Politik
12.01.2012

Briten wollen mitteleuropäische Zeit

Sie fahren zwar noch links, doch sie überlegen, die Greenwich Mean Time abzuschaffen und Europa näher zu rücken.

Big Ben in London könnte bald die gleiche Uhrzeit anzeigen wie das Rathaus in Wien. Die britische Regierung erwägt nämlich, die "Greenwich Mean Time" abzuschaffen und das Land auf mitteleuropäische Zeit umzustellen – im Sommer wie im Winter.
Auch in Irland, wo die Uhren wie in Großbritannien gehen, machen Teile der Regierung für eine Umstellung mobil.

Menschen glücklicher

Die Befürworter in London und Dublin argumentieren ähnlich: Stromverbrauch und -Emissionen würden sinken, es gäbe weniger Verkehrstote, außerdem würde der Tourismus profitieren, wenn es später dunkel wird. "Großbritannien wäre glücklicher, gesünder und wohlhabender", sagt die konservative britische Abgeordnete Rebecca Harris, die einen Gesetzesantrag zur Zeitzonen-Umstellung im Londoner Unterhaus eingebracht hat.

Derartige Vorstöße gab es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder. Im Zweiten Weltkrieg stellten die Briten sogar kurzfristig auf mitteleuropäische Zeit um, um Energie zu sparen. So weit wie jetzt war die Debatte aber noch nie. Sowohl die britische als auch die irische Regierung haben heuer Studien in Auftrag gegeben, die Vor- und Nachteile einer Umstellung zeigen sollen.

Schotten sind dagegen

Der britische Premier David Cameron hat angedeutet, persönlich für eine Umstellung zu sein: "Als jemand, der gerne Sport betreibt, bin ich an dieser Debatte besonders interessiert. Aber wir können das nur machen, wenn alle Nationen in Großbritannien dafür sind."

Genau daran könnte es scheitern. In Schottland ist der Widerstand groß. Weil es weiter nördlich liegt als England, könnte eine Umstellung auf mitteleuropäische Zeit dazu führen, dass es im Winter mancherorts erst um zehn Uhr Vormittag hell wird. "Es ist kein Geheimnis, dass die Tories (die regierenden Konservativen) im Süden wollen, dass Schottland in der Dunkelheit verharrt", empört sich Angus MacNeil, Abgeordneter der schottischen Nationalpartei.

Er erhält wissenschaftlichen Beistand von Schlafforscher Jim Horne von der Loughborough Universität: "Wir Menschen stehen nicht gerne auf, wenn es dunkel ist. Nicht weil wir faul sind, sondern weil sich unsere innere Schlaf-Uhr am Tageslicht orientiert."

Boulevard gegen Zwang

Gegen eine Umstellung auf Mitteleuropa-Zeit mobilisiert auch der britische Boulevard. "Lasst euch nicht zwingen, unter Berliner Zeit zu leben!", rief die Mail on Sunday ihren Lesern zu. Die Allianz der Befürworter wird aber immer größer. Greenpeace und der nationale englische Fußballverband FA gehören dazu – und die Wirtschaft. Die wichtigsten Handelspartner von Briten und Iren sind die Westeuropäer. Die Umstellung auf deren Zeit würde die tägliche Zusammenarbeit erleichtern, argumentieren die Wirtschaftsministerien in London und Dublin.

Die britische Allianz für eine Zeitumstellung lobbyiert eifrig bei Entscheidungsträgern in Wales und Schottland für ihr Anliegen. Gelingt es ihr, genug Unterstützer zu finden, könnte es schon im Frühjahr 2012 eine Abstimmung über den Gesetzesantrag in den beiden Parlamentskammern geben. Bei einem Ja käme zunächst eine dreijährige Probephase.
Irland würde wohl prompt folgen: Großbritannien ist der mit Abstand wichtigste Handelspartner.