Politik
01.02.2012

Fall Nadina: "Wollen wissen, was passiert ist“

Seit einem Eingriff in der Innsbrucker Kinderklinik ist die Vierjährige schwer behindert. Die Eltern ziehen vor Gericht.

Ich kämpfe ständig damit, nicht so viel Mitleid für mein Kind zu empfinden, obwohl ich sehe, wie sehr es leidet“, sagt Indira Strobl. „Wenn ich Nadina die Medikamente einflöße, oder wenn sie einen Anfall hat, zuckt, zittert und kaum Luft bekommt. Denn was hat sie davon, wenn ich zusammenbreche?“ Die gebürtige Bosnierin drückt die Vierjährige liebevoll an sich. Verschlafen gähnt das Mädchen und schmiegt sich an seine Eltern. „Das Wichtigste hat sie schon gelernt, sie kann ihre Mama küssen“, meint Indira Stobl und lacht.

Doch das war ein mühevoller Prozess. Denn die Kleine ist seit einer Leistenbruch-OP im Jänner 2008 schwer behindert. Sie hat epileptische Anfälle, kann nicht sprechen, gehen oder zielgerichtet handeln. Das wahrnehmungsgestörte Mädchen braucht rund um die Uhr Betreuung. Seit vier Jahren kämpft die Familie um „Antworten und die Wahrheit“.

Im Wohnzimmer der Familie in Kufstein türmen sich Spielsachen. Die Couch-Landschaft ist Nadinas Reich. Dort spielen die Eltern mit ihr und versuchen sie zu stimulieren. Der Alltag ist eine ständige Herausforderung. Das beginnt schon bei banalen Dingen wie dem Treppensteigen. Die Strobls wohnen im dritten Stock, Lift gibt es keinen. „Mittlerweile wiegt sie 15 Kilo. Das wird zunehmend ein Problem.“

Tränen

Nach der niederschmetternden Diagnose „habe ich ein Jahr lang geweint. Der Manfred zeigt seine Gefühle nicht so, ich mache mir oft Sorgen um ihn“, sagt die Kinderkrankenschwester und streicht ihrem Mann fürsorglich über den Rücken. „Du kannst entweder reinbeißen oder weglaufen. Und diese Frage hat sich nie gestellt“, betont der Kufsteiner. Dennoch wünscht sich der Vater dreier gesunder Söhne aus erster Ehe oft, „dass Nadina im Supermarkt lästig ist und wegen einer Barbie quengelt. Und nicht einfach teilnahmslos im Wagen sitzt.“

Die Tiroler können ihre Tochter nie aus den Augen lassen. Sie schläft auch bei ihnen im Bett – geborgen in der Mitte. Einzige Entlastung bringt der Kindergarten. Ein Sonderkindergarten kommt aber nicht infrage. „Nadina soll lernen, was normal und gesund ist. Lieber stecken wir die Ziele hoch, als ihr nichts zuzutrauen. Und wer so lachen kann, bei dem ist etwas da, das sich entwickeln kann.“

Unermüdlich

Sich alleine an- und ausziehen, essen, aufs Klo gehen und sich selbst bewusst werden – das sind die Lebensaufgaben, für die sie ihr Kind wappnen möchten. Unermüdlich reden sie mit Nadina, erklären ihr jeden Schritt und singen ihr vor. „Sie ist sehr musikalisch“, sagt Manfred Strobl und bringt den Plüschhund auf dem Couchtisch zum Bellen.

Doch die Rückschläge kommen oft unerwartet und brutal, wie nach der Heimkehr von der Delfin-Therapie. „Ich hab’ Orgel gespielt, wir haben gesungen und getanzt – es war richtig lustig“, erzählt der Pfleger. Doch dann ein Anfall. „Nadina hat es nach hinten gestreckt und sie bekam keine Luft. Das war schlimm. Da wirst du so erbarmungslos in die Realität zurückgerissen.“

Dennoch, das Leben vor Nadina möchte Indira Strobl nicht mehr zurück. „Ich habe 15 Jahre für ein Kind gekämpft, und jetzt, wo ich es habe, kämpfe ich erst recht.“ Sorgen machen sie sich um die Zukunft ihrer Tochter, „wenn wir nicht mehr sind.“ Doch zunächst konzentriert sich die Familie auf den Prozess. „Wir wollen wissen, was passiert ist. Es muss einen Verantwortlichen mit zwei Beinen und einem Kopf geben.“ Mit einem schicksalhaften Verlauf können sie sich nicht abfinden. „Wir werden keine Ruhe geben.“

Zivilprozess: Neue Gutachten zur Tragödie

Wie verliefen Narkose und intensivmedizinische Betreuung? Wurden Aufklärungs- und Dokumentationspflicht erfüllt? Oder kam Nadina durch Behandlungsfehler zu Schaden?

Viele Fragen sollen jetzt ein Neurologe und ein Anästhesist als Gutachter fürs Zivilverfahren beantworten, das Mittwoch am Innsbrucker Landesgericht seinen Anfang nahm. Darin geht es um Schmerzensgeld und Kostenersatz (362.000 Euro) – vor allem aber auch um eine Feststellungsklage, laut der die Tilak (Tiroler Landeskrankenanstalten) für alle künftigen Schäden haften soll. Exakt daran scheiterten die Vergleichsgespräche bisher. Nadinas Eltern waren zur ersten kurzen Verhandlung nicht erschienen. Denn der Gesundheitszustand ihres Kindes hat sich dramatisch verschlechtert.

So besprachen Anwälte und Richterin gestern den weiteren Ablauf – und alte Gutachten: War im Schiedsverfahren noch von einem schicksalhaften Verlauf die Rede, weil bei Nadina eine Stoffwechselerkrankung vorgelegen habe, kamen zwei Privat-Gutachter zu völlig anderen Ergebnissen. Der Zivilprozess wurde vertagt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt parallel gegen drei Ärzte und Tilak.