© REUTERS

Politik
05/05/2012

Die vielen Rätsel um Shukri Ghanem

Er hatte viele Freunde, aber noch mehr Feinde. Der Tod des libyschen Ex-Premiers wird immer mysteriöser.

von Dominik Schreiber

Vor einer Woche wurde die Leiche des ehe­maligen libyschen Ministerpräsidenten, Ölministers und Gaddafi-Vertrauten Shukri Ghanem vor der Wiener Copa Cagrana in der Donau entdeckt. Noch immer sind viele Fragen zur Person und zum Tod Ghanems offen, einige davon könnten bald geklärt werden. Der KURIER gibt einen Überblick zum Stand der Ermittlungen.

Wann wird die endgültige Todesursache feststehen?
Auch wenn offiziell Mordermittlungen laufen, ist bisher nur fix, dass Shukri Ghanem am Sonntag in der Früh ertrunken ist. Eine toxikologische Untersuchung ist derzeit in Seibersdorf im Gange. Dabei werden der Leiche entnommene Haare, Blut, Urin sowie Teile von Leber, Herz, Niere und Gehirn untersucht. Diese Körperteile müssen nach vielen verschiedenen Giften untersucht werden. Es kann beim ersten Test einen Treffer geben oder erst beim allerletzten – mitunter kann das einige Wochen und sogar Monate dauern. Wenn nichts gefunden wird, könnte der genaue Hergang des Todes ungeklärt bleiben.

Warum war Shukri Ghanem überhaupt in Wien?
Er arbeitete in den 90er-Jahren bei der OPEC in Wien, seine drei Töchter leben seit 1993 hier und haben – wie jeder andere nach zehn Jahren Aufenthalt auch – die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten. Ghanem selbst hatte – offenbar als Dank für billiges Öl – von Silvio Berlusconi die italie­nische Staatsbürgerschaft erhalten, war damit also EU-Bürger und durfte sich in der ganzen Union niederlassen.

Welche Geschäfte machte Ghanem in Österreich?
Mit Jörg Haiders Aufstieg in Kärnten soll der rund 50 Milliarden Euro schwere libysche Staatsfonds LIA die Kärntner Hypo als Hausbank benutzt haben. Nach dem Verkauf der Hypo an die Bayern wurde der LIA ab­gezogen. Als Libyen wenig später bei der italienischen Unicredit einstieg, soll er auf die Bank Austria umgeleitet worden sein. Ghanem hatte offenbar Zugriff darauf – und auf weitere Milliarden des Gaddafi-Imperiums.

Was genau ist die Ende März von ihm gegründete „Petrofin GmbH“ in Wien?
KURIER-Recherchen ergaben, dass es sich offenbar um einer Art Briefkasten­firma handelt. Sie ist am Firmensitz in der Krugerstraße nicht angeschrieben, verwendet die Türklingel eines verstorbenen Arztes. Zweiter Geschäftsführer der „Petrofin“ ist Wolfgang Spitzy, Aufsichtsratsvorsitzender von „Meinl Success“, des Wertpapierhändlers der Meinl Bank. Unklar ist, ob die Firma eine Drehscheibe für Gad­dafis Milliarden sein sollte.

Wer sind Shukri Ghanems Feinde? Wer hätte ein Mordmotiv?
Die Liste seine Feinde ist lang. Die jetzigen Machthaber in Libyen sinnen auf Revanche, Ghanem drohte eine Anklage wegen Korruption in Tripolis. Auch Gaddafis Sohn Saif musste Angst vor ihm haben. Bei einem internationalen Prozess wäre Ghanem als Zeuge vorgeladen worden und hätte alle Details über das alte Regime gewusst. Allerdings heißt es auch, dass Ghanem als Ölminister minderwertiges Erdöl als hochwertiges verkauft habe und sich damit weltweit zahlreiche weitere Feinde geschaffen hat.

"In Österreich ist alles möglich"

Der ehemalige Leiter des Sicherheits­büros, Max Edel­bacher, schließt politische Weisungen bei den Ermittlungen zum mysteriösen Tod Ghanems nicht aus. "In Österreich gibt es halt eine politische Weisungssucht", sagte er in einem Interview mit profil. Wie berichtet, wird wegen Mordes ermittelt. "Na ja, wer weiß, einfach nur ertrinken ist auch möglich. In Österreich ist alles möglich...", wird er weiter zitiert.

Edelbacher spielt unter anderem auf den Umgang heimischer Behörden mit Bossen der Ost-Mafia an. ",Sperrt die Hendl-Diebe ein, aber lasst die großen Sachen in Ruhe" war immer ein bisschen die Vorgabe von oben".

Das Magazin verweist auch auf einen Vorfall in der Villa von Saif al-Gaddafi, dem Sohn des früheren libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi und Freund Jörg Haiders. 2007 sei eine Gespielin Saifs vom Balkon gestürzt und schwer verletzt worden. Der Libyer habe das Land verlassen können, Ermittlungen seien eingestellt worden.

Unbehelligt sollen auch die Mörder eines Kurdenführers und zweier Mitarbeiter 1989 davongekommen sein. Die Täter, drei Iraner, seien mit Polizeischutz zum Flughafen eskortiert worden. Die Bundesregierung deutete damals an, erpresst worden zu sein.

Mehr zum Thema

  • Hauptartikel

  • Hintergrund

  • Hintergrund

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.