Politik 05.12.2011

Boulevard-Blätter: List und Können

Kleinformatig, reich bebildert, große Überschriften, Emotionen - das sind Charakteristika der Boulevardpresse. Ein Überblick.

Die Boulevardpresse verdankt ihren Namen dem Umstand, dass sie einst nur auf der Straße, dem Boulevard, verkauft wurde. Mittlerweile gelten Boulevard-Blätter, die auch als Tabloid (wegen des Kleinformates), Regenbogen- oder Klatschpresse (ob der Themenvielfalt) oder Yellow-Press (wegen William Randolph Hearst und Joseph Pulitzer, die Sensationsnachrichten im 19. Jahrhundert in den USA in Form von Comics auf gelbem Papier druckten) bezeichnet werden, als eigenes Genre. Optische Merkmale sind Kleinformat, großflächige Bilder, große Überschriften, Emotionen ansprechende Aufmachungen und kurze Sätze wie Artikel. Inhaltliche Schwerpunkte sind Chronik, Sport und Prominente. Einige Zeitungen sind kostenlos.

Während sich in der Schweiz Blick, Le Matin oder 20 Minuten sowie in Österreich Krone, Österreich und Heute den "Boulevard-Markt" teilen, ist die Konkurrenz in Deutschland (Bild, Kölner Express, Hamburger Morgenpost, Münchner Abendzeitung, etc.) und Großbritannien um ein Vielfaches größer. In Deutschland (81 Mio. Einwohner) werden täglich 2,85 Mio. Exemplare der Bild-Zeitung verkauft - damit ist Bild exklusive Japan die auflagenstärkste Zeitung weltweit.

The Mail on Sunday titelt nach der Abhöraffäre: "Blairs Versuch, einen Abgeordneten zum Schweigen zu bringen, der Murdoch bloßstellen wollte"
© Bild: Reuters

Auflage wie Inhalt in nichts nach steht der britische Boulevard, wenngleich er in seinen jetzigen Ausformungen unvergleichbar erscheint.
Warum die Yellow-Press dort eine um so viel härter (Um-)gang(s)art einlegt, mag der Geschichte und einer Straße geschuldet sein. Fleet Street. 20. Jahrhundert. Eine Redaktion reiht sich an die nächste. Qualitätszeitungen wie The Daily Telegraph, The Times, The Guardian, The Financial Times sind Tür an Tür mit Boulevard-Zeitungen wie News of the World, Daily Mirror, Daily Express oder Daily Mail. Letztere buhlen seit Jahren um Leser, vorzugsweise in der Arbeiterschicht. Sensationsstorys sind Pflicht, nicht Kür. Wer nicht liefert, ist seinen Job los. Neben Bleistift und Block wird ob der Konkurrenz auch zu unlauteren Mitteln gegriffen. Um an Infos zu kommen, wird mitunter gedroht, erpresst, bestochen. 1986. Die Technik hält Einzug in die Fleet Street. Die Gewerkschaft steht für Drucker und Setzer ein. Streiks folgen Massenentlassungen, da das Handwerk nicht mehr gefragt ist. Rupert Murdoch zieht seine Redaktionen aus der Fleet Street ab, andere ziehen mit. Der Konkurrenzkampf geht weiter. Bis heute. Egal, ob wieder in der Fleet Street oder anderswo.

Die Millionen-Auflagen von Sun (3,1), News of the World (2,7) oder Daily Mirror (1,1 ) bringen Geld und Macht. Wer sich etwaigem Druck nicht beugt, sieht seinen Namen anderntags oft trotzdem in der Presse - egal, ob Politiker oder Promis, Opfer oder Täter. Egal, ob in Großbritannien oder anderswo. "Die einzigen Qualitäten, die es für Erfolg im Journalismus braucht, sind rattenähnliche List, vernünftige Manieren und ein bisschen literarisches Können", definierte der britische Journalist Nicholas Tomalin (1931-1973) das notwendige Rüstzeug.

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011