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Politik
12/05/2011

Detektiv-Report: Blick in die Abgründe

In Österreich gibt es knapp 300 offizielle Privatdetektive. Der KURIER hat zwei getroffen. Über ein boomendes Geschäft.

Der wohl abgehalftertste Privatdetektiv der Weltliteratur, Philip Marlowe, würde sich wundern. Nichts in diesem hellen Büro im ersten Wiener Bezirk erinnert an jenes Loch, in dem die Romanfigur ihre Klienten empfängt.

Anstelle des Whiskeyglases steht ein riesiger Bildschirm auf dem Schreibtisch. Und dort, wo bei Marlowe der Verputz von den Wänden bröckelt, hängt bei Lukas Helmberger moderne Kunst.

Helmberger ist Berufsdetektiv und einer von 104 Wienern und knapp 300 Österreichern, die ihr Geld damit verdienen, Eheleute mit dem Gspusi in flagranti zu ertappen; die sich darauf verstehen, Wirtschaftskriminellen das Handwerk zu legen, und die ihre Identitäten wechseln wie andere Leute ihren Facebookstatus. Helmberger ist einer, der mit seinem Umfeld verschmelzen kann und der "mit den Abgründen der Menschen" zu tun hat. "Aber mit dem Klischee des Schnüfflers hat all das nichts gemein", ist er überzeugt. Als Detektiv halte man sich streng an die Buchstaben des Gesetzes. "Es geht darum, mögliche Schäden abzuwenden."

Die Geschäfte laufen gut. Neun Leute arbeiten Vollzeit für den Wiener. 3000 bis 5000 Euro kostet es, den Ehegatten beschatten zu lassen. "Aber nicht, dass Sie glauben, ich hätte nur weibliche Auftraggeber. Mann und Frau stehen sich in puncto Fremdgehen in nichts nach."

Schneller als die Polizei

Der Wiener erzählt von jenem Fall, als er sprichwörtlich schneller war, als die Polizei erlaubt. Damals, vor fünf Jahren, gelang ihm, was die Beamten der Polizei nicht vermochten: In wenigen Tagen forschte er einen jungen Burschen aus, der für den Tod eines Pensionisten verantwortlich war. "Grundsätzlich ist unser Verhältnis zur Polizei gut. Wir haben auch nur selten Berührungspunkte", sagt Helmberger.

Doch wo verläuft die Grenze zwischen Schnüffelei und sauberer Recherche? "Während Polizisten nur dürfen, was explizit erlaubt ist, dürfen wir auch das, was nicht explizit verboten ist", beschreibt er den Graubereich, den seine Zunft bei Recherchen oft durchschreitet. "Unsere Kunden müssen ein berechtigtes Interesse haben", sagt er. "Wir übernehmen nicht jeden Auftrag."

Martin Ulm sieht das ähnlich. Auch er ist schon lange im Geschäft tätig. Ein Foto will er von sich aber lieber nicht in der Zeitung sehen. "Es gibt Gesetze, an die wir uns zu halten haben - wie jeder andere Bürger auch", sagt Ulm, der auch für Medien schon mehrere Recherchen erledigt hat. "Wir hören keine Leute ab und nehmen keine Aufträge an, wo Recherchen für Erpressungen missbraucht werden könnten. Spionage ist tabu."
Doch genau das ist in Großbritannien geschehen. Journalisten und Detektive ließen sich dort auf eine unheilvolle Allianz ein und hörten Telefone von Vermissten und von Angehörigen gefallener Soldaten ab. "Das ist erstens gegen das Gesetz und zweitens moralisch verwerflich", sagt Helmberger.

Doch wie kommt man als Detektiv anders an Informationen als durch kleine Lügen? "Lügen heißen bei uns Legenden", sagt er freimütig, "und sie sind natürlich Teil unseres Geschäfts." Doch die meisten, sagt Ulm, würden ohnedies weit mehr erzählen, als man sie gefragt hat. Auch ganz ohne illegale Abhörmethoden. "Oft genügt der Blick ins Internet."

Hintergrund: Wie man Privatdetektiv wird

Anforderung Lukas Helmberger ist überzeugt: „Es ist kein Job wie jeder andere.“ Man müsse flexibel sein und auch an Wochenenden arbeiten. In seiner Kanzlei arbeiten Alt und Jung, Mann und Frau, Studierte und Schulabbrecher. „Wichtig ist, dass man mit seinem Umfeld verschmelzen kann, um unauffällig zu bleiben.“

Prüfung Gewerbetreibende müssen eine Prüfung vor einer Kommission ablegen. Seit Längerem bietet der Österreichische Detektiv Verband (ÖDV) eine Ausbildung für Detektivassistenten, Kaufhausdetektive und für Personenschützer an. Die Ausbildung wird auch von der Europäischen Detektiv Akademie (EURODET) anerkannt.