© Jeff Mangione

Politik
10/29/2012

Chat-Nachlese mit Minoo Amir-Mokri-Belza

Die Integrationsexpertin zu den Themen Staatsbürgerschaft, Asyl oder Muttersprache - der KURIER-Chat zum Nachlesen.

Horst H. per Mail: Integration - nein, nicht Assimilation - setzt Integrationswillen (in erster Linie der Zuwanderer) und Anpassung an geltende Werte und Normen voraus! Stimmen Sie zu? Wenn ja, warum, wenn nicht, warum?

Minoo Amir-Mokri-Belza: Lieber Horst H., grundsätzlich stimme ich Ihnen zu, dass man bereit sein muss, sich im österreichischen Leben zu integrieren. Allerdings ist dies für mich nicht gleichgesetzt mit einer kompletten Anpassung an die geltenden Werte und Normen. Aus meiner Sicht sollen alle Menschen, die in Österreich leben, sich an die hier geltenden Werte und Normen halten, dies schließt aber nicht die Beibehaltung der mitgebrachten Werte aus den Herkunftsländern aus. Am wichtigsten erscheint mir eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, in der man lebt, zu haben.

Carla Kato: Hallo Frau Amir-Mokri-Belza! Wo sehen Sie derzeit noch die größten Defizite in der österreichischen Integrationspolitik? Und was braucht es, um hier zu Lösungen zu kommen, die für beide Seiten passen?

Hallo Fr. Kato, gerne fange ich mit etwas Positivem an: nämlich dass es seit kurzem überhaupt eine Integrationspolitik gibt. Noch besser wäre es, wenn Integration mehr als Querschnittsmaterie und nicht als Sicherheitsthema wahrgenommen werden würde. Bei Integration geht es vielmehr auch um Themen wie Bildung, Erwerbstätigkeit, Gesundheit und Wohnen - also um alle Lebensbereiche. Gleichzeitig sollte der öffentliche Dienst auch ein Spiegelbild der Gesellschaft sein und daher mehr Personen mit Migrationshintergrund in den oben genannten Bereichen einsetzen.

Maria Christina: Ich nehme an, Sie haben viel mit Integrationsstaatssekretär Kurz zu tun. Wie schätzen Sie seine Arbeit bislang ein?

Guten Morgen, Maria Christina. Integrationsstaatssekretär Kurz hat in seiner bisherigen Amtszeit geschafft, Integration in der Öffentlichkeit zum Thema zu machen. Aus der Praxis kann ich sagen, dass eine gute Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz besteht; er uns sein Team haben grundsätzlich ein offenes Ohr sowohl für die Vorschläge als auch für die Kritik von zivilgesellschaftlichen Organisationen.

Maria Christina: Gibt es ein europäisches Land, das seine Integrationsprobleme vorbildlich anpackt?

Herausforderungen und Probleme gibt es in ganz Europa, in unterschiedlicher Weise. Aber wie auch in anderen Bereichen denke ich, dass die skandinavischen Länder einen Schritt weiter sind. Sie haben einfach bereits viel früher begonnen, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Jörg Tschürtz: Was halten Sie vom Vorschlag von StS Kurz zur Flexibilisierung des Staatsbürgerschaftsrechts?

Migranten und Migrantinnen die österreichische Staatsbürgerschaft als Perspektive erreichbarer zu machen, halte ich für einen sehr guten Weg. Denn erst die österreichische Staatsbürgerschaft ermöglicht die hundertprozentige Teilhabe an der Gesellschaft. Dies bedeutet umgekehrt aber nicht, dass MigrantInnen ohne Staatsbürgerschaft nicht andere Formen der Teilhabe ermöglicht werden sollten - wie ein kommunales Wahlrecht und ein erleichterter Zugang zum Arbeitsmarkt. Der Erwerb der Staatsbürgerschaft stellt derzeit eine massive Hürde für MigrantInnen dar.

grumpel: Was halten Sie als Mitarbeiterin des Roten Kreuzes von StS Kurz` Vorschlag, dass Migranten, die sich etwa beim Roten Kreuz engagieren, die Staatsbürgerschaft schneller verliehen bekommen sollen?

Das freiwillige Engagement ist einerseits eine gute Möglichkeit der Teilhabe und andererseits die Übernahme von Verantwortung für die Gesellschaft. Demnach finde ich es gut, das freiwillige Engagement im Allgemeinen attraktiver zu gestalten; im Speziellen würde das sowohl für die Organisationen als auch für MigrantInnen positive Auswirkungen haben.

Dario Maglov: Was würden Sie zu jemaden sagen der Eingebürgert ist, aber Deutsch nicht einmal auf der Stufe A2 sprechen kann?

Hallo Dario Maglov, ich finde das schade für die Person, denn dadurch ist sie von vielen Bereichen in Österreich ausgeschlossen. Allerdings glaube ich, dass die Einbürgerung viele Jahre zurückliegen muss, denn die Anforderungen an die Sprachkenntnisse von MigrantInnen sind mittlerweile sehr hoch.

salcmi: warum sind gerade migranten mit islamischen wurzeln alles andere als integrationswillig und warum sollen wir dafür bezahlen das migranten aller herren länder ausgerechnet in das österreichische wolfahrtssystem kommen wollen und warum ist das sozialsystem in österreich so großzügig zu migranten das für bedürftige österreicher nichts mehr übrig bleibt?

Hallo! Es scheint, dass Sie mit MigrantInnen mit islamischen Wurzeln schlechte Erfahrungen haben - aus meiner Sicht sind MigrantInnen mit islamischen Wurzeln nicht integrationsunwilliger oder -williger als andere. Personen mit islamischen Wurzeln fallen nur äußerlich nur mehr auf als Christen. Österreich ist zwar ein großzügiges Land, aber ich kann Ihre Meinung, dass MigrantInnen mehr bekommen als Österreicher, nicht teilen. Wenn Sie noch Details wissen wollen, empfehle ich Ihnen das Buch "Migration - Integration" von der Statistik Austria.

Leopold Baumgartner: was sind Ihre konkreten Vorschläge zur Verbesserung der Asylsituation?

Lieber Hr. Baumgartner! Primär sollte uns bewusst sein, dass Personen, die in Österreich um Asyl ansuchen, triftige Gründe haben, um aus ihrer Heimat zu fliehen. Selbstverständlich sind auch Missbrauchsfälle darunter, aber diese sind in der Minderheit. Zur Verbesserung der Asylsituation in Europa würde endlich ein gemeinsames europäisches Asylsystem wesentlich beitragen. Insbesondere sollten in allen europäischen Ländern die gleichen Aufnahme- und Verfahrensrichtlinien gelten, damit es nicht zu derartigen humanitären Katastrophen wie zur Zeit in Griechenland kommt. Die EU sollte sich auch überlegen, andere Möglichkeiten der Migration nach Europa zu ermöglichen, sodass Asyl (!) nicht die einzige Form der Zuwanderung in die EU bleibt. Grundsätzlich ist aber zu sagen, dass dieses Thema hier generell den Rahmen sprengen würde.

didka: Liebe Frau Amir-Mokri,
Meine Kinder haben eine andere Muttersprache als Deutsch. Wie stehen Sie zum Thema Muttersprache und und Deutsch? Welche Sprache ist da wichtiger?

Liebe/r didka, es gibt zahlreiche Studien darüber, dass der Erwerb der Erstsprache (Muttersprache) sehr wesentlich für den Erwerb der Zweitsprache ist. Viel wichtiger erscheint es, dass Kinder überhaupt eine Familiensprache haben, das heißt, dass ihnen vorgelesen wird, dass mit ihnen gesprochen wird. Zusammenfassend kann man sagen, dass wenn die Muttersprache gut gesprochen wird, das Erlernen von Deutsch deutlich erleichtert wird. Also lassen Sie Ihre Kinder ihre Muttersprache sprechen.

Carla Kato: Ich möchte auf das Stichwort "Spiegelbild der Gesellschaft" noch einmal eingehen: In TV-Werbungen, aber auch auf Werbeplakaten beispielsweise sind kaum Menschen zu sehen, denen man einen Migrationshintergrund ankennt. Denken Sie, dass hier eine Veränderung zu mehr Toleranz innerhalb der Gesellschaft führen könnte?

Minoo Amir-Mokri-Belza: Ja!

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