Politik 06.03.2013

Blutspur durch die Jahrhunderte

Das Verhältnis der beiden Weltreligionen ist bis heute spannungsgeladen.

Es war ein Eroberungsfeldzug, dem das oströmische und das persische Reich, geschwächt durch den Kampf gegeneinander, wenig bis nichts entgegenzusetzen hatten: Schon nach dem Tod des Propheten Mohammed 632 n. Chr. stießen arabische Heere nach Norden vor, 638 musste Jerusalem kapitulieren. Die Muslime überrannten Syrien, drangen bis Armenien vor und belagerten zwei Mal Konstantinopel (das heutige Istanbul). Im Westen hatten sie rasch Marokko erreicht, ehe sie 719 die Iberische Halbinsel unterwarfen und bis Südfrankreich vorstürmten. Sogar auf Sizilien musste eine Abwehrschlacht gegen die Araber geführt werden.

Ein Schock für das christliche Europa, die neue Religion wurde als höchst feindselig wahrgenommen. Zum Gegenschlag holten die weltlichen und kirchlichen Mächte Ende des 11. Jahrhunderts aus. Papst Urban II. forderte die Befreiung Jerusalems und des Heiligen Landes aus den Händen der Muslime.

KURIER-Serie Macht der Kirche
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Unmittelbarer Anlass für den Ersten Kreuzzug war ein Hilferuf des byzantinischen Kaisers Alexios I. Komnenos, der sich von den zum Islam übergetretenen Seldschuken (ein Turkvolk) militärisch bedrängt sah. Die Kreuzfahrer kämpften sich den Weg in Kleinasien frei und standen 1099 vor Jerusalem, das sie nach verlustreichen Gefechten einnahmen. Es folgten Gemetzel unter Muslimen und Juden. Doch letztlich war die Stadt nach weniger als 100 Jahren wieder verloren – und blieb mit Ausnahme eines kurzen Intermezzos bis zur Übernahme des Gebietes durch die Briten nach dem Ersten Weltkrieg unter muslimischer Hoheit.

Bei den insgesamt sieben Kreuzzügen ging es aber nicht nur um die Kontrolle Palästinas, mindestens ebenso wichtig waren ökonomische und kirchenpolitische Aspekte. Da mehrere Küstenstädte im östlichen Mittelmeer erobert wurden, erlebte der Orienthandel einen gewaltigen Aufschwung. Davon profitierten vor allem die italienischen Seerepubliken Genua, Pisa oder Venedig. Der Vierte Kreuzzug wurde extra nach Konstantinopel umgeleitet, um die Stadt zu plündern – die reiche Beute landete in Venedig. Dies belastete das Verhältnis zwischen dem katholischen Römischen Reich im Westen und dem orthodoxen Byzanz zusätzlich, das nach dem großen abendländischen Schisma 1054 ohnehin schon sehr angespannt war. Unter dem Deckmantel der Kreuzzüge sollte auch der Einfluss der Ostkirche eingedämmt werden.

Gesellschaftliche Gründe waren ebenso ausschlaggebend für die Feldzüge – sie betrafen den oberen und unteren Rand der mittelalterlichen Sozietät: Die jüngeren Söhne des Adels, die nicht erbberechtigt waren oder in einem Kloster bzw. im Klerus untergebracht werden konnten, sahen eine Chance, anderswo über ein kleines Gebiet zu herrschen. Und unter den unterdrückten sowie verarmten Bauern, denen vom Papst das Ende der Leibeigenschaft in Aussicht gestellt worden war, wenn sie das Kreuz auf sich nähmen, war der Kriegsdienst eine verlockende Alternative – zumal der Bevölkerungsdruck wuchs: Verbesserte Landwirtschaftsmethoden sowie günstigere klimatische Umstände ließen die Lebenserwartung in Europa steigen.

"Morden und rauben"

Mit den Kreuzzügen wurden Ressentiments gegen Muslime geschürt, die bei der Expansion der Osmanen in Europa abermals schlagend wurden. Selbst Martin Luther – damals noch katholisch – zog 1529, bei der ersten Türkenbelagerung Wiens, gegen den Islam vom Leder: „...weil die Christen zum Streit wider die Türken gefordert und berufen werden, sollen sie mit Freuden die Faust regen und getrost dreinschlagen, morden, rauben... Selig und heilig sind sie ewiglich.“

Bei der zweiten Türkenbelagerung Wiens im 17. Jahrhundert schmiedete der damalige Papst Innozenz XI. eine „Heilige Liga“ gegen die muslimischen Angreifer, stiftete 1,5 Mio. Gulden für den Krieg, der am 12. 9. 1683 mit polnischer Hilfe bei der Schlacht am Kahlenberg gewonnen wurde. Seither gilt Innozenz XI. als „Verteidiger des christlichen Abendlandes“, die Kampfszenen sind in einem Relief, das im Petersdom hängt, verewigt.

Nach einigen Scharmützeln auf dem Balkan samt der Annexion Bosniens mit seiner mehrheitlich muslimischen Bevölkerung durch die k.&k.-Monarchie machten die Habsburger und die sie stützende Kirche offiziell Frieden mit den Muslimen: 1912 wurde der Islam als staatlich anerkannte Religion verankert. Nach dem Zuzug türkischer Gastarbeiter ab den 1960er-Jahren sowie islam- und ausländerfeindlicher Agitation bestimmter Kreise hat sich das Verhältnis wieder eingetrübt.

Zukunft der Religionen

Die arabische Welt mit ihrer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung ist im Umbruch; die katholische Kirche auf der Suche nach einem neuen Oberhaupt; und das jüdische Israel nach einem Modus Vivendi mit den Palästinensern. Vor diesem Hintergrund wird in einem Buch die Zukunft der Religionen ausgelotet.

Weltmacht oder Auslaufmodell. Von Heiner Boberski, Josef Bruckmoser. Tyrolia. 224 S. 19,95 Euro.

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Alt-Papst erzürnte mit Regensburger Rede Muslime, dann setzte er Versöhnungsgeste

„Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.“ Dieses Zitat des byzantinischen Kaisers Manuel II., das Papst Benedikt XVI. in seiner berühmt gewordenen Regensburger Rede am 12. September 2006 verwendet hatte, löste einen Proteststurm in der gesamten muslimischen Welt aus. Das geistliche Oberhaupt des Iran, Ayatollah Ali Khamenei, bezeichnete die Papstrede als „letztes Glied eines Komplotts für einen Kreuzzug“.

In der Folge war der Vatikan um Schadensbegrenzung bemüht. Die katholische Kirche sei sehr wohl an einem Dialog mit den Muslimen interessiert.

Den Worten ließ Benedikt XVI. auch Taten folgen: Im November 2006 betete er in der Blauen Moschee in Istanbul – und wandelte damit auf den Spuren seines Vorgängers Johannes Paul II. Dieser hatte am 6. Mai 2001 die Umayyaden-Moschee in der syrischen Hauptstadt Damaskus besucht, es war das erste Mal überhaupt, dass ein Oberhaupt der katholischen Kirche ein islamisches Gebetshaus betreten hatte.

Trotz solcher Gesten und einer grundsätzlichen Versöhnung zwischen Katholiken und Muslimen durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962 -1965) bleibt das Verhältnis gespannt. Vor allem die Terroranschläge fanatisierter Islamisten vom 11. September 2001 in den USA haben dazu geführt, dass der Islam bisweilen unter Generalverdacht gestellt wurde.

Doch auch die Wortwahl des damaligen US-Präsidenten George W. Bush trug zu der neuen Frontstellung bei: Seinen militärischen Gegenschlag gegen das Al-Kaida-Netzwerk nannte der amerikanische Staatschef, der sich selbst als wiedererweckten Christen bezeichnet, einen „Kreuzzug“.

( Kurier ) Erstellt am 06.03.2013