster undicht sind, ist den Flüchtlingen schwerlich ein Vorwurf zu machen. Dasselbe gilt für nicht vorhandenes Besteck und mangelhafte Ernährung. All das sind Dinge, die von den Quartiersgebern - seien es nun Wirten,  Caritas oder Diakonie - gewährleistet werden müssen. Dafür werden sie bezahlt.
 
Punkt 2: Nach 2002 ging die Zahl der Asylanträge kontinuierlich zurück und mit ihr die Zahl der Notquartiere. Seit 2008 zeigen die Antragszahlen jedoch wieder nach oben (im Verhältnis zu 2002 sind sie noch immer gering). Das Problem, das entstand: Es mangelt an geeigneten Unterkunftmöglichkeiten für Asylwerber. Im Lager in Traiskirchen waren im Jänner doppelt so viele Menschen untergebracht als für das Lager vorgesehen wären. Das heißt: Der vorhandene Raum ist knapp. Nur Wien erfüllt die Quote (zu 150 Prozent), die gemäß Bevölkerungszahl vorgesehen ist. Alle anderen Bundesländer nehmen weniger Flüchtlinge auf als sie ursprünglich zugesagt hätten. Es mangelt also an Platz.
 
Punkt 3: Dieser Punkt erscheint mir wichtig. Während etwa die Preise für Lebensmittel in den vergangenen Jahren gestiegen sind, sind die Tagsätze, die Wirten wie jene in Sieggraben erhalten, mit durchschnittlich 17 Euro pro Flüchtling gleichbleibend niedrig. Seit zehn Jahren wurde das Entgelt nicht mehr der allgemeinen Inflation angepasst - geschweige denn angehoben. Das heißt: Für Quartiergeber wird es schwieriger, gewisse Standards zu halten. Auch das dürfte ein Grund dafür sein, weshalb die Zustände in Sieggraben so sind, wie sie eben sind. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner hat angekündigt, die Tagsätze erhöhen zu wollen.
 
Punkt 4: Für 20 Männer ist es vermutlich nicht zielführend in der Einöde, fernab von jedweder Infrastruktur, auf den Ausgang des Asylverfahrens warten zu müssen. Auch die burgenländischen Behörden haben eingeräumt, dass die Lage des Hauses alles andere als ideal für zum Teil traumatisierte Flüchtlinge war. Es handelt sich dabei um Menschen, die nicht wissen, ob sie nicht schon bald in jenes Land zurückkehren müssen, aus dem sie Monate zuvor geflohen sind. Andere Beispiele zeigen, wie sich kleine Gruppen von Asylwerbern gut in Dorfgemeinschaften oder in der Stadt integrieren lassen. Nicht zuletzt fragen viele Leser: "Warum schlagen diese Männer nur die Zeit tot anstatt zu hackln?" Der Grund: Den Leuten ist es verboten, während eines laufenden Asylverfahrens zu arbeiten.
 
Punkt 5: Auch das kann, soll und muss gesagt werden: Ja, den Müll kann man auch dann vor die Tür stellen, wenn er sich dort bereits meterhoch stapelt, weil er über Wochen nicht abgeholt wurde. Ja, den Abfluss eines Waschbeckens kann man auch ohne Installateur reinigen. Und ja, Herdplatten (von denen nur eine funktionierte) selbst zu schrubben, sollte jedem zumutbar sein. 
 
Eigeninitiative ist nicht verboten, doch sie fällt unter widrigen Umständen ganz offensichtlich schwerer. 
 
Wir werden für Sie weiter an dem Thema dranbleiben.
 
Martin Gantner

 

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(kurier) Erstellt am
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