Politik
05.12.2011

Darabos auf Spähmission in Berlin

Heer: Während ihn die ÖVP täglich kritisiert, sammelt Norbert Darabos in Berlin beim CDU-Amtskollegen Argumente gegen die Wehrpflicht

Wenn Manfred Schlenker seine Mitarbeiter am Festnetz im Büro anruft und sie heben ab, dann weiß der General: Es gibt ein Problem.

"Die dürfen nicht rumsitzen, die müssen ständig unterwegs sein. Auf Zeltfesten, in Schulen, auch an den Wochenenden. Ich darf meine Männer nicht an ihren Schreibtischen erreichen - außer, ich melde mich vorher an", sagt Schlenker.

Der 60-jährige Soldat mit der kräftigen Statur und dem weißen Haar ist ein gefragter Mann in diesen Tagen. Schlenker ist Chef des Personalamtes der deutschen Armee, damit de facto oberster Headhunter der Bundeswehr - und für Norbert Darabos besonders interessant.
Gestern, Mittwoch, ist Österreichs Verteidigungsminister nach Berlin geflogen, um Amtskollege Thomas de Maizière zu treffen. Und fast ebenso wichtig, wie das Treffen mit Angela Merkels "Ausputzer" (DIE ZEIT), ist für den heimischen Heereschef, was er im Besprechungsraum 201 des Zentrums für Nachwuchsgewinnung OST in Berlin-Grünau von Herrn Schlenker hört. Denn seit 1. Juli hat Deutschland die Wehrpflicht ausgesetzt, sprich abgeschafft; und damit steht Deutschland vor den gleichen Herausforderungen, die auch auf Österreich warten, sollte die Wehrpflicht fallen.

Marketing

Wie also macht sie das, die Bundeswehr? Wie begeistert sie junge Leute für den Dienst in der Uniform? Eines der Schlüsselwörter: Marketing. "Wir werben überall, besonders im Netz. Facebook und StudiVZ sind ein Muss, da sind die jungen Leute", sagt Schlenker.

Die Bundeswehr leistet sich 110 Informationsbüros, Werbe-Lkw fahren durchs ganze Land. 16 Millionen Euro steckt Deutschlands Armee allein in die Werbung für die Freiwilligen - offenbar mit Erfolg. Denn über mangelnden Zulauf kann sie nicht klagen. "Die Quote ist 3:1. Von 7500 Bewerbern werden 2500 genommen - wir können uns die Kandidaten also aussuche", sagt Schlenker.

Und was ist mit Meldungen, wonach sich zu wenige Freiwillige melden? Ein echtes Problem oder werden hier Startschwierigkeiten aufgebauscht? "Im Großen und Ganzen sind wir voll im Plan", sagt Schlenker. Nur gibt es in Deutschland - im Unterschied zu Österreich - zusätzlich zu Berufs- und Zeitsoldaten noch Freiwillige, die sechs Monate beim Heer "schnuppern" können - und bei eben diesen 5000 Bewerbern wird man erst im Oktober das Soll erreichen.

Offensive

Für Darabos ist die Späh-Mission eine Frage der Offensive: Während ihm die ÖVP vorwirft, er gefährde die Sicherheit des Landes, will der SPÖ-Ressortchef Tempo machen: Am Dienstag hielt er fest, die Pilot-Projekte zur Abschaffung der Wehrpflicht werden 2012 fix kommen; und gestern ließ er sich erklären, wie die Deutschen auf potenzielle Kandidaten zugehen. "Denn da kann man sich immer etwas abschauen."

Was der Österreicher von seinem Duz-Freund de Maizière im Berliner Bendlerblock hört, ist scharfe Munition für die Debatte zu Hause. Denn der Christdemokrat findet so gar keine Argumente für die Wehrpflicht, im Gegenteil: Er erklärt sie zum "Auslaufmodell" und sagt, dass sechs Monate Grundwehrdienst militärisch gar keinen Sinn machen: "So gesehen war bei uns bereits die Verkürzung auf sechs Monate das eigentliche Ende der Wehrpflicht." All das ist Balsam auf Darabos' Seele. Zu Hause in Wien wird er nun noch überzeugter sein Modell bewerben. Und bisweilen beweist er ja Instinkt - wie gerade eben beim Werbe-Lkw der Bundeswehr. Ein Offizier will ihm Military-Flipflops in Größe 46 schenken, doch der Österreicher reicht das Paar flugs weiter. - Der Minister und die allzu großen Schuhe? Kein Ressortchef will so ein Foto von sich. Schon gar nicht Norbert Darabos.