Entstellte Iranerin verzichtet auf Rache

Ameneh Bahrami: Überraschender Verzicht auf Rache
Foto: apa

Sieben Jahre lang hatte Bahrami für Vergeltung nach dem Prinzip "Auge um Auge" gekämpft. Nun änderte sie überraschend ihre Meinung.

Ganz durchschaubar ist das Vorgehen Ameneh Bahramis nicht, war sie doch als unermüdliche Kämpferin für ihre Rache weltbekannt geworden. Vor sieben Jahren hatte ihr ein Mann Schwefelsäure ins Gesicht geschüttet, weil sie ihn nicht heiraten wollte. Damit hat er die Iranerin für immer entstellt. Seitdem träumte sie davon sich zu rächen, nach dem Prinzip "Auge um Auge". Das zumindest ließ sie die Welt glauben: "Das Gleiche, was er mir angetan hat, muss er selber am eigenen Leib erfahren, dafür lebe ich weiter", so Ameneh Bahrami erst kürzlich noch. Doch am Sonntag folgte die Überraschung: Der Mann bleibt verschont, und das obwohl sie sich bereits das Recht erkämpft hatte, ihn legal erblinden zu lassen und bereits kurz davor war, ihre Rache auszuführen.

Der Plan war, ihrem Peiniger mit einer Pipette Säure in beide Augen zu träufeln. Ein iranisches Gericht hatte Bahrami den Weg dafür geebnet. Sie und ihr Peiniger sollen nach iranischen Medienberichten bereits für den Racheakt in der Klinik gewesen sein, als Bahrami ihren Verzicht verkündete - allerdings in letzter Sekunde. Den Entschluss dazu habe sie aber schon vor sieben Jahren gefällt, erklärte sie überraschend.

"Ich habe dies aus diversen Gründen nicht getan: wegen Gott, für mein Land und für mich selbst", sagte sie. Sie fühle sich jetzt befreit, auch ihre Familie werde nun in Frieden leben können. Sie sei nicht mit Geld umgestimmt worden, es habe von keiner Seite einen Cent Schadenersatz gegeben. Vor mehr als zwei Monaten hatte die Iranerin zwei Millionen Euro für den Verzicht auf die Bestrafung gefordert. Nun sagte sie, sie habe damit nur die Menschenrechtsorganisationen bloßstellen und den Beweis antreten wollen, dass diese im konkreten Fall keine Hilfe leisten.

Doch Zahlungen?

Langjährige Beobachter des Falls nehmen dagegen an, dass sich Ameneh Bahrami vor allem wegen ihrer hohen Behandlungskosten im Ausland nun doch für den Schadenersatz entschieden hat. Allein die Summe für die bisherige Behandlung und mehrere Operationen beläuft sich nach ihren Angaben auf 150.000 Euro. Der Oberstaatsanwalt Teherans, Abbas Jafari Dolatabadi, hat bereits klargestellt, dass der Verzicht dem Peiniger Majid Mowahedi zwar die Augen rettet, er aber erst freikomme, wenn er bezahlt. Er bereue seine "schreckliche Tat" zutiefst, versicherte dieser am Sonntag im Staatsfernsehen.

"Zwei Millionen Euro haben der Mann und seine Familie ja kaum, aber eine ziemlich hohe Summe müssten sie schon bezahlen", sagte ein Anwalt in Teheran, der den Fall seit längerem verfolgt. Es bleibt die Frage, ob die Summe für die weitere medizinische Behandlung der Frau ausreicht. Ein Schönheitschirurg in Teheran sagte, Bahrami benötige mindestens fünf weitere Operationen, um zumindest nicht mehr entstellt auszusehen. Hinzu kämen weitere komplizierte Eingriffe, um zumindest ein Auge zu retten. "Das könnten definitiv weder die Frau noch der Attentäter so einfach aus eigener Tasche bezahlen, da bräuchte sie Hilfe vom Staat", so der Chirurg.

Unangenehme Fragen

Der Iran begrüßte den Verzicht auf den Racheakt. "Das war in der Tat sehr tapfer von ihr", sagte Oberstaatsanwalt Dolatabadi. Im Iran werden die islamischen Gesetze von der Justiz zwar umgesetzt - auch die "Auge-um-Auge"-Bestrafung. Die Regierung ist sich der politischen Konsequenzen solch barbarischer Vollstreckungen und der damit verbundenen Isolierung aber sehr wohl bewusst. Obwohl Bahrami dies dementiert, lässt sich nicht ausschließen, dass doch die Justiz die Frau zu dem Verzicht drängte.

"Da wollen iranische Offizielle im Ausland den Atomstreit oder Nahen Osten ansprechen, werden aber immer mit lästigen Fragen der Journalisten über solche Themen belästigt", sagte ein iranischer Journalist. Bei seinem Besuch im vergangenen Jahr in New York musste Präsident Mahmoud Ahmadinejad auf viele seiner geplanten Themen verzichten: Die Journalisten in den USA fragten ihn vor allem nach der Iranerin Sakineh Mohammadi Ashtiani, die wegen Ehebruchs gesteinigt werden sollte. "Das ist dem Präsidenten sehr auf die Nerven gegangen", so der Journalist.

Gewalt gegen Frauen

Iranische Soziologen sehen im Fall Bahrami vor allem Anlass, Politik und Justiz bedenken zu lassen, die männerorientierten Gesetze im Land zu revidieren. "Zwar lebt Bahrami noch, aber als Frau ist sie schon längst tot", sagte ein Soziologin in Teheran. Männer in der iranischen Gesellschaft haben es, auch wegen der islamischen Gesetze, sehr leicht, ihren Frust an Frauen auszulassen. Ob nun bei einer Scheidung, beim Sorgerecht für die Kinder oder bei Gewalt gegenüber Ehefrauen - Männer haben das Gesetz auf ihrer Seite.

Auch wenn eine "Auge-um-Auge"-Bestrafung von vielen Iranern für inakzeptabel gehalten werde - Täter sollten zumindest hohe Haftstrafen erhalten und ausreichend Schadenersatz zahlen müssen, fordern Experten. Männer wie Majid Mowahedi sollten erfahren, dass sie sich nicht alles erlauben dürfen. Bahrami sagte: "Ich habe auf die Vergeltung verzichtet, aber die Täter sollten wissen, dass dies ihre wahre Strafe ist."

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(apa/dpa / csm) Erstellt am
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